Kurzbeschreibung:
"Beim Lesen dieser Geschichten werden Sie vergessen zu atmen", sagte niemand geringerer als Nick Hornby nach der Lektüre von "Bis an das Ende der Nacht". Ein größeres Lob für einen jungen Autor ist kaum vorstellbar, aber Christopher Coake hat es verdient. Denn tatsächlich lassen seine sieben Geschichten, die von Menschen in extremen Situationen erzählen, den Leser nicht nur beim Lesen, sondern auch lange danach nicht mehr los. Eindringlicher, spannender, bewegender hat selten ein Autor über die Liebe, den Tod und das Leben geschrieben.
Leseprobe:
Eric und Kristen sind auf unvertrautem Terrain. Sie kennen sich erst wenige Wochen, aber für sie steht fest, dass es Liebe ist, die große, glühende Liebe.
Und diese Liebe, dieses unverhoffte Geschenk, ist so schnell über sie gekommen, mit solcher Intensität! Und genau im rechten Moment. Sie sind jung - Eric ist vierundzwanzig, Kristen zweiundzwanzig -, aber beide hatten sie, als sie sich kennengelernt haben, eine lange, krisengebeutelte Beziehung hinter sich. Kristen hatte sich frisch von ihrem Freund getrennt, mit dem sie vier Jahre zusammen war. Und Erics Scheidung - nach drei Jahren Ehe - ist erst diese Woche rechtskräftig geworden.
Um das zu feiern, haben sie sich ein Hotelzimmer im Stadtzentrum genommen und ein ganzes Wochenende hindurch kaum einen Fuß nach draußen gesetzt. Und es sind die letzten Stunden ihrer letzten Nacht dort, und sie haben sich gerade eben geliebt. Jetzt flüstern sie sanft und süß im Dunkeln. Erinnerungen, Geheimnisse, alles. Dieser Sturzbach aus Worten berauscht sie ebenso sehr wie der warme, feuchte Körper des anderen unter der Decke. Alles, was sie jetzt sagen und tun, scheint ihnen mit Bedeutung behaftet, mit einer großen, intimen Symbolik, die sie feierlich stimmt, weil sie für ihr Zusammensein mit seinen sämtlichen Versprechungen steht.
Kristen wispert: Erzähl mir was. Ganz egal was. Einfach irgendwas, was dir wichtig ist.
Sag mir, was du wissen willst, sagt Eric. Du darfst alles wissen. Ich habe keine Geheimnisse vor dir.
Irgendwas, was nur du mir erzählen könntest. Was dich ganz und gar ausmacht.
Egal was?
Was dir am lebhaftesten in Erinnerung ist. Und dann bin ich dran.
Eric schweigt, aber sie spürt seine Hand warm und flach an ihrem Bauch. Seine Finger biegen sich zusammen und wieder auf.
Na ja, bei mir ist es was Schlimmes, sagt er. Bei mir was Schönes, sagt sie.
Kristen hat vor, ihm zu erzählen, wie es war, als sie ihn das erste Mal gesehen hat - vielleicht nicht die schwerwiegendste ihrer Erinnerungen; die wäre der Tod ihrer Mutter, den sie bisher nur andeutungsweise erwähnt hat und an den sie nur ungern denkt. Aber was im Moment den ersten Platz in ihrem Gedächtnis einnimmt, das ist Eric, vor nicht mal einem Monat, als sie beide an der Kinokasse anstanden: der breite Keil seines Rückens und das langsame Lächeln auf seinem Gesicht, diese Unschlüssigkeit, mit der er so sichtbar kämpfte, während er ihre Blicke erwiderte. Er ging allein ins Kino; sie auch. Sie sah ihn, und er lächelte sie an, schaute immer wieder her, rang mit seiner Schüchternheit, und sie wusste - wusste es ganz einfach -, dass aus ihnen ein Paar werden würde. Das will sie ihm sagen. Kristen hatte ihn angesprochen - so kühn war sie noch nie gewesen -, und nach ein paar stockenden ersten Sätzen hatten sie beide über sich selbst lachen müssen, über die Offenkundigkeit ihrer Hemmungen und Wünsche und die Freude an ihrer eigenen Beherztheit, und dann hatten sie sich nebeneinander gesetzt. Und sie hat Recht behalten. Es ist ein Paar aus ihnen geworden. Jetzt sind sie hier, zusammen.
Sie will ihm sagen, dass es für sie keine Sekunde des Zweifelns gab.
Bei mir ist es was richtig Schlimmes, sagt Eric. Ich weiß nicht, ob das jetzt so gut passt.
Erzähl's mir. Es ist gut, dass du den Anfang machst. Fangen wir mit dem Schlimmen an, dann können wir mit dem Schönen aufhören.
Bist du sicher?
Ich glaube, wir können mit allem fertig werden, sagt sie. Mit absolut allem. Glaubst du nicht?
Er verschiebt sein Gewicht ein bisschen, küsst sie auf die trockenen Lippen und bringt dann den Mund an ihr Ohr.
