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Ein Stern in dunkler Nacht. cbj Hardcover

von Willi Fährmann, Dieter Wiesmüller (Buch)

  • ISBN:3-570-13551-9
  • EAN:9783570135518
  • Veröffentlichungsdatum:September 2008
  • Gewicht in g:544
  • Reihe:cbj Hardcover
  • Seiten:192
  • Altersangabe:6

Kurzbeschreibung:

Besinnliche Weihnachtsgeschichten von Willi Fährmann und anderen Autoren der Weltliteratur


Der große Kinder- und Jugendbuchautor Willi Fährmann hat ein wunderbares Hausbuch für die Advents- und Weihnachtszeit geschaffen, in dem sein wichtigstes Anliegen zum Ausdruck kommt: Den Respekt vor der Schöpfung und den toleranten Umgang der Menschen untereinander. So stehen neben eigenen Texten in dieser ganz besonderen Sammlung stimmungsvolle und besinnliche, aber auch lustige Geschichten von vielen Großen der Weltliteratur: Thomas Mann und Erich Kästner, Truman Capote und Anton Tschechow, Marie Luise Kaschnitz und Max Bollinger.
Mit stimmungsvollen Illustrationen von Dieter Wiesmüller ist hier ein Buch für die ganze Familie entstanden, das man jedes Jahr gerne wieder zur Hand nimmt.


Mit Geschichten namhafter Autoren wie Max Bollinger, Truman Capote, Charles Dickens, Joseph von Eichendorff, Johann Wolfgang von Goethe, E. T. A. Hoffmann, Erich Kästner, Marie Luise Kaschnitz, Selma Lagerlöff, Astrid Lindgren, Guy de Maupassant, Thomas Mann, O. Henry, J. R. R. Tolkien, Rainer Maria Rilke, Peter Rosegger, Theodor Storm, Ludwig Thoma, Anton Tschechow, John Updike, Emile Zola und vielen anderen.



Leseprobe:

Die Sonne schien so hell und das Licht war derart gleißend, dass Roberta kaum noch etwas sehen konnte. Und ausgerechnet heute hatte sie ihre Sonnenbrille zu Hause gelassen. Nein, nicht vergessen, absichtlich gelassen. Nach Dienstvorschrift müsste sie die Brille zwar jeden Tag dabeihaben, aber es sammelte sich einfach zu viel an in dieser Tasche. Und so hatte Roberta, nachdem die nasskalten Tage kein Ende zu nehmen schienen, beschlossen, dass im Winter eine Sonnenbrille in der Tasche so überflüssig sei wie ein Kropf am Hals, und hatte sie durch ein Päckchen Taschentücher und zwei Schokoriegel ersetzt.
Im Wetterbericht hatte es frühmorgens geheißen: »Fortdauer des neblig trüben Winterwetters.« Aber dann war alles anders gekommen. Zuerst hatte es am Vormittag ein heftiges Schneegewitter gegeben, das der Stadt noch einmal eine geschlossene Decke blütenweißen Schnees auf die grauschwarz vereisten Straßen und Gehwege gelegt hatte. Unmittelbar danach hatte jemand mit unsichtbarer Zauberhand den Wolkenvorhang weggezogen und die ganze Welt mit gleißend hellem Licht überschüttet.
Roberta kniff die Augen zusammen. Die Gleise waren verschwunden. Zum Glück fand die Straßenbahn ihren Weg allein. Langsam schob sich der Zug nach vorne, und Roberta war nur bedacht, nicht zu viel Strom zu geben und ab und zu etwas Sand zu ziehen, damit die Räder auf den vereisten Schienen nicht durchdrehten.
Eigentlich ist Straßenbahnfahrerin ja ein schöner Beruf, selbst wenn es manchmal so lausig kalt ist, dachte sie, aber wenn man nichts sieht, ist es das Letzte!
Die Fahrgäste im Wagen waren still. Alle schienen beeindruckt von dieser Lichtflut. Roberta sah auf die Uhr. Sie hatte nur noch wenige Kilometer bis zur Endhaltestelle und war trotz allem gut in der Zeit. Sie würde sich an der Warteschleife ein bisschen die Beine vertreten können.
An der Endstation stiegen die Fahrgäste aus und machten sich gleich in zwei verschiedene Richtungen davon. Die eine führte zum Friedhof, die andere zu einer Gärtnerei mit lang gezogenen Treibhäusern und einem kleinen Laden, in dem Topfpflanzen, Gestecke und Schnittblumen verkauft wurden.
Auch Roberta stieg aus und lehnte sich mit dem Gesicht zur Sonne an eine Litfaßsäule. Sie schloss die Augen.
Als sie spürte, wie ihre Füße kalt wurden, stapfte sie mit kräftigen Schritten in den Neuschnee, immer der Sonne entgegen.
Was für ein Tag, dachte sie, und ausgerechnet heute muss ich schlafen! Sie ärgerte sich auf einmal, weil sie zwar zum Mittagessen schon zu Hause sein konnte, aber dann ja noch Nachtschicht hatte und sich deshalb unbedingt hinlegen und schlafen musste. Und das bei diesem wunderbaren Licht!
Roberta sah auf die Uhr. Ihre Stehzeit war abgelaufen, die Straßenbahn musste los. Aber gerade als Roberta umkehren wollte, sah sie vor sich in einiger Entfernung einen kleinen Schneehügel, der sich bewegte. Sie blieb wie angewurzelt stehen. »Jetzt spielen meine Augen verrückt«, murmelte sie erschrocken und blinzelte ein paar Mal kräftig. Aber der Hügel bewegte sich - langsam und fast vorsichtig hob und senkte er sich quer über das Feld, eine bläulich schimmernde Schattenspur hinter sich herziehend.
Kopfschüttelnd riss Roberta sich von diesem Anblick los und lief schnell zur Straßenbahn zurück. Straßenbahnfahrer dürfen vieles, aber nicht zu spät von der Endstation abfahren.
Ich sehe schon Gespenster, dachte sie beim Einsteigen. Dann fuhr sie los.


