Leseprobe:
Prolog
Der Sturm brach wie der Gotteshammer über sie herein.
Der Wind, wilder Diener des pechschwarzen Himmels, schäumte das Meerwasser auf und schleuderte es in haushohen Wellen ans Ufer. Mauern aus Salzwasser türmten sich auf, brachen und fielen in sich zusammen, denn Stein ist stärker als die eisige See.
»Dort drüben!«
Zwei Männer ritten durch den Sturm auf der Suche nach einem Unterschlupf - einer Höhle in den nahen Klippen. »Dort! Da ist sie!«
Die Brüder konnten nicht hören, was der andere rief,denn der Regen riss ihre Worte mit sich. Doch die Pferde kannten den Weg und stiegen den nassen, glitschigen Kiesstrand hinauf, immer weiter auf die rettenden Klippen zu.
«Durchhalten, durchhalten!«
Galten die Worte des hoch gewachsenen Mannes seinem Bruder, ihm selbst oder seinem Pferd, das mit Funken schlagenden Hufen über das regennasse Geröll sprengte?
»Ja! Heilige Maria sei Dank! Dort hinauf!« In einem letzten Sprint ging es bergauf, doch der kleinere der beiden Männer erreichte den Höhleneingang als Erster, duckte sich gerade im richtigen Augenblick unter das vom Meer ausgewaschene Felsentor und brachte sein Pferd Hautboy mit eisernem Griff zum Stehen. Die Höhle war riesig,und in ihrem Innern verlor sich bald das regengraue Licht vom Eingang.
»Gott sei Dank.« Der junge Mann schüttelte sich wie ein Hund, während sein kräftigerer Bruder - verärgert, weil er das Rennen nicht gewonnen hatte - nicht minder elegant in die Höhle geritten kam und seinen Hengst Mallon im letzten Augenblick zur Seite dirigierte. Die beiden Pferde standen nun mit bebenden Flanken und gesenkten Köpfen Seite an Seite.
Richard grinste. »Du hast mich natürlich gewinnen lassen, Edward, hab ich Recht?«
»Ich musste auf Mallons Beine Acht geben.« Eine einleuchtende Antwort, trotzdem gab Richard ein Schnauben von sich, als er aus dem Sattel glitt. »Lügner. Ich war schneller. Sei ein Mann und gib es zu.«
Edward, König von England, der Vierte seines Namens, unterdrückte ein Lachen und seinen Ärger. Sein jüngerer Bruder hatte Recht, diesmal war er wirklich schneller gewesen. Aber Edward hatte die Wahrheit gesagt, er hatte Mallon nicht über den unebenen Boden treiben wollen, vor allem nicht über den nassen Kieselstrand.
»Glaubst du, der Sturm wird noch lange dauern?«
Richard, Herzog von Gloucester, drückte dem König Hautboys Zügel in die Hand und schlenderte zum Höhleneingang, der von den über die Klippen donnernden Wassermassen verschleiert war.
»Hoffentlich«, sagte Edward aus einer Eingebung heraus und tätschelte Mallons Hals, ehe er auf den sauberen, sandigen Höhlenboden sprang.
Richard drehte sich erstaunt zu seinem Bruder um. »Was hast du gesagt?«
»Schon gut.« Der König trat neben seinen Bruder, und gemeinsam starrten sie durch die herabstürzenden Wassermassen auf die aufgewühlte See hinaus.
Wer sie zum ersten Mal beisammen sah, mochte kaum glauben, dass sie Brüder waren. Edward war fast eine halbe Schwertlänge größer und so blond, dass sein Haar im Sommer die Farbe von weißem Gerstenstroh annahm. Außerdem besaß er ein kräftiges, offenes Gesicht, schön wie ein Racheengel - das jedenfalls hatte einmal ein Mädchen zu ihm gesagt, vor langer, langer Zeit,wie ihm schien. Unwillkürlich schob sich ihr Gesicht vor sein geistiges Auge, und er verscheuchte die aufkeimende Traurigkeit.
Niemand hatte Richard je mit einem Engel verglichen.
Richard war wachsam,hatte dunkle Augen, einen dunklen Teint und dunkles Haar und war dünn, wohingegen sein Bruder groß und muskulös war. Beide jedoch besaßen die Kraft von Männern, die es gewohnt waren, hoch zu Ross zu kämpfen, und hatten dieselben breiten Schultern und kräftige Schenkel.
