Beschreibung:
"Sie suchen mich heim, wenn ich schlafe. Ihre bleichen Gesichter starren mich an, ihre sanften Stimmen sagen mir: Wach auf, wach auf. Sie kommen, um mich an die Nacht zu erinnern, daran, was ich getan habe."In Christchurch wurden zwei junge Frauen ermordet. Charly war letzte Nacht mit ihnen zusammen, er selbst ist mit Blut befleckt. Aber Charlie ist sich sicher, dass Cyris der Mörder ist - wenn er denn überhaupt existiert. Charlie bleibt keine Wahl: Er muss Cyris finden, um seine Unschuld zu beweisen, doch die Stunde des Todes rückt immer näher.
Kurzbeschreibung:
Nur die Toten kennen das Geheimnis
"Sie suchen mich heim, wenn ich schlafe. Ihre bleichen Gesichter starren mich an, ihre sanften Stimmen sagen mir: Wach auf, wach auf. Sie kommen, um mich an die Nacht zu erinnern, daran, was ich getan habe."
In Christchurch wurden zwei junge Frauen ermordet. Charlie war letzte Nacht mit ihnen zusammen, er selbst ist mit Blut befleckt. Aber Charlie ist sich sicher, dass Cyris der Mörder ist - wenn er denn überhaupt existiert. Ihm bleibt keine Wahl: Er muss Cyris finden, um seine Unschuld zu beweisen, doch die Stunde des Todes rückt immer näher.
Leseprobe:
Sie suchen mich heim, wenn ich schlafe. Ihre bleichen Gesichter starren mich an, ihre sanften Stimmen beschwören mich: Wach auf, wach auf. Sie kommen, um mich an die Nacht zu erinnern, daran, was ich getan habe. Sie lächeln nicht, und sie machen mir keine Vorhaltungen; sie sind bloß da und starren mich an. Ich möchte alleine sein, einfach nur vergessen, aber ich habe keine Stimme, mit der ich sie auffordern könnte, zu verschwinden. Ich habe Angst vor dem, was sie wollen, obwohl ich längst weiß, was es ist. Sie sind hier, um mir ein schlechtes Gewissen zu machen. Mich ihren Hass spüren zu lassen. Und ich teile ihre Gefühle. Sie können mich nicht anfassen, denn sie sind bloße Geister. Genauso wenig wie ich sie berühren kann, um sie beiseitezuschieben. Doch Worte allein reichen nicht aus, um sie zu vertreiben. Ich starre in ihre Augen und sehe die Schuld, die ich spüren soll, und ich spüre sie, spüre kaum noch etwas anderes. Mit einem Schrei im Mund, den ich gerade noch zurückhalten kann, komme ich zu mir. Er schmeckt nach Blut und Tod. Ich lasse diesen Albtraum hinter mir, doch nichts ändert sich. Es ist fünf Uhr nachmittags, und ich bin schweißgebadet.
Ich reibe mir die Augen. Die Geister verschwinden, aber ihre Botschaft hängt immer noch im Raum. Es gab eine Zeit, da war ich morgens außerstande, Schuld oder Schmerz zu empfinden. Aber das war, bevor die Stunde des Todes anbrach und das Böse mich an der Hand nahm und mir vom Tod erzählte. Ich versuche, die Reste des Traums abzuschütteln, versuche, die ganze Nacht abzuschütteln, mit dem einzigen Ergebnis, dass sich die Bruchstücke zu Kopfschmerzen zusammenballen.
