Willkommen bei buch.de !

 

  

Leise kommt der Tod. btb, Band 73770

   von Sarah Stewart Taylor

buch.de-Verkaufsrang:
ISBN-10:
3-442-73770-2
ISBN-13:
978-3-442-73770-3
Erschienen:
07.2008
Sofort lieferbar
Aus der Reihe:
«btb»
Einband:
kartoniert/broschiert
Sonstiges:
19 cm
Seitenzahl:
351
Gewicht:
326 g
Erschienen bei:
BTB
Übersetzer: Kathrin Heigl

Beschreibung

Tod im Museum ? Grabforscherin Sweeney St. George ermittelt Sweeney St. George steckt mitten in den Vorbereitungen für eine Ausstellung über ägyptische Grabbeigaben. Dabei bemerkt sie, dass ein wertvolles Schmuckstück fehlt. Als sie sich auf die Suche nach dem Halsband macht, stößt sie auf Aufzeichnungen einer jungen Ägyptologin, die vor 25 Jahren unter mysteriösen Umständen ums Leben kam. War sie die Letzte, die die Goldkette gesehen hat? Bevor Sweeney darauf eine Antwort finden kann, geschieht ein zweiter Mord: Die langjährige Museumsangestellte Olga wird erschlagen aufgefunden ? "Krimispannung vom Feinsten." New York Times "Der vierte Krimi von Sarah Stewart Taylor ist genauso brillant und fesselnd wie seine Vorgänger." Publishers Weekly "Sarah Stewart Taylors Krimis bereiten ein ganz besonderes Lesevergnügen, sie sind spannend und lehrreich zugleich." Washington Post Book World

