Streng gehütete Geheimnisse - und die Liebe eines Lebens!
Monty Gilbert hat vor seinem Tod alles arrangiert: Nicht nur seine irische Familie wird üppig bedacht, sondern auch seine seit 30 Jahren geheim gehaltene Zweitfamilie in Südafrika. Der Schock sitzt auf beiden Seiten tief - und nur eine wagt, sich den »Rivalen« zu stellen: Tabitha, die sich aufmacht nach Kapstadt - und dort eine Entdeckung macht, die nicht nur ihr Leben für immer verändert ...
. Ein wunderschöner Roman zum Mitlieben und -leiden! Mit Wohlfühl-Garantie!
. Für alle Leserinnen von Cathy Kelly!
Will setzte sich neben sie, und sie sahen zu, wie die Wellen auf den weißen Sandstrand rollten. "Wenn du über das Wasser gehen willst, musst du aus dem Boot springen", sagte er.
Sie nahm eine Handvoll trockenen warmen Sand und ließ ihn durch ihre Finger rieseln. "Das hat Monty auch immer gesagt, wenn er uns dazu bringen wollte, etwas Neues auszuprobieren." Sie musste blinzeln, wenn sie ihn ansah, so grell war die Sonne geworden. "Hast du ihn gerade wörtlich zitiert?"
Er zuckte die Achseln. "Alles, was ich damit sagen will, ist, dass man etwas wagen muss." Seine Augen weiteten sich, und er lächelte sie an. "Fürchte dich nicht vor dem Leben - lebe es."
"Ich soll also über das Wasser gehen?" Will nickte und blickte auf das türkisblaue Meer hinaus.
"Aber ich will gar nicht über das Wasser gehen", verkündete sie, als sie aufsprang und auf die Wellen zulief. Ihre milchweiße Haut leuchtete förmlich im Schein der heißen südafrikanischen Sonne. Das befreiende Gefühl völliger Nacktheit einen Moment in vollen Zügen auskostend, breitete sie die Arme aus. Dann blieb sie stehen und drehte sich zu Will um. "Ich möchte auf den Wellen tanzen!" Sie sprach mit einer solchen Leidenschaft, dass es unmöglich war, sich von ihrer Begeisterung nicht mitreißen zu lassen.
Er wölbte beide Hände um den Mund, damit sie ihn besser hören konnte. "Aber nicht hier!", rief er. "Die Haie werden dich zum Frühstück verspeisen!"
Doch sie lief unbeirrt weiter.
Tabitha bahnte sich höflich, aber bestimmt einen Weg durch die Menge, die sich in dem überfüllten Wohnzimmer drängte, und steuerte auf ihren Bruder Oscar zu, der bei zwei Freunden stand.
"Oz", sie sprach ihn mit Spitznamen an, "kennst du eine hochgradig nervöse Type namens Jazz?"
"Jazz? Nie gehört. Hat er behauptet, ein Freund von mir zu sein?"
"Er ist eine Sie", berichtigte ihn Tabitha, "und sie ist draußen in der Halle und macht da einen ziemlichen Aufstand. Die Frau wirkt völlig aufgelöst und sagt andauernd, sie will Daddy sehen. Ähem, wo ist Mum?"
Oscar zuckte die Schultern. "Sie war eben noch hier, aber Finbar hat sie aus dem Zimmer gelotst. Vielleicht wollte er dafür sorgen, dass sie etwas isst. Versuch's doch mal in der Küche."
"Ich will sie nicht holen, sondern von dieser Frau fernhalten", erklärte Tabitha ungeduldig. "Sie wird Mum nur unnötig aufregen. Wenn du mich fragst, benimmt sich diese Jazz hysterischer als irgendjemand von uns."
Oscar schüttelte den Kopf. "Ich verstehe nur Bahnhof. Hat sie gesagt, sie wäre eine Freundin von mir oder von Dad?", fragte er, da ihm das wachsende Unbehagen seiner Schwester nicht entging.
"Frag mich", sie schüttelte den Kopf. "Man bekommt kein vernünftiges Wort aus ihr heraus. Ich bin zufällig gerade durch die Halle gegangen, als es geklingelt hat. Mrs. Barton stand in der Nähe der Tür und hat ihr aufgemacht."