Der junge Herzog sah seinen Bruder an. Edward brütete wieder vor sich hin, seine Augen waren in die Ferne gerichtet, als ob er in Gedanken weit fort wäre.
Richard zuckte ungeduldig die Achseln. Der König war schon viel zu lang in dieser düsteren Stimmung. Auch aus diesem Grund hatte er den Ausritt vorgeschlagen. Nur sie beide, um den Höflingen und dem mühseligen Treiben am Königshof zu entkommen, wo die Abreise nach Süden, zum Palast von Westminster in London, vorbereitet wurde.
Der Herzog lächelte dünn. Sie wussten beide, dass man sie mittlerweile vermissen würde. Am Hof herrschte gewiss große Aufregung, vor allem in den Gemächern der Königin. Bestimmt war sie wütend, dass Edward sich davongeschlichen hatte.
Richard sah sich neugierig um. Die Höhle war berühmt, so berühmt, dass sie sogar einen Namen hatte, Loki's Hall. Loki war der alte Gott der Seelenwandler, der Gott des Feuers und der Zauberer.
Sie war groß wie ein Festsaal, und es gab säulenartige Felsgebilde, ähnlich den Säulen in Westminster, die sich ins Innere des Berges zogen und eigentümlich geformt waren, wie von einer fast schöpferischen Kraft gestaltet. Sie konnten unmöglich von Menschenhand erschaffen worden sein. Vielleicht hatte hier ein Zauberer,ein Diener der Götter, gewirkt?
Richard zitterte und bekreuzigte sich eilig,wobei er den Siegelring an seiner Linken berührte. Unter dem geschnitzten Onyx verbarg sich eine winzige, angeblich mächtige Reliquie, ein Milchzahn des heiligen Georg. Natürlich glaubte der Herzog nicht an die alten Legenden, aber...
Ein Knall ertönte. Die Höhle bebte, und beide Männer sprangen zu ihren Pferden, um sie festzuhalten. Ein mächtiges Stöhnen und Knirschen erschütterte die Luft, hallte in ihren Köpfen wider und ließ ihre Zähne aufeinander schlagen.
Mit einem Mal drang dichter Staub in die Höhle, und das Licht erstarb. Dunkelheit umfing sie. Als sie zu atmen versuchten, kratzte der Sand in ihren Kehlen, und unter ihren Füßen erhob sich ein markerschütterndes Grollen.
»Bruder!«, rief Richard kläglich. Er war außer sich vor Entsetzen - was für eine Schmach!
»Hier bin ich, hier. Alles wird gut.« Ja, alles würde gut werden, das wusste Richard, denn das war die große Stärke seines Bruders - seine Ruhe,wenn die ganze Welt auseinander zu brechen und ein Ort des Schreckens zu werden schien. Das hatte er schon als junger Mann in Towton gelernt. An jenem Palmsonntag, als er zum ersten Mal seine Streitaxt in der Schlacht geführt hatte, der Schnee sich blutrot verfärbte und die Welt neu geordnet wurde.
Das Beben erstarb wie auf Kommando. Alle vier, Männer wie Pferde, atmeten in der plötzlichen Stille gierig ein, sogen die saubere, klare Luft in ihre Lungen. Richard hustete heftig und spie Sand aus. »Was war das?«
Der tobende Wind hatte sich gelegt, und wo der Wasserschleier den Höhleneingang verhangen hatte, klatschten Regentropfen hernieder. Die Helligkeit war zurückgekehrt.
»Mal sehen«, sagte Edward. Er gab Mallon einen beruhigenden Klaps, dann ging er vorsichtig auf die Helligkeit zu.
Die Welt draußen hatte sich verändert. Ganze Teile der Landspitze waren verschwunden, und der Kieselstrand war mit Felstrümmern und entwurzelten Bäumen übersät, die mit der Kuppe der Klippe herabgestürzt waren.
Der Höhleneingang aber war noch offen, jedenfalls weit genug,um die Pferde mit größter Vorsicht über die Trümmer führen zu können. Auf dem Rückweg würde es kein Wettreiten mehr geben.
Der König lachte. Es war ein raues Lachen. Das Glück war ihm wieder einmal treu geblieben.