Leseprobe

Prolog
1979
Im Raum war es still wie in einer Grabkammer.
Karen Philips breitete das Schmuckstück auf dem Arbeitstisch aus und dachte über diesen Vergleich nach. Die Kleinodien, die vor ihr lagen, stammten aus Grabkammern oder, genauer gesagt, aus den Gräbern der alten Ägypter, die für ihre Reise ins Jenseits reich ausgestattet worden waren. Im grellen Neonlicht verloren die Amulette aus Fayence, Glas und Metall, die Perlenketten und Kolliers etwas von ihrer Ausstrahlung. Aber sie wusste, wie wunderschön sie in einem Schaukasten wirkten, wo man ihre Farben im perfekten, goldenen Licht zum Leben erweckte.
Sie konnte ihr Glück kaum fassen. Zwar hatte sie zuvor in Kairo, New York und Washington D.C. zauberhafte Schmuckstücke aus Gold und Perlen gesehen. Aber nun hielt sie zum ersten Mal selbst Schmuck aus einem alten ägyptischen Grab in ihren Händen. Die Kollektion war Teil einer Stiftung, die dem Universitätsmuseum vor kurzem von einem reichen Absolventen gemacht worden war, der ein Faible für ägyptische Antiquitäten hatte. Jeder im Museum, Karen eingeschlossen, war nach dieser Ankündigung in heller Aufregung.
Die Schenkung war das Ergebnis einer strategisch geplanten Freundschaft zwischen Willem Keane, dem Kurator für ägyptische Antiquitäten des Museums, und Arthur Maloof, einem Bankier mit unermesslichem Privatvermögen. Willem hatte ihn davon überzeugt, dem Museum einige Stücke seiner exklusiven Sammlung zu übergeben. Am meisten hatte es ihm dabei eine außergewöhnliche Maske aus Blattgold angetan. Um dieses Objekt würden ihn zahllose Museen in der ganzen Welt beneiden. Da es Gesetze gab, die das Ausführen von Antiquitäten aus Ägypten verboten, war es eine Seltenheit, dass derartig wertvolle Ausgrabungsschätze auf den Markt kamen.
Die Maloof-Sammlung umfasste noch einige andere interessante Stücke: Kanopenkrüge, in denen die Organe eines mumifizierten Königs aufbewahrt worden waren, Kästen mit Spielen sowie eine stattliche Anzahl kleiner Shabti-Figuren, die stellvertretend für den Toten sämtliche anfallenden Arbeiten in der nächsten Welt verrichten sollten. Letztere waren erst später hinzugefügt worden. In der Grabkammer hatte sich kein besonders seltenes oder wertvolles Stück befunden, und Karen vermutete, dass Maloof deshalb die Kollektion zusammen mit der Maske Willem überlassen hatte.
Willem war an den Schmuckstücken nicht besonders interessiert gewesen, und als Karen ihn darum gebeten hatte, sie inspizieren zu dürfen, hatte er sofort zugestimmt. Sie schrieb gerade an ihrer Doktorarbeit zum Thema Frauen und Grabschmuck und hoffte, unter den Neuanschaffungen etwas Verwertbares zu entdecken. Und selbst wenn nicht, war sie mit großer Wahrscheinlichkeit die erste Schülerin, die jene Stücke untersuchte. Bei diesem Gedanken verspürte sie freudige Erregung.
Bevor sie sich den Schmuckstücken zuwandte, suchte sie in den Akten nach Hintergrundinformationen. Zunächst war da eine Reihe von Amuletten in Form von Tieren und Göttern, die für die alten Ägypter unterschiedliche Bedeutungen gehabt hatten. Es gab eine große Zahl Skarabäen und Horus-Augen, außerdem ein paar Krokodile, Geier und Paviane. Die kleinen Anhänger waren wahrscheinlich zwischen den Leinenwickeln einer Mumie gefunden worden. Sie sollten dazu dienen, den Toten im Grab zu beschützen. Die Amulette waren keine Seltenheit, Karen hatte zuvor schon ähnliche gesehen und schenkte ihnen deshalb keine besondere Aufmerksamkeit. Als Nächstes war eine Serie einfacher Armbänder und Ketten aus Gold und Glasperlen aufgeführt. Sie datierte sie mit großer Wahrscheinlichkeit in die Zeit des Neuen Reichs und machte sich ein paar Notizen, ehe sie sich dem letzten Stück zuwandte. Es handelte sich um ein Kollier mit goldenen Falkenköpfen und Perlen aus Fayence, zwischen denen zahlreiche Amulette aus den verschiedensten Steinen eingearbeitet waren. Die Falkenköpfe an den beiden Enden der dicken Kette waren aus Gold und trugen Verzierungen aus Lapislazuli und Karneol.
Karen setzte sich etwas aufrechter hin. Es war ein wunderschönes Stück; so etwas Wertvolles hatte sie nicht erwartet. Laut Akte war der Schmuck aus der achtzehnten Dynastie und stammte aus einem Grab in Gizeh, aber sie hielt diese Information für falsch. Das Stück kam ihr entfernt bekannt vor. Nicht das Kollier selbst, sondern seine Machart. Sie kritzelte ein paar Notizen auf ein Stück Papier und wollte sich gerade wieder den Akten zuwenden, als sie laute Stimmen in der Kellergalerie vernahm. Obwohl es gegen die Sicherheitsvorschriften verstieß, hatte sie die Tür zu ihrem Studierzimmer einen Spalt offen gehalten, um frische Luft hereinzulassen. Sie konnte nicht verstehen, was gesprochen wurde, aber sie vermutete, dass die Sprechenden die Schaukästen mit den ägyptischen Antiquitäten betrachteten; die beiden Sarkophage von Willem, die ausgestellten Statuen und die restlichen Stücke aus der Sammlung.
