Japanische Geschichten aus der Psychotherapie Fünf neue Fälle für den eigenwilligen japanischen Psychiater Dr. Irabu: Ein Redakteur in der Midlife-Crisis, für den alles, was er anpackt, zur Obsession wird. Ein betrogener Ehemann, der die Trennung von seiner Frau nicht überwinden kann. Eine junge Frau, die um jeden Preis ins Showgeschäft will. Ein kleiner Junge, der süchtig ist nach seinem Handy. Und ein Reporter, dessen übertriebenes Verantwortungsbewusstsein Zwangsvorstellungen hervorruft. Sie alle landen in der Praxis von Dr. Irabu, der sie mit seinen ungewöhnlichen Methoden therapiert. Dr. Irabu ist Kult in Japan ? einige der Kurzgeschichten wurden bereits verfilmt. "Mehr als nur eine gelungene Unterhaltungslektüre." Deutschlandradio "Unter den Meisterwerken der Komödie darf diese namhafte Figur nicht fehlen." Yomiuri Shinbun "In der japanischen Literatur hat sich eine neue, urkomische Gestalt eingenistet." Yomiuri Shinbun
Der Schwimmjunkie
1
Im Kellergeschoss der Irabu-Poliklinik war es totenstill. Keine Menschenseele war zu sehen. Kazuo Omori blickte mit einem Seufzer auf das Schild »Neurologie«. Durch das fehlende Außenlicht wirkte der fahle Schein der Neonlampen noch kälter und ließ den Besucher unwillkürlich frösteln.
Da hatte man ihn ja sauber abserviert, dachte er grimmig, und er erinnerte sich an den jungen Arzt, der seine Klagen über die Beschwerden in letzter Zeit ohne große Anteilnahme zur Kenntnis genommen hatte. Nach der Blutabnahme am Tag zuvor meinte der Arzt mit spöttischem Unterton: »Wie wär′s denn mit Joghurt?« Röntgenbild und Urinprobe zeigten auch kein greifbares Ergebnis, und schließlich riet man ihm, in der Neurologie vorbeizuschauen.
»Der zuständige Arzt dort wirkt am Anfang vielleicht etwas merkwürdig, doch daran gewöhnt man sich«, merkte der Arzt mit einem gequälten Grinsen an, ohne dabei Kazuo direkt in die Augen zu blicken.
Das waren also die Krankenhäuser heutzutage!, empörte sich Kazuo innerlich. Man war offensichtlich froh, wenn man Patienten wie ihn abwimmeln konnte.
Als er vorsichtig an die Tür klopfte, ertönte augenblicklich eine schrille Stimme aus dem Innern: »Hereinspaziert!« Sie erinnerte Kazuo an den Baseballtrainer Nagashima von den Giants. Er betrat das Behandlungszimmer.
Nachdem er die Tür hinter sich zugemacht hatte, sah er mitten im Zimmer tief in einem Sessel versunken einen dicklichen Arzt sitzen, den er auf Anfang vierzig schätzte. An einem Tisch in der Zimmerecke blätterte eine Krankenschwester mit brünett gefärbten Haaren gelangweilt in einer Zeitschrift. Sie würdigte Kazuo keines Blickes.
»Nur keine falsche Scheu!«, grinste der Arzt Kazuo an und machte eine einladende Geste in Richtung eines einsamen Hockers.
Kazuo setzte sich und warf einen Blick auf das Namensschild, das auf der Brust des Arztes prangte. Dr. med. Ichiro Irabu stand darauf. Offensichtlich hatte er es mit dem Erben des Krankenhauses zu tun.
»Wollen Sie einen Kaffee?«
»Wie bitte?«
»Kaffee. Ist allerdings nur Pulverkaffee. Mayumi, sei ein Schatz und bring uns mal eben zwei Kaffee, ja?«, rief Irabu der Krankenschwester zu, ohne eine Antwort abzuwarten. Die junge Frau stand wortlos auf und schlurfte geräuschvoll und mit griesgrämigem Gesicht ins Nebenzimmer.