»Edward?«
Wie ein Geist tauchte der Herzog hinter ihm auf, eine vage weiße Gestalt in einer Staubwolke. Instinktiv legte der König die Hand auf den Knauf seines Schwerts - die Angst in der Stimme des Bruders war ihm nicht entgangen. Schweigend eilte der König auf ihn zu, ein, zwei, drei Schritte, und dann sah er es .
»Ist das das Werk eines Zauberers, Edward?«
Richard hatte seine Stimme kaum unter Kontrolle - er sprach leise, zum Glück, und ruhig, nur das Wort »Zauberer« klang wie ein hohes Quieken. Edward vergaß oft, wie jung Richard war.
In der Tiefe der Höhle war eine Felswand zusammengestürzt und gab den Blick auf eine Gestalt frei, die auf einem Felsvorsprung lag. Im Dämmerlicht sah sie aus, als ob sie schliefe, doch als Edward sich hinunterbeugte und genauer hinsah, erkannte er einen nackten Leichnam. Einen nackten schwarzen Leichnam.
Die Haut des Mannes war, wahrscheinlich von der salzigen Luft, ausgedörrt und dunkel und hatte die Farbe von Seekohle angenommen, wellte sich jedoch in seltsamen, unmenschlichen Falten, denn die Muskeln darunter hatten sich aufgelöst, sodass die Gestalt nur noch in Umrissen zu erahnen war. Der ausgehöhlte, fremdartige Körper allein bot schon einen abstoßenden Anblick, sein Tod aber musste entsetzlich gewesen sein.
Die Kehle des Mannes wies eine alte, tiefe Wunde auf, einen klaffenden Schnitt direkt unterhalb des Kiefers, so tief, dass der Übergang vom Rückgrat zum Schädel frei lag. Auf dem weißen Knochen waren Messerspuren zu sehen, und in dem Spalt, wo sich einst der Hals des Mannes befunden hatte, war eine steife, sehnige Schlinge zu erkennen, die einst grausam festgezurrt worden war.
»Sieh nur.« Richard, der seine Stimme wieder unter Kontrolle hatte, deutete in das düstere Licht. Edward konnte nur mühsam eine dünne, blattförmige Klinge ausmachen, die, schwarz auf schwarz, zwischen den Rippen des Toten steckte. Sie war mit solcher Gewalt in seine Brust gerammt worden, dass mehrere Rippen gebrochen waren - eine höchst bemerkenswerte Wirkung für eine so kurze Klinge.
Edward beugte sich hinunter und wollte sie herausziehen.
»Nein! Nicht anfassen! Vielleicht ist sie verflucht. Vielleicht ist er verflucht.« Richards Stimme bebte, doch der König beachtete die leise, furchtsame Ahnung von Hexerei und Aberglaube nicht.
»Doch. Sieh nur,Bruder. Ich glaube, es ist nur eine Art Messer.« Der König hielt den schwarzen Gegenstand in die Höhe: Er war schön und schmiegte sich perfekt in seine Hand, als wäre er für ihn gemacht. Etwas aber verwirrte ihn. Er bestand aus einem Metall, das er noch nie zuvor gesehen hatte, und seine Schneide war leicht gekrümmt und von tödlicher Schärfe. Vielleicht war er aus Stein, einem Stein, der ihm noch nie untergekommen war, eher wie schwarzes Glas und sehr kalt.
Die menschenähnliche Gestalt lag zusammengekauert da wie ein schlafendes Kind. Unwillkürlich kroch ein Schauder über sein Rückgrat.
»Edward, wir sollten uns auf den Weg machen. Nach diesem Sturm werden sie schon nach uns suchen. Die Königin sorgt sich gewiss um dich.« Richard lachte nervös. Er wollte nichts lieber, als diesen eigenartigen Ort so schnell wie möglich verlassen. Der Gedanke an den sicheren Zorn der Königin hatte fast etwas Tröstliches, etwas Menschliches, das ihn seltsamerweise beruhigte. Er machte einen Schritt auf die Pferde zu.
»Warte, Richard. Was meintest du mit - verflucht?« Richard war plötzlich eifrig mit den Sattelgurten der Pferde beschäftigt.
»Nun ja, der dreifache Tod«, erwiderte er über die Schulter. »Du weißt schon - erst erhängt und die Kehle durchgeschnitten, dann ersäuft, verbrannt oder vergraben. Es gab verschiedene Methoden, wenn man ein Menschenopfer darbringen oder.«
»Oder was?«, erkundigte sich der König fast beiläufig, während er sich hinunterbeugte und das widerliche, kleine schwarze Messer, falls es denn ein Messer war, vorsichtig neben die eine Hand des Toten legte.