Spät am Abend saß Roberta wieder in der Straßenbahn. Zufällig hatte sie die gleiche Linie bekommen. Die Nacht war klar und sehr kalt. Roberta fröstelte vor Kälte und auch vor Müdigkeit. Sie hatte doch nicht gut schlafen können am Nachmittag. Die Kinder hatten draußen eine Schneeballschlacht gemacht und viel dabei gelacht und Roberta wäre gerne bei ihnen gewesen und hätte mitgetobt. Irgendwann hatte sie sich dann ein langweiliges Buch geholt und war bei der Lektüre auch prompt eingeschlafen. Sie hatte von Schneegespenstern in gleißendem Licht geträumt, die vor ihr plötzlich senkrecht aus dem flachen Boden hochklappten wie Dachluken, die jemand in die Höhe stieß. Diese Gespenster hatten die verschiedensten Formen und Umrisse und sie hatten sehr laut und sehr hämisch gelacht. Über sie, Roberta, vielleicht?
Das wusste Roberta auch jetzt noch nicht, da sie wieder ihre Runden durch die Stadt fuhr. Mittlerweile waren kaum noch Fahrgäste unterwegs. Theater- und Kinobesucher waren längst zu Hause und bei dieser Kälte ging wohl kaum jemand freiwillig um Mitternacht noch einmal hinaus. Seit der Endhaltestelle Stadtfriedhof waren nur noch wenige Leute eingestiegen und so fiel Roberta der kleine Junge sofort auf. Er sah ziemlich müde aus - und verweint. Er stempelte seinen Fahrschein und setzte sich auf den im Halbdunkel liegenden Platz hinter dem Entwerter. Roberta stellte ihren Innenspiegel so, dass sie ihn trotzdem gut im Blick hatte. Täuschte sie sich oder sah da ein Schlafanzugärmel unter dem Anorak hervor? Der Junge sah angestrengt zum Fenster hinaus, das Gesicht
direkt an der Scheibe und mit den Händen abgeschirmt, damit die Innenbeleuchtung das Glas nicht in einen Spiegel verwandeln konnte. Roberta musste sich wieder der Fahrbahn und den Gleisen zuwenden und konnte nur von Zeit zu Zeit einen kurzen Blick nach hinten werfen. Der Junge rührte sich nicht.
An der Endstation Sportstadion blieb er als Einziger sitzen. Roberta wollte erst über Innenlautsprecher »Endstation, alle aussteigen bitte!« rufen, überlegte es sich aber anders. Sie stand auf und ging langsam nach hinten.
»Wohin willst du denn?«, fragte sie, als sie vor dem Jungen stand, und musterte ihn genau.
Ja, es stimmte, es war ein Schlafanzug, in dem der Schlingel steckte. Und er hatte wohl ziemlich in Eile Jeans, Anorak, Schal und Mütze übergezogen.
»Ich stemple gleich noch einmal«, antwortete der Junge leise, »ich muss zurück zum Stadtfriedhof.«
»Aber warum bist du dann in die falsche Richtung eingestiegen?«
»Weil mir so kalt war und die andere Straßenbahn war gerade weg und da hätte ich jetzt nachts doch so lange warten müssen«, verteidigte sich der Junge.
Schlaues Bürschchen, schoss es Roberta durch den Kopf. Aber laut fragte sie: »Und was hast du um Himmels willen nach Mitternacht auf dem Friedhof zu suchen?«
»Meine Marzipan!« Der Junge begann zu weinen.
»Deine - wie bitte?«
»Marzipan.«
Roberta war verlegen. Vorsichtig tastete sie sich etwas vor. »Ist das jemand Liebes von dir, der oder die gestorben ist?« »Hoffentlich nicht«, schluchzte der Junge jetzt laut.
»Aber wieso denkst du dann, dass du dieses>Marzipan»Denk ich ja gar nicht, aber vielleicht ist sie in der Gärtnerei oder da in der Nähe.«
»Also eine sie«, folgerte Roberta. »Und wer ist sie? Deine Schwester?«
»Nein«, der Junge wischte sich mit dem Handrücken über Nase und Mund. Roberta bot ihm ein Taschentuch an. Umständlich säuberte er sich das Gesicht und schniefte in das vollgesogene Taschentuch: »Marzipan ist meine Katze - und sie ist weg.«

Autorenportrait:

Willi Fährmann wurde 1929 in Duisburg geboren. Nach einer Maurerlehre holte er das Abitur an Abendschulen nach und studierte anschließend an der Pädagogischen Hochschule. Er arbeitete als Lehrer und als Schulrat. Er zählt zu den bedeutendsten deutschen Ki

Rezension:

"Die Geschichten stammen von bekannten und unbekannten Autoren aus aller Welt. Und sie haben eines gemeinsam: Sie machen der ganzen Familie an langen Winterabenden Freude." Thüringische Landeszeitung

14,95* EUR