»Ich habe Ihre Akte kurz überflogen«, fuhr Irabu fröhlich fort. »Psychosomatisch bedingtes Leiden!«
»Wie bitte?«
»Ein seelisches Leiden. Nicht untypisch.«
»Ich verstehe nicht ganz ...« Kazuo empfand einen Anflug von Ärger. Etwas mehr Feingefühl hatte er schon erwartet! Hierher kamen Patienten, die sich keinen Rat mehr wussten, und dann wurde ihnen so etwas unverblümt ins Gesicht geschleudert.
»Die Typen vom Erdgeschoss, was denken die sich eigentlich!« Irabu deutete mit dem Finger zur Decke. »Bei jedem Patienten diagnostizieren sie immer gleich eine Funktionsstörung. Anstatt dass sie auch mal an mich denken und mir mehr Patienten runterschicken!«
»Ich verstehe...«
»Die wollen alle Patienten nur für sich haben!«
»Aha...«
Kazuo war sich da nicht so sicher, behielt seine Meinung aber für sich. Seine Beschwerden hatten vor einem Monat begonnen. Eines Nachts wachte er mit heftigen Brustschmerzen auf. Zuerst glaubte er, die Luft wäre dünner geworden, und kurz darauf fiel ihm plötzlich das Atmen schwer. In einer Art Panik sprang er aus dem Bett und stürzte auf die Veranda. Es dauerte eine Weile, bis er sich wieder beruhigte, aber danach war er schweißgebadet. Die Angst, die er in diesen Augenblicken verspürt hatte, konnte er seitdem nicht mehr vergessen.
Als Nächstes machte ihm eine Magen-Darm-Geschichte zu schaffen. Er bekam so schlimmen Durchfall, dass er selbst auf dem Weg zum Bahnhof nicht an sich halten konnte. Achtunddreißig Jahre war er alt und machte sich in die Hose wie ein kleines Kind. Seiner Frau Naomi erzählte er nichts davon und kaufte sich jedes Mal frische Unterwäsche im nächsten Supermarkt.
Eine Auseinandersetzung darüber ließ nicht lange auf sich warten. Wenn ein Mann abends mit einer anderen Unterhose nach Hause kommt, schrillen bei der Ehefrau die Alarmglocken. Von Naomi zur Rede gestellt, blieb ihm nichts anderes übrig, als die Wahrheit zu sagen. Doch war dieses Geständnis nur Anlass für einen noch heftigeren Streit. Denn seine verständnisvolle Frau brachte ihm am nächsten Tag eine Packung Seniorenwindeln mit. Drei Tage sprachen die beiden kein Wort miteinander.
Der Durchfall plagte ihn eine Woche und besserte sich dann allmählich, doch nun rebellierte auf einmal sein Magen, der ohne Unterlass rumorte, so dass es ihm schon peinlich vor den anderen war. Er hatte Schwierigkeiten, diesen Zustand dem Arzt angemessen zu beschreiben. Er verglich das Geräusch mit dem »Fall der Berliner Mauer«, worauf der Arzt in schallendes Gelächter ausbrach.
Seit gestern litt er auch noch an Bauchschmerzen. Er nahm einen medizinischen Ratgeber zur Hand, blätterte ein bisschen darin und stieß auf eine plausible Erklärung für seine Schmerzen. Seine Niere war das Problem! Tatsächlich bereitete ihm schon seit einiger Zeit das Wasserlassen Schwierigkeiten. Wenn es schon so weit mit seinem Körper gekommen war, musste er endlich etwas dagegen unternehmen. Er beschloss daher, ohne Umschweife einen anderen Arzt aufzusuchen. Und nun saß er hier in der Neurologie einem Arzt namens Irabu gegenüber.
»Hören Sie auch Stimmen von anderen Menschen in Ihrem Kopf?«
Kazuo runzelte die Stirn.
»Ich meine, von da«, fuhr Irabu fort und machte mit ausgestreckter Hand eine zuschnappende Bewegung, als ob die Hand sprechen würde. »Hören Sie nichts?«
»Nein.« Kazuo schüttelte den Kopf.
»Hmm, haben Sie den Eindruck, beobachtet zu werden?«
»Nein, auch nicht.« Wieder legte Kazuo seine Stirn in Falten und starrte Irabu verständnislos an.
»Keine Wahnvorstellungen also, schade«, schloss Irabu betrübt. »Dann ist es wohl nichts weiter als ein allgemeines Unwohlsein.« Irabu fiel wieder in seinen Sessel zurück und rieb sich mit beiden Händen das Gesicht.