Sie wandte sich wieder dem Kollier zu, glücklich darüber, dass Willem ihr den Zugang zu diesem Stück gestattet hatte, ohne vorher selbst einen Blick auf die Sammlung zu werfen. Das Schicksal hatte es wirklich sehr gut mit ihr gemeint. Vergiss das nicht, Karen. Vergiss nie, wie viel Glück du hast.
Willems Empfehlung würde sich auf ihrer Bewerbung für das Aufbaustudium großartig machen, und die praktische Erfahrung mit den Schmuckstücken käme ihr zugute, falls sie jemals eine Kuratorin werden würde. Sobald, korrigierte sie sich, weil sie sich plötzlich daran erinnerte, was die Sprecherin der Frauengruppe beim letzten Meeting auf dem Campus über das Untergraben der eigenen Fähigkeiten gesagt hatte. Sobald sie eine Kuratorin werden würde.
Sie durchsuchte die Papiere in der Aktenmappe nach einem Dokument über das Perlenkollier. Den Unterlagen nach war das Schmuckstück im Jahr 1930 im Tal der Könige gefunden worden, und zwar bei einer Grabung, die ein britischer Sammler namens Harold Markham gesponsert hatte. Die Markham-Sammlung war allgemein bekannt, und viele Stücke daraus befanden sich mittlerweile an Orten wie dem Metropolitan Museum oder dem British Museum. In Anbetracht dieser Referenzen schien es keinen Grund zu geben, an den Angaben in der Akte zu zweifeln.
Aber sie wurde trotzdem das Gefühl nicht los, dass das Kollier nicht aus der achtzehnten Dynastie stammte. Jedenfalls war es erstaunlich gut erhalten, und die Vorstellung, es sei dreitausend Jahre alt, fiel dementsprechend schwer. Genau das mochte sie an der Ägyptologie so sehr: die Lebendigkeit der Kunstwerke, die nach so vielen Jahren immer noch aktuell und modern wirkten. Wie großartig musste es sich angefühlt haben, unter den ersten Archäologen zu sein, die den Eingang zu einem Königsgrab entdeckten. Sie stellte sich vor, wie jene Männer während der Ausgrabungen in der glühenden Hitze plötzlich auf einen Treppenabgang gestoßen waren. Sie hatte Howard Carters Entdeckung der Grabstätte des Tutanchamun so oft in Gedanken nachgespielt, dass es ihr beinahe so vorkam, als sei sie selbst dabei gewesen.
Seit sie vor vier Jahren mit ihrer Schulklasse die Tutanchamun-Ausstellung im Metropolitan Museum in New York besucht hatte, wusste sie, dass Ägyptologie genau das war, was sie studieren wollte. Von da an beschäftigte sie sich mit Ägypten. Sie hatte sich Informationen über die eigenwilligen Bräuche bei den Bestattungen und über den Kult um das Leben nach dem Tod besorgt, von dem die Ägypter so besessen gewesen waren. Voller Begeisterung hatte sie die Namen der Götter und Göttinnen rezitiert, die in ihren Ohren so fremd klangen, und die Hieroglyphen studiert, den Code zur Entschlüsselung der Geheimnisse aus jener alten Welt. Sie hatte sich erkundigt, welche Schulen und Universitäten sich für das Studium der Ägyptologie am besten eigneten, und sich schließlich für Cambridge entschieden. Seitdem war alles in ihrem Leben auf dieses Ziel gerichtet gewesen. Sie lernte eifrig und bekam nur gute Noten, denn sie wusste, dass sie so ihren Traum verwirklichen konnte.
Nachdem sie an die Universität gekommen war, setzte sie alles daran, ihr nächstes Ziel zu verwirklichen: eine Reise nach Ägypten. Im Sommer vor ihrem Abschlussjahr war es endlich so weit. Sie nahm für drei Monate an einer Ausgrabung in Gizeh teil, gemeinsam mit einer Gruppe aus dem Hapner Museum, die aus Willem Keane, ein paar weiteren Fakultätsmitgliedern sowie einigen Studenten im Aufbaustudium bestand.
Natürlich waren ihre Illusionen enttäuscht worden. Es hätte gar nicht anders kommen können, wenn man die Situation vor Ort bedachte. In Ägypten war es schrecklich heiß, die Städte waren schmutzig und ihre Bewohner bettelarm. An den Ausgrabungsstätten bestand die eintönige Arbeit darin, sich durch Unmengen von Sand zu wühlen. Zu diesem Zeitpunkt wusste Karen bereits genug über Archäologie, um mit Sicherheit sagen zu können, dass sie Historikerin werden wollte, und nicht Archäologin. Außerdem hatte sie schon geahnt, dass es in der Regel nicht darum ging, gut erhaltene Grabstätten und Schätze zu entdecken. Aber trotzdem war sie überrascht, wie weit ihre Erwartungen und die Realität auseinanderklafften. Statt wie in ihrer Vorstellung nach Goldstatuen und Ölvasen aus Alabaster zu graben, versuchten sie, winzige Relikte aus dem Altertum wie Scherben und Fragmente zu finden.