»Oder verhindern wollte, dass ein böser Mensch nach dem Tod umherwandelt. Manchmal wurden solche Menschen an Kreuzwegen begraben. Aber das sind nur alte Erzählungen... Edward, was tust du da?« Richards Stimme klang angespannt.
»Hier, mein Freund. Ruhe sanft.« Sollten sich die toten Finger jemals öffnen, würden sie die Waffe seines Mörders berühren. Mussten Tote sich verteidigen? Edward verscheuchte diese seltsame Vorstellung mit einem Kopfschütteln.
Die Brüder führten ihre Pferde aus der Höhle hinaus, zwischen den Felstrümmern hindurch über die neu geformte Landspitze. Die See wurde allmählich ruhiger, und das Wasser zog sich leise fauchend vom Kiesstrand zurück.
Dankbar sog Richard die salzige Luft ein. Er stieg auf sein Pferd, bekreuzigte sich und küsste seinen Reliquienring. »Unserer guten Frau und dem heiligen Georg sei Dank! Der alte Loki hat uns nicht bekommen! Glück gehabt, Bruder - wir hätten seinem Freund dort drinnen auf ewig Gesellschaft geleistet. Niemand hätte uns je gefunden.«
Edward aber ritt auf Mallon seinen Pflichten entgegen und schenkte den Worten seines Bruders keine Beachtung. Glück? Einmal, als er wirklich des Glücks bedurft hätte, hatte es ihn in Stich gelassen. Er dachte an diese Zeit vor fast einem Jahr zurück, hörte das Schreien der Seemöwen und sah nur eines vor sich: Annes Antlitz.
Aus der Ferne hatte er sie fortgehen sehen, hatte nicht verhindert, dass sie und Deborah aus dem Hafen von Dover davonsegelten. Und nun, als er im gestreckten Galopp über den steinigen Strand ritt, packte ihn wieder der Schmerz, ein frischer, beinahe süßer Schmerz. Jener Schmerz wühlte in seiner Brust, wann immer er ihr Gesicht sah, als wäre er selbst mit diesem schwarzen Messer erstochen worden, mitten ins Herz hinein. Und gestorben. Gestorben für sie.
Wo war sie? Wo war sie?
Teil 1
LEHRJAHRE
Kapitel 1
»Genug. Ruht Euch aus. Ihr müsst schon ganz steif sein.«
Das Mädchen, das vor dem Flügelfenster kniete,streckte seufzend seine verkrampften Glieder. Er hatte Recht, sie war tatsächlich steif von der starren Haltung, außerdem fror sie. Die Kohlenbecken waren lange heruntergebrannt, und es war eiskalt im Zimmer.
»Wir sind heute gut vorangekommen.« Der Maler schien die Kälte nicht zu bemerken und plapperte vergnügt weiter, während er Farbpigmente in einem Mörser zerstieß - mit siedendem Leinöl und pulverisiertem Gummiarabikum vermischt würden sie ein tiefes Rot ergeben. Er hatte Recht, denn das Mädchen hatte seit Stunden klaglos in kniender Haltung verharrt, etwas, was er bei seinen Kunden selten erlebte und wofür er überaus dankbar war.
Endlich war er mit der Konsistenz der blutroten Farbe zufrieden, die er in einer Austernschale angerührt hatte. Er tunkte die Spitze seines Pinsels ein und lächelte entschuldigend.
»Seid Ihr so weit, Mistress? Ich muss dieses Licht ausnutzen. Vielleicht wollt Ihr noch ein zusätzliches Polster für die Knie?« Er lächelte ihr ermutigend zu, als sie sich wieder hinkniete. Doch kaum beugte er sich zur Leinwand vor, verdüsterte sich seine Miene, und schon war er wieder in die schier unmögliche Aufgabe vertieft, den schwer fassbaren Samtglanz eines kleinen Faltenwurfs einzufangen, der ihm so großen Kummer bereitete.
Von draußen drangen Geräusche in den stillen, eisigen Raum. Die Wände des Ateliers warfen das Geschrei der Kinder zurück, die auf dem zugefrorenen Kanal vor dem schmalen Haus des Malers spielten. Schließlich legte er den Pinsel nieder und trat einen Schritt zurück.