Nachdem die Krankenschwester den Kaffee gebracht hatte, saßen sich beide für eine Weile schweigend mit den Tassen in der Hand gegenüber. Der Kaffee schmeckte süß und bitter zugleich. Die Krankenschwester war wieder in ihr Magazin vertieft.
»Was meinen Sie mit >allgemeines Unwohlsein«, fragte Kazuo schließlich.
»Sie haben zu viel Stress, sonst nichts«, kam Irabus Antwort wie aus der Pistole geschossen.
»Das heißt, meine Bauchschmerzen und meine Verdauungsprobleme sind stressbedingt?«
»Genau«, grinste Irabu.
Stress? Kazuo war überrascht. Er dachte über seinen Alltag nach. Mit seiner Frau lief es bestens, und auch in der Firma hatte er keine Probleme. Das Einzige, was er erwähnen könnte, wäre die Verstimmung, die zwischen ihm und seiner Schwester wegen ihrer Eltern entstanden war. Sie konnten sich nicht einigen, bei wem diese in Zukunft wohnen sollten. Aber auch dieses Problem bereitete ihm keine schlaflosen Nächte. Irabu unterbrach ihn bei seinen Gedanken.
»Ich sag′s Ihnen lieber gleich. So etwas höre ich mir erst gar nicht an.«
»Wie bitte?«
»Na ja, mir von Ihnen alles Mögliche erzählen zu lassen, um die Ursache Ihres Stresses herauszufinden und Sie dann zu therapieren. Das können Sie vergessen.«
»Aha .«
»Das kennen Sie bestimmt aus dem Fernsehen. Da hört sich so ein Seelenklempner die Sorgen seines Patienten an und tut dann alles Erdenkliche, um ihm wieder auf die Beine zu helfen. Alles Quatsch! Wenn Sie mich fragen: So etwas bringt überhaupt nichts.«
»Meinen Sie?«
»Das ist meine feste Überzeugung! Was soll denn bitte schön dieses Wühlen in der Vergangenheit? Wenn Sie beispielsweise jemanden um die Ecke gebracht hätten, kann ich Ihnen doch nur raten, sich zu stellen. Oder von Ihnen Schweigegeld kassieren.«
»In dieser Hinsicht kann ich Ihnen leider nicht dienen. Ich habe niemanden umgebracht.«
»Oder sagen wir mal, Sie hätten einen Vorgesetzten, den Sie nicht ausstehen können. Ich glaube kaum, dass Sie den Mut aufbrächten, dem ein bisschen Gift in den Tee zu mischen.« Irabu fuhr ungerührt fort. »Stress ist unvermeidlich. Es gibt die verschiedensten Gründe dafür, und die zu finden ist vergebliche Liebesmüh. Viel sinnvoller ist es, seine Energie auf etwas ganz anderes zu richten.« »Was meinen Sie damit?«
»Na, zum Beispiel ein paar Yakuza im Vergnügungsviertel hinterrücks zu überfallen.«
Wieder zog Kazuo die Stirn kraus.
»Das bringt Sie auf andere Gedanken, glauben Sie mir. Ihre langweiligen Sorgen sind mit einem Mal wie weggeblasen. Danach müssen Sie nämlich die Beine in die Hand nehmen. Wenn Ihr Leben auf dem Spiel steht, denken Sie weder an Ihre Familie noch an die Firma.«
Meinte er das ernst? Ein leichtes Schwindelgefühl überkam Kazuo.
»Ich hatte Patienten, die auf diese Art geheilt wurden. Einer hatte einen abnormen Sauberkeitsfimmel und konnte noch nicht mal eine Geldmünze anfassen. Nachdem sein Haus bei dem großen Erdbeben von Kobe völlig zerstört worden war, musste er wochenlang unter primitivsten hygienischen Bedingungen leben. Das hat ihn gründlich kuriert. Na ja, ein Erdbeben kommt natürlich nicht auf Bestellung, dann muss man sich eben mit Yakuza begnügen.«
»Verstehe ich Sie richtig, Herr Doktor, ich soll mich mit der japanischen Mafia anlegen?«
»Das ist doch nur ein Beispiel«, lachte Irabu aus vollem Hals.