Sie war richtig erleichtert gewesen, als sie wieder an die Universität und zum Museum zurückgekehrt waren, wo sich die hübschen Artefakte befanden, die schon von Staub, Schmutz und Ruß befreit und hinter Glas gestellt worden waren. Aber dann musste sie feststellen, dass ihr die Dunkelheit, die sie in Ägypten umfangen hatte, nach Hause gefolgt war.
Während ihrer Reise hatte sie sich zum ersten Mal gefragt, ob es überhaupt richtig war, diese wunderschönen Dinge in einem amerikanischen Museum auszustellen. Von einem jungen ägyptischen Studenten, der an den Ausgrabungen mitgearbeitet hatte, hatte sie erfahren, dass Ägyptens Altertümer von reichen weißen Männern geplündert worden waren, die sich genauso schlimm wie Piraten verhalten hatten. Sie hatten die wertvollsten Schätze seines Landes gestohlen und nichts als leere Gräber zurückgelassen. »Wie kann es sein«, fragte er sie, »dass ich nach Amerika oder Großbritannien reisen muss, um die Kunst meines eigenen Landes zu sehen? Ihr Amerikaner würdet so etwas nicht mit euch machen lassen. Ihr würdet eure Antiquitäten zurückkaufen oder einen anderen Weg finden, sie zurückzuholen, so wie ihr alles bekommt, was ihr haben wollt. Die weißen Männer sind nichts weiter als Ausbeuter, die sich mit Gewalt genommen haben, was sie wollten, als meine Landsleute sich weigerten, es ihnen zu geben.«
Seit diesem Gespräch hatten sich ihre Ansichten verändert. Es kam ihr so vor, als sei sie mit einem Mal aus einem dichten Nebel getreten. Sie sah die Dinge jetzt ganz anders. Alles, was sie einst als selbstverständlich betrachtet hatte, war nun so ungewiss wie die Herkunft des Perlenkolliers.
Gerade als sie das Kollier in sein Kästchen zurücklegte, hörte sie wieder die Stimmen draußen in der Galerie. Dieses Mal in einem Ton, der sie aufhorchen ließ. Die beiden Männer sprachen mit eindringlichen, leisen Stimmen und schienen sich zu streiten.
»Du machst es falsch«, hörte sie einen von ihnen sagen. »So muss es sein.« Museumsbesucher, dachte sie. Sie suchen die Sarkophage. Da ertönte plötzlich ein lautes Knacken vor der Tür, und kurz darauf noch eines. Sie sprang überrascht auf und warf dabei den Metallstuhl um, auf dem sie gesessen hatte. Plötzlich hörte sie eine der Stimmen sagen: »Was zum Teufel ...«, und im selben Moment standen die Männer in der Tür. Es waren zwei, sie trugen schwarze Regenmäntel und kleine Äxte. Ihr Blick fiel zuerst auf diese Werkzeuge, noch ehe sie die unauffälligen, beinahe freundlich wirkenden Gesichter der beiden wahrnahm. Sie musste laut aufgeschrien haben, denn der kleinere der Männer brüllte sie an: »Halt′s Maul!«, und kam durch den Raum auf sie zu. Er presste ihr eine Hand auf den Mund und drückte sie auf den Boden, bis ihr Gesicht in dem muffig riechenden Industrieteppich des Studienzimmers versank. Als er auf ihrem Rücken saß, drehte er ihren Arm herum, bis ihre Schulter pochte. Sie hatte Mühe, durch die Teppichfransen zu atmen, und musste würgen und nach Luft schnappen, bis ihr Magensäure hochkam.
»Wer zum Teufel bist du?«, zischte der Mann neben der Tür mit wütender, aber leiser Stimme. Karen hörte das ungleichmäßige Rasseln ihres eigenen Atems. Sie fühlte sich, als wäre sie zwanzig Meilen gerannt. »Du solltest nicht hier sein, du Schlampe.«
»Gib mir das Klebeband«, flüsterte der Mann, der sie festhielt, in ähnlich genervtem Ton. Sie haben Angst, dass sie jemand hört, wurde ihr klar. Sie denken, dass man sie hören kann.
Sie vernahm ein Geräusch, das sich anhörte wie Klebeband, das von einer Rolle gezogen wurde. »Niemand hat davon gesprochen, dass sich hier unten jemand aufhalten würde«, sagte der Mann neben der Tür.
Der andere drehte sie auf den Rücken. Er zog einen silbernen Streifen Klebeband von der Rolle und trennte es mit seinen Zähnen ab, ehe er es ihr über den Mund klebte. Sie verspürte mit einem Mal Panik und musste sich zwingen, ruhig durch die Nase zu atmen.
Dann sah er sie an, und an dem Ausdruck in seinem maskenhaften Gesicht und dem entrückt starren Blick erkannte sie, was er vorhatte. Sie schüttelte heftig den Kopf. Nein. Nein! Ihr war klar, dass ihre Angst ihn nur noch mehr anstacheln würde. Seine Augen waren grün, der Blick tot. Sie roch seinen Atem, schales Bier und Pfefferminz, und seinen Schweiß.
»Kümmere dich um ihre Hände und Füße«, befahl der andere Mann.
»Warum trägst du nicht schon mal die Sachen raus, ich komme gleich nach.« Er sah ihr immer noch in die Augen.
»Nein, du Arschloch. Fessle sie, und dann nichts wie raus hier.«
Sie sah den entrückten Ausdruck aus seinen Augen verschwinden, ehe sie erneut umgedreht wurde. Ihr fuhr ein schmerzender Stich in die Schulter, als er ihr beide Arme auf den Rücken drehte und ihre Hand- und Fußgelenke mit Klebeband umwickelte.
»Sei ein braves Mädchen«, sagte er und gab ihr einen leichten, beinahe freundschaftlichen Klaps, wie zur Versicherung seiner Worte. Dann stand er auf und steckte die Rolle mit dem Klebeband ein.