Oscar verdrehte die Augen und wandte sich an seine Freunde. "Nora Barton ist die größte Klatschbase im Ort." Dann sah er seine Schwester an. "Wetten, sie hat extra dort Posten bezogen, um mitzuzählen, wer alles zu Dads Totenwache kommt?"
"Schon möglich, jedenfalls hat sie jetzt diese Fremde in der Mangel."
"Wer sie auch sein mag, aus Noras Fängen sollten wir sie unbedingt befreien." Oscar steuerte auf die Halle zu. Tabitha, Clive und Matt folgten ihm. "Wahrscheinlich ist sie nur eine Bekannte von Dad. Bitte sie herein und gib ihr etwas zu trinken", sagte er zu niemandem im Besonderen. Auf den Anblick, der sich ihm in der Halle bot, war er allerdings nicht vorbereitet.
Dort stand die bei weitem attraktivste Frau, die er je gesehen hatte, und unterhielt sich mit Mrs. Barton. Sie war mit Sicherheit keine Irin, ihre Haut schimmerte wie mit Honig glasiertes Karamell. Oscar verfügte über beträchtliche Erfahrung auf dem Gebiet weiblicher Verschönerungskunst. Er kannte sich mit Selbstbräunern und Sonnenbänken bestens aus, weil seine Verlobte ständig die neuesten Produkte ausprobierte. Aber nie hatte er eine so zarte, makellose Haut gesehen wie die der Fremden. Zwar konnte er nur Gesicht und Hände erkennen, weil der Rest von ihr unter dicker Winterkleidung verborgen war, aber er war sicher, dass es auch an dem, was seinem Blick verborgen blieb, nichts auszusetzen gab.
Seine Verlobte Lucy hatte lange dunkelbraune Locken, aber Oscar blickte auch auf eine ganze Reihe blonder Freundinnen zurück. Matt und Clive hatten ihn immer damit aufgezogen, dass keine Blondine vor ihm sicher sei, weil sie perfekt in sein bevorzugtes Beuteschema passte. Auf jeden Fall wusste Oscar eine Naturblonde sehr wohl von einer zu unterscheiden, die der Natur ein wenig nachgeholfen hatte. Er war absolut sicher, dass kein chemisches Hilfsmittel auf der Welt diesen Platinton erzeugen konnte, den das Haar ihres ungebetenen Gastes hatte. Jazz maß gut einen Meter achtzig, trug hautenge dunkelblaue Jeans und schwarze Cowboystiefel. Man hätte sie leicht für ein Supermodel halten können. Sämtliche Männer in ihrer Nähe verrenkten sich die Hälse nach ihr. Als sie sich zu Oscar umdrehte, blickte er in ein Paar faszinierende dunkelbraune, mandelförmige Augen. Sie musste ein Supermodel sein, dachte er angetan. Zu seiner Verwunderung las er in ihren wunderschönen Augen tiefen, aufrichtigen Schmerz, was sie seltsamerweise noch anziehender machte.
"Hi." Er streckte ihr die Hand hin. "Ich bin Oscar Gilbert, Montys Sohn. Ich nehme an, Sie waren eine Freundin meines Vaters?"
Sie umschloss seine Hand mit ihren beiden und umklammerte sie verzweifelt. "Bitte sagen Sie mir nicht, dass ich zu spät gekommen bin. Er ist doch nicht ... er ist doch nicht tot, oder?" Ihre Augen hatten sich mit Tränen gefüllt, und sie schien kurz davor, die Fassung zu verlieren. Oscar nahm sie sanft am Arm und führte sie zur Treppe von Lyndon Hall, fort von Mrs. Bartons gierigen Raubvogelaugen und ihren gespitzten Ohren. "Es tut mir leid, aber mein Vater ist letzten Montag gestorben", teilte er ihr leise mit, als sie vor der untersten Stufe standen.
Jazz hielt sich an dem massiven Eichenholzgeländer fest, weil ihre Beine unter ihr nachzugeben drohten. "Also bin ich zu spät gekommen. Er ist tot!"
"Ja. Dies ist seine Totenfeier.