»Sie können auch Urlaub nehmen und in ein Bürgerkriegsgebiet reisen, das hätte den gleichen Effekt.«
Kazuo seufzte. Hier verschwendete er nur seine Zeit. Wenn Stress die Wurzel allen Übels war, konnte er auch ein anderes Krankenhaus aufsuchen.
»Wie gesagt, Ursachenforschung kommt gar nicht in die Tüte. Das bringt gar nichts. In Ihrem Alter sowieso nicht, Herr Omori, da hat das jeder. Stress ist für Ihre Altersklasse so typisch wie Masern in der Kindheit.«
Kazuo beschloss, sich in der Firma umzuhören. Vielleicht kannte jemand einen guten Psychiater. Oder nein, besser nicht. Das spräche sich in Windeseile herum, und wenn die Personalabteilung das spitzkriegte, dann gute Nacht.
»Na gut, dann bekommen Sie jetzt erst mal eine Spritze.« Irabu klatschte sich mit beiden Händen auf die Schenkel. »Um Ihre Nierenprobleme in den Griff zu kriegen, ist ein Antibiotikum genau das Richtige.«
Der Vorhang hinter Kazuo öffnete sich, und als er sich umwandte, stand auf einmal die Krankenschwester vor ihm.
»Vielleicht können wir das ein andermal machen, Herr Doktor.«
»Kommt gar nicht in Frage. Sie sind doch kein Kind mehr. Wo kämen wir denn hin, wenn jemand wie Sie Angst vor einer kleinen Spritze hätte.«
Irabu erhob sich und stellte sich in die Nähe der Tür, so als ob er verhindern wollte, dass sein Patient das Weite suchte.
Kazuo fügte sich ins offensichtlich Unvermeidliche, setzte sich an den Injektionstisch und streckte seinen linken Arm aus. Schließlich waren seine Nierenbeschwerden keine Einbildung, und in einem so renommierten Krankenhaus musste er wohl keine Bedenken haben.
Die Krankenschwester hatte zunächst einen etwas schlampigen Eindruck auf ihn gemacht, doch aus der Nähe betrachtet wirkte sie ganz apart. Auf ihrem Gesicht zeigte sich jedoch keine Spur von einem Lächeln.
»Ballen Sie die Hand leicht zur Faust«, sagte sie mit gelangweilter Stimme.
Sie band ihm einen Gummi um den Arm und betupfte eine Stelle mit Desinfektionsmittel.
Irabu stand unmittelbar daneben, so als ob er jeden ihrer Schritte kontrollieren würde. War das etwa eine Anfängerin? Na, auch egal. Hauptsache, er brachte das alles schnell hinter sich. Kazuo stieß einen leisen Seufzer aus.
In diesem Augenblick sah er unter dem Injektionstisch die nackten weißen Schenkel der Krankenschwester aus ihrem kurzen Rock hervorschauen. Um nicht aufdringlich zu wirken, ließ er seinen Blick wieder nach oben schweifen. Obwohl er nur einen flüchtigen Blick erhaschte, war ihm das Bild ihrer weißen Schenkel bis hin zu den blassblauen Venen immer noch deutlich vor Augen.
Ein stechender Schmerz brachte ihn wieder in die Wirklichkeit zurück. Nachdem alles vorüber war, stand Kazuo auf, um die Praxis zu verlassen.
»Bis morgen dann, Herr Omori!«, rief Irabu ihm nach. »Bei psychosomatischen Krankheiten sollten Sie von nun an jeden Tag vorbeischauen.«
»Aha«, erwiderte Kazuo, ohne wirklich hingehört zu haben. Noch immer dachte er an die Beine der Krankenschwester.
»Wo wir schon dabei sind, Herr (Omori, Sie kennen nicht zufällig jemanden, der ein bisschen schizophren ist?«
»Wie bitte?«
»Schizophrenie! Sie wissen doch, jemand mit multiplen Persönlichkeiten.«
Warum in aller Welt sollte er so jemanden kennen, wollte Kazuo schon erwidern, doch begnügte er sich mit einem kurzen »Nein«.
»Schade. Ich wollte unbedingt mal einen treffen. Gibt ja so wenige im wirklichen Leben, hahaha«, schüttelte sich Irabu vor Lachen, so dass sein Bauch wackelte.