»Okay. Lass uns gehen. Wir müssen uns jetzt wirklich beeilen«, sagte der andere. Sie krümmte den Nacken und versuchte, sich ihre nichtssagenden Gesichter einzuprägen. Der Typ in der Tür hatte sehr eng zusammenstehende Augen, der zweite ein fliehendes Kinn mit leichtem Unterbiss.
Karen beobachtete, wie sie das Licht ausknipsten und die Tür öffneten. Noch bevor sie wieder geschlossen wurde, erhaschte sie einen Blick auf einen Schaukasten aus Plexiglas, der vermutlich mit der Axt zertrümmert worden war. Die Statuen darin waren umgeworfen worden, ihre langen, edlen Gesichter dem Boden zugewandt, als wären sie so platziert worden, um ihre eigene missliche Lage zu parodieren.
Das Museum wird ausgeraubt, dachte sie bei sich, ehe die Tür mit einem Klicken zufiel und es im Lagerraum dunkel wurde. Das ist es, was die beiden Männer hier tun. Sie rauben das Museum aus.
Als Sweeney St. George langsam erwachte, registrierte sie unbewusst, dass die drückende Luft, die sie in ihre Lungen sog, von einem speziellen Geruch begleitet wurde. Sie öffnete die Augen, aber die Dunkelheit blieb. Eine absolute Dunkelheit, wie ihr in diesem Moment klar wurde, die sich ungewohnt weich anfühlte und einen kaum wahrnehmbaren Duft verströmte nach... Fisch.
Sie drehte sich um und setzte sich auf, wobei sie den großen schwarzen Kater zur Seite schob, der direkt an ihren Kopf geschmiegt geschlafen und ihr volles rotes Haar zu einem gemütlichen Kopfkissen umfunktioniert hatte. Der Kater, der jetzt in der für seine Rasse charakteristischen, würdevollen Sphinxpose dasaß, blinzelte ein paar Mal und sah sie missbilligend an, als wolle er sagen: »Ich hatte es mir gerade so richtig bequem gemacht, vielen Dank auch.«
Sweeney schubste ihn vorsichtig vom Bett. Er landete mit einem grazilen Sprung auf dem Boden, drehte sich, sprang auf das Fensterbrett, blickte sie zum Abschied noch einmal an und war mit einem Satz durch das einen Spalt weit geöffnete Fenster verschwunden.
»Was?«, fragte der andere Bettgenosse verschlafen. »Stimmt was nicht?«
Sweeney kuschelte sich an den langen Rücken und flüsterte der warmen Haut zu, die zart nach den dunkelbraunen Seifestücken duftete, die jeden Monat aus London geliefert wurden: »Nichts, nur der General. Es ist alles okay, schlaf weiter.«
Sie blieb noch ein paar Minuten liegen und lauschte seinen gleichmäßigen, tiefen Atemzügen, dann stand sie auf, schlüpfte in den seidenen Morgenmantel, der über dem Schaukelstuhl vor dem Fenster hing, und schlich in die Küche. Es war fast sechs, und die Sonne ging gerade am Horizont von Somerville auf. Sweeney liebte diese klare, optimistische Atmosphäre, die dadurch entstand. Sie schaltete die Kaffeemaschine ein und schlug zwei Eier in die Pfanne, die sie schon kurz nach dem Stocken mit einem Ruck auf ihren Teller kippte. Zwei Scheiben gebutterter Toast und eine Orange machten ihr Frühstück komplett, und sie saß glücklich kauend da, während sie ihre Nachbarn beobachtete, die sich ihr Morgenmahl auf dem Balkon im ersten Stock schmecken ließen. Es war später August, und ein Essen im Freien brachte eine kurze Erholung von der gegenwärtigen Hitze. Durch das offene Küchenfenster konnte Sweeney eine leichte Brise spüren, und sie wandte sich für einen Moment dem erfrischenden Luftstrom zu. Als sie fertig gegessen hatte und gerade aufstehen wollte, um das Geschirr in die Spüle zu stellen, hörte sie ein lautes Poltern. Sie drehte sich ruckartig um und sah den General auf dem Sims des Küchenfensters sitzen und sie beobachten.
»Was willst du denn schon wieder hier?«, fragte sie ihn. »Ich dachte, du machst einen Tagesausflug.« Der Kater, der nun seit zehn Monaten bei Sweeney lebte, verließ das Haus normalerweise früh am Morgen durch eines der Fenster des Apartments und kam erst wieder abends zurück, um zuerst seinen Futterplatz und dann das Bett aufzusuchen. Sie hatte keine Ahnung, was er den Tag über machte.
Sweeney hatte den General geerbt, und jedes Mal, wenn sie ihn betrachtete, musste sie an den kleinen Jungen denken, mit dem sie im vergangenen Herbst Freundschaft geschlossen hatte. Kurz bevor er an Leukämie gestorben war, hatte er ihr die Bitte abgerungen, sich um den Kater zu kümmern. Sie war zunächst entschlossen gewesen, ihn zu einem Stubentiger zu erziehen, und hatte ein Katzenklo besorgt. Doch er hasste es genauso sehr, die Plastikbox zu benutzen, wie sie es hasste, sie zu säubern, und als sie eines Tages aus Versehen das Schlafzimmerfenster offen ließ, ergab sich eine Lösung, die ihnen beiden zusagte. Sweeney wollte ihn nicht zu sehr verhätscheln. Und er wollte im Gegenzug nicht zu sehr verhätschelt werden.