Ich war sieben, als es passiert ist. Meine Familie war in einen Naturpark im Süden von Indiana gefahren, und in diesem Park gab es ein paar ziemlich steile Schluchten und Felswände. Mein Vater und meine Mutter waren dabei, und meine kleine Schwester und unser - mein - Hund. Er hieß Gale; so hatte ich ihn genannt, weil er schnell war wie der Wind. Ich war stolz auf den Namen, ich fand es einen grandiosen Einfall von mir. Gale war ein Mischling, ein Schäferhundmischling, ungefähr zwei Jahre alt, aber wir hatten ihn schon als Welpen bekommen. Ich hatte ihn aufgezogen. Er hat nachts bei mir geschlafen. Ich hab ihn über alles geliebt. Er war einer von diesen Hunden, die richtig gute Spielkameraden sind, weißt du - er hat immer schon auf mich gewartet, wenn ich aus dem Bus gestiegen bin, und aufgepasst, dass andere Kinder mir nichts tun. Immer mit Feuereifer bei der Sache, wie Hunde eben sind.
Er hatte so einen Ball, ein Quietschding aus Gummi, das war sein Lieblingsspielzeug. Den hatten wir im Park auch dabei. Gegen Mittag ist mein Vater mit uns zu einer Picknickwiese gefahren und hat an einem von den Grillplätzen Feuer gemacht. Meine Mutter und meine Schwester sind im Fluss rumgewatet. Ich und Gale sind einen Hang raufgelaufen und in den Wald rein, spielen. Ich warf den Ball, und er raste ihm nach, und wir liefen immer tiefer in den Wald, weg vom Weg, und Gale wurde immer wilder und aufgedrehter, und er hat sich seinen Ball geschnappt und ist damit losgefetzt, mitten durchs Unterholz, und ich musste schauen, dass ich hinterherkam.
Es ging die ganze Zeit bergauf, und irgendwann hatte ich ihm den Ball doch abgejagt. Wir waren inzwischen so weit oben, dass wir am Rand einer Felswand hoch über dem Fluss standen. Also fing ich an - keine Ahnung, warum, ich hab mir nichts dabei gedacht -, den Ball in Richtung Kante zu werfen. Ich hab damit nichts bezweckt - nichts Böses, meine ich -, ich wollte einfach nur sehen, wie schnell er ist. Ich war ... stolz auf ihn. Er preschte jedesmal los und erwischte den Ball weit vor der Kante, und ich dachte wohl einfach, er hat genauso den Durchblick wie ich.
Dann warf ich noch ein bisschen fester, und der Ball sprang bis zur Kante vor, und ich merkte, dass ich mich verschätzt hatte, dass der Ball über die Kante fallen würde; Gale war zu weit weg, um ihn noch zu kriegen. Aber er raste trotzdem los. Der Ball rollte über den Rand, und Gale bremste nicht - er war zu aufgedreht, ich hatte ihn zu sehr aufgestachelt. Ich brüllte Nein, damit er anhielt, aber er bremste erst scharf vor der Kante. Da begriff er plötzlich, wo er war, und er schlitterte über die kahle Erde, sein Körper stellte sich quer, und dann rutschte er mit den Hinterpfoten über den Felsrand, und da hing er, nur die Vorderbeine noch auf festem Boden, und versuchte sich über den Rand hochzustrampeln.
Ich rannte zu ihm, und als ich an der Kante stand, sah ich, wie tief es hinunterging. Vielleicht dreißig Meter, ich weiß es nicht. Schrecklich tief jedenfalls. Ich sah es alles wie auf einer Photographie, und ich sehe es immer noch vor mir. Die Wand war aus altem, dunklem, mürbem Kalkstein, ganz mit Moos und Ranken überwachsen, ich rieche den Geruch noch, nass wie umgegrabene Erde, und ganz unten war eine dunkle, schattige Böschung mit ein paar glitschig aussehenden abgestorbenen Bäumen darauf, um die altes fauliges Laub lag. Die Hangkante bröckelte, überall loses Geröll, und als ich hinuntersah, wurde mir schwummerig. Und statt Gale beim Halsband zu packen, hab ich ... hab ich einfach nur runtergestarrt, weißt du, ich stand da wie gelähmt und starrte in den Abgrund.
Aber nur eine Sekunde lang, eine halbe Sekunde. Mehr kann es nicht gewesen sein. Gale strampelte wie wild - scharrte an der Felswand, kratzte mit den Vorderpfoten im Geröll. Er hatte es fast über die Kante geschafft, da verlor er wieder den Halt und rutschte weg. Er sah mich an, die Augen ganz weit aufgerissen, und er machte so ein ... so ein hüstelndes Geräusch. Und da kniete ich mich endlich hin und kroch zu ihm und wollte ihn am Halsband fassen, aber ein Stück Fels unter ihm muss nachgegeben haben, denn genau in dem Moment fiel er. Er hat ... er hat aufgejault. Als er begriff, was mit ihm passiert.
Ich hatte mich über den Rand gelehnt, um sein Halsband zu packen, und ich konnte sehen, wie er fiel. Seine Pfoten tapsten, als würde er immer noch am Fels Halt suchen, dabei flog er durch die Luft.
Autorenportrait:
Christopher Coake wurde in Indiana geboren und studierte Literatur an der Ohio State University. Erzählungen von ihm erschienen in verschiedenen amerikanischen Literaturzeitschriften, u. a. in der renommierten Anthologie »Best American Mystery Stories 200