Kraftvolle Geschichten über den Irrwitz des Lebens - kühn, treffsicher, brillant<br />
<br />Mit diesen neun Erzählungen wurde Nathan Englander als 28jähriger in den USA zum Star der Literaturszene. Mit seiner scharfen Beobachtungsgabe und seinem schwarzen Humor nimmt der junge Autor den jüdischen Alltag aufs Korn, ob in New York oder in Jerusalem, in Russland oder in Polen, und erzählt, was passiert, wenn die Jahrtausende alte Tradition des jüdischen Glaubens mit der modernen Welt in Kollision gerät. So fragt ein Mann, dessen geliebte Frau ihre sogenannte unreine Zeit ins Unendliche ausdehnt, seinen Rabbi um Rat und ist perplex, als dieser ihm vorschlägt, ein Bordell in der Stadt der Sünde aufzusuchen - zur "Linderung unerträglichen Verlangens" ...<br />
<br />
Mit diesen neun Erzählungen wurde Nathan Englander als 28jähriger in den USA zum Star der Literaturszene. Mit seiner scharfen Beobachtungsgabe und seinem schwarzen Humor nimmt der junge Autor den jüdischen Alltag aufs Korn, ob in New York oder in Jerusalem, in Russland oder in Polen, und erzählt, was passiert, wenn die Jahrtausende alte Tradition des jüdischen Glaubens mit der modernen Welt in Kollision gerät. So fragt ein Mann, dessen geliebte Frau ihre sogenannte unreine Zeit ins Unendliche ausdehnt, seinen Rabbi um Rat und ist perplex, als dieser ihm vorschlägt, ein Bordell in der Stadt der Sünde aufzusuchen zur Linderung unerträglichen Verlangens
Die Anweisungen kamen aus Stalins Landhaus in Kunzewo. Er erteilte sie dem diensthabenden Geheimpolizisten mit nicht größerer Regung, als wenn es um die Ermordung von Kulaken, Priestern oder den allzu freimütigen Ehefrauen enger Freunde gegangen wäre. Die Beschuldigten waren am gleichen Tag festzunehmen, gleichzeitig ins Gefängnis einzuliefern und im selben Moment mit einem Keuchen und einem letzten Atemzug durch eine einzige knatternde Gewehrsalve in die Verdammnis zu schicken.§Es ging nicht um Hass, bloß um Gehorsam, denn Stalin wusste, dass man nur einer einzigen Nation treu sein konnte. Über die Namen der Schriftsteller auf der Liste wusste er weniger gut Bescheid. Als ihm der schriftliche Befehl am nächsten Morgen vorgelegt wurde, unterschrieb er ihn dennoch, obwohl es nun siebenundzwanzig waren und nicht mehr sechsundzwanzig wie noch am Tag zuvor.§Es kam nicht darauf an, außer vielleicht für den siebenundzwanzigsten.§Die Anweisungen erlaubten kaum Abänderungen und keinerlei Verzögerung. Sie waren geheim und gleichzeitig auszuführen - Letzteres wurde noch einmal besonders hervorgehoben. Doch wie sollten die Geheimpolizisten die Männer aus Moskau und Gorki, Smolensk und Penza, Schuja und Podolsk genau zum selben Zeitpunkt in das Gefängnis nahe dem Dorf X bringen?§Der diensthabende Geheimpolizist war sehr von seinen Führungsqualitäten eingenommen, aber die Rolle des Strategen delegierte er an seinen Hut. Er schnitt die Liste in Streifen, warf diese in den frisch gepressten Hut und mischte sie vorsichtig, um ihn nicht aus der Form zu bringen. Die meisten dieser Schriftsteller hielten sich gegenwärtig in Moskau auf. Die wenigen, die sich in ihren Heimatdörfern befanden, irgendwo zur Kur waren oder sich in eine Hütte eingeschlossen hatten und versuchten, ein bahnbrechendes Werk zu vollenden, würden bestimmt kräftig Prügel kassieren, wenn zwei von der anstrengenden Fahrt gereizte Geheimpolizisten eintraten.§Nach der Lotterie wurden die Beamten, die einen Namen gezogen hatten, der eine lange Reise bedeutete, von ihren Freunden mit gutmütigem Spott bedacht. Für die meisten würde es ein leichtes Spiel sein, sie hatten kaum mehr zu tun, als einen alten Rebellen in den Wagen zu stoßen, mussten vielleicht erdulden, dass ihnen auf dem Land bei einer Szene des Sich-Sträubens und Haareausraufens vor einem Haufen abergläubischer Bauern die Hemden zerknittert wurden.§Andere hatten es schwer, wie die beiden Geheimpolizisten, die Wassily Korinsky zugewiesen waren. Korinsky sah keinen Ausweg und war bereit, sein Schlafzimmer leise zu verlassen, aber seine Frau Paulina schlug dem kleineren Beamten eine orientalische Messingvase über den Kopf. Es kam zu einem Handgemenge, Paulina wurde überwältigt, der kleine Beamte bewusstlos hinausgetragen, und eine wertvolle Stunde der zur Verfügung stehenden Zeit war vergeudet.§Dann war da das Paar, das für Moische Bretzky zuständig war. Er liebte den Wodka ebenso aufrichtig wie das Land, aus dem dieser stammte. Auf den ersten Blick hätte man ihn kaum als einen der empfindsamsten jiddischen Lyriker aller Zeiten erkannt. Er war von gewaltigem Umfang, ungepflegt und stank wie ein Pferd. Einmal im Jahr kam ihm während der zehn Bußtage vor Jom Kippur sein sündiges Leben zu Bewusstsein, und er entsagte dem Alkohol bis zu diesem Tag. Nach dem Fasten ergriff er Federhalter und Notizblock und schrieb wochenlang fieberhaft in der stickigen Küche seiner Schwester, den schmerzenden Kopf noch immer in den Gebetsschal gehüllt. Das vollendete Werk wurde mit einem randvollen Gläschen Wodka begrüßt. Dann erwachte Bretzkys Durst von neuem, und er verschwand für ein weiteres Jahr. Sein Schwager hätte diesem alljährlichen Ritual einen Riegel vorgeschoben, wären die von Bretzky zurückgelassenen schweißgetränkten Blätter nicht bares Geld wert gewesen.§Die beiden Geheimpolizisten brauchten die ganze Nacht, um Bretzky zu finden. Sie folgten seiner Spur zu einem der Bord
Nathan Englander wurde 1970 geboren und wuchs in einer jüdischen Gemeinde in Long Island auf. Er studierte an der Hebrew University in Jerusalem und an der Binghamton Universität Englische Literatur und Jüdische Geschichte. Er arbeitete als Fotograf, Strandreiniger, Schuhverkäufer, Lektoratsassistent und Fremdenführer. Mittlerweile lebt Nathan Englander in Jerusalem und bezeichnet sich selbst als "vollständig weltlich". Für seine Erzählung Zur Linderung unerträglichen Verlangens erhielt er 1997 den Pushcart Prize.
€ 9,00