»Herr Doktor, noch eine Frage. Soll ich Ihrer Meinung nach in nächster Zeit etwas kürzer treten?«
»Ach wo!«, erwiderte Irabu in der Nase bohrend.
»Dann kann ich also ganz normal zur Arbeit gehen?«
»Sicher. Aber klammern Sie sich nicht nur an Ihren Schreibtisch. Verschaffen Sie sich etwas Bewegung. Mindestens einmal pro Tag sollten Sie ein bisschen aus der Puste kommen.« Irabu schnippte einen Popel an die Wand.
Kazuo sah den massigen Körper des Arztes, der ihn an einen Bullen erinnerte. Wenn jemand Bewegung nötig hatte, dann wohl Irabu selbst.
Nachdem er die Neurologie verlassen hatte, kam ihm im Gang eine ältere Krankenschwester entgegen und starrte ihn an. Kazuo war, als läge Mitleid in ihrem Blick.
Am Nachmittag traf er im Büro ein, tätigte einige Anrufe und erledigte Kleinkram. Kazuo war Redakteur bei einer Frauenzeitschrift. In seiner Abteilung wurden zwar viele Überstunden gemacht, doch meistens nur kurz vor Redaktionsschluss. Daran hatte er sich schon längst gewöhnt. Zurzeit befanden sich die korrigierten Beiträge im Druck, und er konnte es etwas lockerer angehen.
Während er an seinem Kaffee nippte, der ihm von einer der Aushilfskräfte eingeschenkt worden war, sah er sich im Büro um. Lag hier die Ursache für seinen Stress?
Der Redaktionsleiter war ein Pfennigfuchser, der sich wie eine sparsame Hausfrau über anfallende Kosten aufregte. Ansonsten war er harmlos. Sein Stellvertreter galt als nervöser Pedant, der schon einmal wegen eines Magengeschwürs operiert werden musste. Aber er wurde niemals laut gegenüber seinen Untergebenen. Die anderen Kollegen waren ausnahmslos zurückhaltende Menschen. Entsprechend sah ihre Arbeitsmoral aus, musste man hinzufügen. Wenn er es recht überlegte, war er selbst derjenige, der am meisten Stress im Büro verbreitete.
Die Erkenntnis, dass Stress für seinen schlechten körperlichen Zustand verantwortlich war, war für Kazuo nur schwer zu akzeptieren. Er hatte sich immer als jemand gesehen, der nichts an sich heranließ. Er war konsequent in seiner Arbeit und hatte sich ein gut funktionierendes Netzwerk von Kontakten aufgebaut. Einsamkeit kannte er nicht, und seit seiner Kindheit war stets er es, der in Gruppen die Führerrolle übernahm. Ging es schon jetzt mit ihm bergab? Dieser Arzt, Irabu, nannte es Masern der Angestellten im mittleren Lebensalter. Hatte er recht? Sein Essrhythmus war unregelmäßig, außerdem bewegte er sich zu wenig.
War Sport die Lösung? Er verschränkte die Arme über seinem Kopf und streckte sich.
Schon seit seiner Studentenzeit hatte er keinen Sport mehr getrieben, fuhr weder Ski noch spielte er Golf. Er hatte sich immer gewundert über den Wirbel, den man um die Bedeutung des Freizeitvergnügens machte. Sonntagabends sah er im Fernsehen oft die Staumeldungen und machte sich lustig über die Menschen, denen es offensichtlich Spaß machte, bei Gluthitze auf der Autobahn zu stehen. Auch seine Frau war ein häuslicher Typ, und da sie keine Kinder hatten, blieben ihm diese unsäglichen Familienausflüge am Wochenende erspart.
Ja, Sport wäre nicht schlecht. Ein bisschen schwitzen würde bestimmt nicht schaden. Auch seinen inzwischen unübersehbaren Bauchansatz könnte er so wieder auf sein früheres Maß reduzieren.
Im Sitzen versuchte er seine Schultern zu rollen. Ein leichter Schmerz durchzuckte ihn, doch das war nicht unangenehm.
Was käme für ihn in Frage? Mit Joggen konnte man sofort anfangen.