Kurzbeschreibung

Tod im Museum - Grabforscherin Sweeney St. George ermittelt<br />
<br />Sweeney St. George steckt mitten in den Vorbereitungen für eine Ausstellung über ägyptische Grabbeigaben. Dabei bemerkt sie, dass ein wertvolles Schmuckstück fehlt. Als sie sich auf die Suche nach dem Halsband macht, stößt sie auf Aufzeichnungen einer jungen Ägyptologin, die vor 25 Jahren unter mysteriösen Umständen ums Leben kam. War sie die Letzte, die die Goldkette gesehen hat? Bevor Sweeney darauf eine Antwort finden kann, geschieht ein zweiter Mord: Die langjährige Museumsangestellte Olga wird erschlagen aufgefunden ...<br />
<br />

Portrait

Sarah Stewart Taylor wurde 1971 in Huntington, New York, geboren, studierte Literatur und promovierte über Elizabeth Bowen. Danach arbeitete sie in einer Literaturagentur und als freie Journalistin u. a. für die "Washington Post" und den "Boston Globe". Schon immer hatte sie ein Faible für Grabsteine, verfügt über ein umfassendes Detailwissen über historische Friedhöfe und ist Mitglied in einer Organisation für Grabsteinforschung. Sarah Stewart Taylor lebt mit ihrem Mann auf einer Farm in Vermont.



Mehr über...
  • Mehr über:  Amerikanische Belletristik / Kriminalroman, Krimis/Thriller
  • Mehr von: 
  • Mehr von:  Sarah Stewart Taylor, Blanvalet Verlag


  •  


    Bei Videoaufzeichnungen sind Widerruf und Rückgabe gemäß § 8 unserer AGB nicht möglich, wenn die gelieferten Datenträger vom Kunden entsiegelt worden sind.