Er warf einen kurzen Blick auf sein Modell, das immer noch gehorsam auf Knien verharrte. Das Licht, das von draußen durchs Fenster fiel, rahmte ihre Gestalt ein, doch ihr Gesicht war in der roten Abendsonne kaum zu erkennen. Bald würden überall in der Stadt die Öllampen, Talglichter und Wachskerzen angezündet werden, um die Schatten zu vertreiben.
»Genug für heute, Mistress. Das Licht reicht nicht mehr aus.«
Erleichtert setzte sich Anne de Bohun auf die Fersen, lockerte ihre Glieder und massierte jeden einzelnen ihrer steif gefrorenen Finger.
»Darf ich es sehen, Meister?«
»Noch nicht, Mistress. Es bringt Unglück, ein unvollendetes Gemälde anzusehen. Morgen vielleicht.«
Sie verstand sein Widerstreben. Es war nicht leicht, der Welt etwas zu offenbaren, das man selbst geschaffen hatte, selbst dann, wenn es vollendet war. Nun gut, sie konnte noch ein bisschen warten.
Ohne weiter zu drängen, erhob sich Anne, griff nach ihrem schlichten, aber warmen Wintermantel und legte ihn sich um die Schultern. Sie war darauf bedacht, das granatrote Samtkleid zu verbergen, das Wertvollste, was sie besaß, denn auf den winterlichen Straßen tummelten sich Fremde, und sie wollte keinen Raubüberfall oder Schlimmeres provozieren.
»Lotta! Hol Licht!« Die Stimme des Malers klang erschreckend laut, als er nach seiner Dienerin rief. Er machte sich nicht die Mühe,die Tür zu öffnen und nach unten zu rufen. Sie würde ihn auch so hören.
Während sie warteten, wusch der deutsche Maler Hans Memling seine Pinsel aus und beobachtete verstohlen seinen Gast: die elfenbeinfarbenen Hände mit den schmalen, geschickten Fingern, die den Mantel zusammenhielten und die Falten des gestärkten Schleiers über der bestickten Haube richteten, die ihr Haar verhüllte. Er hatte ihr Haar noch nie zu sehen bekommen. Das betrübte ihn.
Anne de Bohun war ihm ein Rätsel. Seine Arbeit war kostspielig, aber sie hatte nicht gezögert, als sie sich handelseinig geworden waren. Wenn es stimmte, was man über sie erzählte, besaß sie kein eigenes Vermögen. Allerdings war ihr Vormund, der englische Kaufmann Mathew Cuttifer, ein reicher Mann. Ob er das Gemälde bezahlt hatte?
Ein zaghaftes Klopfen ertönte an der Tür. Memling zügelte seine aufkommende Verärgerung, beugte sich vor und schob den eisernen Riegel zur Seite. Die Tür schwang auf und gab den Blick auf das ängstliche Gesicht seiner Dienerin Lotta frei, die in der einen Hand einen mehrarmigen Kerzenständer, in der anderen eine flackernde Öllampe hielt. Lotta war noch sehr jung und unsicher. Ihr ängstliches Bemühen, es ihrem Herrn stets recht zu machen, ließ sie linkisch erscheinen. Als sie vor ihm und seinem Gast knickste, tropfte ein wenig Öl auf ihr Hauskleid.
»Stell die Kerzen hin, Mädchen. Nein, nicht da!« Lotta hatte den Kerzenständer eilfertig auf dem erstbesten Platz abgestellt, seinem von Mörsern und Pinselbechern übersäten Arbeitstisch. »Wie oft soll ich es dir noch sagen? Nein! Stell die Kerzen vor den Spiegel, dann verdoppelt sich das Licht.«
Anne hatte Mitleid mit dem fahrigen Kind. Es war noch nicht lange her, dass sie selbst Dienerin gewesen war. »Komm, Lotta, gib mir die Lampe für deinen Herrn. Und bitte sag Ivan Bescheid, dass wir aufbrechen können.«
Dankbar huschte Lotta aus dem Atelier, und Anne schielte zu dem Maler hinüber, der sein Werk mit einem zarten Musselinstoff abdeckte. Ein feines Drahtgestell schützte die Leinwand vor dem Gewebe. Lächelnd blickten sie einander an.