Besser nicht. Jeden Tag einsam durch die Gegend zu laufen entsprach nicht seinem Charakter. Bei Tennis bräuchte man einen Partner, und Gewichte heben war etwas für Narzissten.
Er ließ seinen Kopf eine Weile kreisen und ertappte sich dabei, wie er automatisch eine Art Dehnübungsprogramm nach dem Vorbild der Fernsehgymnastikstunde absolvierte.
Schwimmen! Ja, das wäre eine Idee. Seit seiner Kindheit war er ein guter Schwimmer. Es war ein gelenkschonender Sport, und das Verletzungsrisiko war gering.
Wie lange war das jetzt schon her? Mit geschlossenen Augen versuchte er sich zu erinnern. Tatsächlich schon mehr als sechzehn Jahre? Damals war er noch Student gewesen.
Er nahm den Telefonhörer ab und wählte seine Privatnummer. Seine Frau, die als Illustratorin arbeitete, war in der Regel zu Hause erreichbar.
»Sag mal, gibt es bei uns in der Nähe ein Schwimmbad?«
»Weswegen willst du denn das auf einmal wissen?«, entgegnete Naomi misstrauisch.
»Ist doch egal. Gibt es eins, ja oder nein?«
»Ja, im Untergeschoss der städtischen Sporthalle.«
»Wo genau ist die?«
»Weißt du das nicht? Gleich neben der Bibliothek.« »Was für eine Bibliothek?«
Kaum hatte er die Frage gestellt, bereute er es auch schon. Mein Gott, wie erbärmlich! Fünf Jahre lebten sie schon dort, und er kannte sich praktisch überhaupt nicht aus. Auch Naomi schien fassungslos, und ohne eine genauere Wegbeschreibung zu geben, teilte sie ihm mit, dass es bis dahin bloß fünf Minuten zu Fuß dauerte.
»Wieso willst du das eigentlich wissen?«
»Ich möchte schwimmen gehen.«
»Aus heiterem Himmel?«
»Ja, warum nicht?«
»Willst du die Ehre der japanischen Olympiamannschaft retten, oder was?« »Sehr witzig.« »Warum dann?«
»Mein Arzt hat mir das empfohlen.«
»Bist du heute schon wieder beim Arzt gewesen?« Die Stimme am anderen Ende der Leitung war um einen Ton höher geworden.
»Ja, und? Die Praxis lag ohnehin auf dem Weg zur Arbeit.« »Du bist doch nicht krank, oder?«
Diese Frage überraschte ihn. Früher war Naomi stets um seine Gesundheit besorgt gewesen, doch seit einiger Zeit schenkte sie seinem körperlichen Befinden kaum noch Beachtung. Selbst wenn er mit blassem Gesicht auf dem Sofa lag, fragte sie nicht, was ihm fehlte, sondern verspottete ihn nur: »Kein Schatten und keine OP-Schere auf dem Röntgenbild. Sie sind gesund!«, äffte sie einen Spruch aus einer Klamauksendung nach.
Das war überhaupt nicht komisch. Wie konnte eine Schere in seinem Bauch sein, wenn er noch nie operiert worden war?
Japanische Geschichten aus der Psychotherapie<br />
<br />Fünf neue Fälle für den eigenwilligen japanischen Psychiater Dr. Irabu: Ein Redakteur in der Midlife-Crisis, für den alles, was er anpackt, zur Obsession wird. Ein betrogener Ehemann, der die Trennung von seiner Frau nicht überwinden kann. Eine junge Frau, die um jeden Preis ins Showgeschäft will. Ein kleiner Junge, der süchtig ist nach seinem Handy. Und ein Reporter, dessen übertriebenes Verantwortungsbewusstsein Zwangsvorstellungen hervorruft. Sie alle landen in der Praxis von Dr. Irabu, der sie mit seinen ungewöhnlichen Methoden therapiert.<br />
<br />Dr. Irabu ist Kult in Japan - einige der Kurzgeschichten wurden bereits verfilmt.<br />
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Der Japaner Hideo Okuda wurde 1959 in der Präfektur Gifu geboren. Bevor er die schriftstellerische Karriere einschlug,war er als Werbetexter und Redakteur tätig. 2001 erhielt er den japanischen Krimipreis, den Oyabu-Haruhiko-Preis.
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