Es ist Montag. Ich rolle zur Seite und bemerke am Boden meine Kleidung von gestern. Die Shorts sind blutverschmiert. Als ich mich aufsetze, tun mir die Muskeln weh. Die Bewegung löst ein Pochen tief im Innern meines Schädels aus. Und als ich die Beule an meiner Stirn berühre, dreht sich alles um mich herum, allerdings nicht heftig genug, um darüber hinwegzusehen, dass ich die Kleidung, die ich trage, von einer toten Frau bekommen habe. Ich rutsche zur Bettkante und sitze regungslos da, die Ellbogen auf die Knie gestützt. Die Blutflecken auf meinen Shorts bestehen aus Spritzern unterschiedlicher Form und Größe. Im Schlafzimmer ist es heiß, trotzdem fröstelt mich. Als würden unzählige Spinnen meine Wirbelsäule rauf- und runterkrabbeln, mich mit ihren haarigen Beinen und winzigen Klauen packen, mich pieksen und beißen. Ich wische sie fort und stehe auf.
Im Bad ziehe ich den Kopf ein, so als hätte sich die Decke im Flur ein Stück abgesenkt. Seit gestern wurde das Haus nicht mehr gelüftet. Und die Luft ist stickig. Ich öffne das Badezimmerfenster, streife die fremden Sachen ab und steige in die Dusche. Ein leichter Luftzug weht durchs Zimmer. Hin und wieder klatscht der kalte Duschvorhang gegen meinen Körper. Das Wasser tut gut, ich lasse es an mir herunterlaufen, aber ich werde davon nicht sauber. Ekel steigt in mir hoch, ich fühle mich schmutzig, und kurz darauf gehe ich in die Knie; Erbrochenes brennt mir im Hals und spritzt auf den Fußboden. Neben meinem Kopf prasselt das Wasser herab, läuft über meine Lippen, doch der Geschmack des Todes ist immer noch da.
Ich rapple mich auf, drehe das Wasser ab und steige aus der Dusche. Keine Lust, mich abzutrocknen. Am liebsten würde ich aufgeben, einfach alles hinschmeißen. Ich betrachte meinen Körper. Die Schnitte haben aufgehört zu bluten. Im Spiegel sieht es so aus, als hätte man mir unter die dunkelblaue Haut an der Stirn einen Golfball geschoben. Bei diesem Anblick fressen sich die Kopfschmerzen noch tiefer in mein Gehirn. Lassen sich häuslich nieder, bringen ein Schild an und richten sich für einen längeren Aufenthalt ein.
Das Handtuch um meine Taille geschlungen, trotte ich durchs Haus. Aus meinem Haar läuft Wasser und rinnt über meinen ganzen Körper. Auf dem Teppich hinterlasse ich nasse Fußabdrücke. Die stickige Luft ist wie ein feuchter Mantel. Ich habe das Gefühl, als ginge ich durch eine Gruft. Und vielleicht ist das hier auch nichts anderes. Ich schließe die Augen, und die zwei toten Frauen, die in meinen Gedanken bei mir sind, stimmen mir zu. In der Küche werfe ich zwei Schmerztabletten ein. Kein Mord ohne Schmerzen. Bin ich ein Mörder?
Im Wohnzimmer öffne ich Vorhänge und Fenster. Heiße Luft zieht ab, und warme Luft strömt herein. Dann hole ich mir eine Coke aus dem Kühlschrank und setze mich vor den Fernseher. Ich schnappe mir die Fernbedienung, ohne einen der Knöpfe zu drücken, und nehme ein paar Schlucke von der Coke. Für einige Minuten starre ich auf die leere Glotze und mein Wohnzimmer, das sich verzerrt darin spiegelt. Schließlich schalte ich ein.
Der Fernseher flackert auf und über den Bildschirm flimmert zweidimensionales Leben. Es wäre einfacher, wenn das ganze Leben so wäre. Die Nachrichten laufen bereits, und die Todesfälle sind die Hauptmeldung. Reporter und Moderatoren sind adrette Menschen, die mit einem Lächeln schreckliche Nachrichten verkünden. Ich frage mich, ob sie nach Art der Meldung bezahlt werden - je größer die Tragödie, desto höher die Gage. Sie verwenden Ausdrücke wie »Mega-Mord«, weil sie nicht die richtigen Begriffe kennen, um eine menschliche Tragödie wie diese zu dramatisieren. Ich frage mich, was für Worte sie benutzen würden, wenn sie letzte Nacht bei mir gewesen wären. Sie reden von einem Viertel unter Schock: Es gab nicht nur einen Mord, sondern gleich zwei - da bekommen die gottesfürchtigen Steuerzahler wirklich was für ihr Geld geboten. Sinnlose Verbrechen, sagen sie. Die bestialische Tat eines Wahnsinnigen, sagen sie. Wie bestialisch genau, wissen sie nicht, aber sie stellen gerne Vermutungen an. Kein Motiv, keine Hinweise, keine Spuren. Über so was berichten sie am liebsten. Sie verwenden so oft den Ausdruck »Ritualmord«, dass man glauben könnte, eine Firma für Reinigungsmittel habe sie dafür bezahlt, weil sich ein derart teuflisches Massaker am besten mit ihrem Produkt beseitigen lässt. Hinsichtlich unbestätigter Informationen berufen sie sich auf eine »interne Quelle«.
Während Fotos aus dem Leben von Kathy und Luciana über den Bildschirm flackern, erfahre ich Dinge, die ich letzte Nacht nicht erfahren konnte. Der Reporter berichtet von ihren persönlichen Erfolgen, ihren persönlichen Ambitionen. Familienangehörige und Freunde sind zu sehen, tauschen Anekdoten aus, teilen ihren Schmerz. Das Ganze ist ein Sammelsurium aus Einzelheiten, die ich längst kennen würde, wenn ich nicht zugelassen hätte, dass sie sterben. Bald werde auch ich im Fernsehen auftauchen. Und man wird mir ein Mikrofon unter die Nase halten, um mir einen kurzen Kommentar zu entlocken. Man wird mir dieselbe Frage stellen wie die Geister - warum?
Ich gehe ins Schlafzimmer und ziehe mich an. Dann hebe ich die blutverschmierten Shorts auf und werfe sie in die Waschküche. Aus dem untersten Fach des Kleiderschranks ziehe ich einen abgewetzten Koffer hervor und werfe ihn aufs Bett. Ich muss die Stadt verlassen. Am besten das Land. Einfach meine Sachen packen und verschwinden. Das bedeutet zwar, dass ich meine Freunde und meinen Job und meine Hypothek hinter mir lasse, aber das ist immer noch besser, als im Knast zu versauern. Ich brauche lediglich ein paar Sekunden, um das zu begreifen, und bloß fünfzehn Minuten, um zu packen.
So langsam kehrt mein Körperempfinden zurück und mit ihm ein leichter Hunger. Seit ich aufgewacht bin, hatte ich das Gefühl, als würde ein Fremder in meinem Körper wohnen. Ich mache das, was man tut, um Sandwiches zuzubereiten, und während ich sie für einen Moment betrachte, frage ich mich, was zum Teufel ich hier eigentlich tue. Dann esse ich sie. Sie schmecken nach Asche. Genau wie der Orangensaft, den ich hinterherschütte.
Ich setze aus der Auffahrt zurück. Fast sieben Uhr, und der Abend ist noch jung. Die Luft ist warm und schwül und riecht nach frisch gemähtem Gras. Die Sonne, die von den Fenstern der Häuser in meiner Straße reflektiert wird, brennt darin wie Feuer.
Autorenportrait:
Paul Cleave wurde am 10. Dezember 1974 in Christchurch, Neuseeland geboren, dem Ort, wo auch seine Romane spielen. Neben dem Schreiben renoviert er Immobilien ("Ich kaufe ein Haus, lebe etwa ein Jahr in ihm, während ich es renoviere, und verkaufe es dann"). Dem Fan von Stephen King und Lee Child gelang mit seinem Debütroman Der siebte Tod auf Anhieb ein internationaler Erfolg, der in Deutschland monatelang auf den ersten Plätzen der Bestsellerlisten stand.