Beschreibung:
Evadne Mount auf den Spuren eines genialen Mordes. Eine Schauspielerin, Evadnes beste Freundin, wird vergiftet, und zwar nicht nur vor laufender Kamera, sondern auch vor aller Augen am Set im Filmstudio. Nur sechs Menschen hatten die Gelegenheit, sie zu vergiften, aber keiner von ihnen besitzt ein erkennbares Motiv. Doch Evadne entdeckt, dass sie alle ein Motiv hatten, ein anderes, früheres, noch ungelöstes Verbrechen zu begehen. "Gilbert Adair zeigt (...) wie unterhaltsam postmoderne Literatur sein kann. Während seine Protagonistin im Tweedkostüm der Polizei ungehindert unter die Arme greift, verbeugt sich ihr Schöpfer sich mit jeder einzelnen Szene schmunzelnd, aber stets respektvoll vor den Altmeistern des Genres, allen voran Agatha Christie, deren mittlerweile leicht angestaubten Erzählkonventionen die Adairsche Neuauflage einen liebenswerten nostalgischen Glanz verleiht. Er imitiert diese Formen und lässt seine Charaktere über sie reflektieren - nicht umsonst ist Miss Mount erfolgreiche Krimiautorin (...). (...) Seiner Mischung aus Pastiche und postmoderner Brechung mischt Adair fast beiläufig Anspielungen auf die Filmwelt der Nachkriegszeit unter. (...) Denn dieser Roman ist gleich zweifach gelungen - postmodern und kriminalistisch." (FAZ)
Rezension:
"Das ist es, was Adairs Schreiben hier antreibt: Das augenzwinkernde Spiel zwischen Autor und Leser einerseits, die Liebe zum Werk Agatha Christies andererseits. Ohne diese Liebe, so viel steht fest, könnte man nicht so ein warmherziges, charmantes, intelligentes und unterhaltsames Buch schreiben, wie es Ein stilvoller Mord in Elstree ist keine Parodie (dafür nimmt Adair das Urbild zu ernst), sondern Hommage und Fortschreibung zugleich." Christoph Schröder Süddeutsche Zeitung
Leseprobe:
«Ach du meine Güte!» Diese Stimme!
Chefinspektor Trubshawe - oder, um es ganz korrekt zu sagen, Chefinspektor Trubshawe a.D., ehemals Scotland Yard - hatte gerade den Teesalon des Ritz Hotels betreten, um seinen Füßen Erholung und seinem Gaumen eine Erfrischung zu gönnen, und als er nun versuchte, die Aufmerksamkeit einer Kellnerin auf sich zu lenken, war es diese Stimme, die ihn wie angewurzelt stehenbleiben ließ.
Um die Wahrheit zu sagen, war das Ritz nicht die Art von Etablissement, das er normalerweise bevorzugt hätte, ganz gewiß nicht für eine dampfende Tasse Tee, nach der er während der letzten Stunde buchstäblich gelechzt hatte. Er war noch nie einer von denen gewesen, die mit Geld um sich warfen, um so weniger jetzt, wo er hatte lernen müssen, mit der Pension eines Polizeibeamten auszukommen, und ein Lyon's Tea Room wäre für seinen unverdorbenen plebejischen Geschmack gewiß das Passendere gewesen. Aber er war nun einmal zufällig am feineren Ende der Piccadilly gelandet, dessen einziger ganz gewöhnlicher Teesalon von Sekretärinnen und Stenotypistinnen wimmelte, die miteinander über die Schwierigkeiten ihres Arbeitstages plapperten, der nun für alle gleichzeitig zu Ende gegangen war. Also hieß es: das Ritz oder gar nichts; und als er sich die durchaus unpassende Verschiebung der Werte so recht bewußt machte, dachte er: warum nicht, ein sicherer Hafen im Sturm.
Also war er hier, in diesem unaufdringlich eleganten Raum - einem Raum, in dem der wohltönende Klang gehobener Konversation mit dem silbrigen Klirren feinsten Bestecks harmonisch zusammenstieß (wenn ein solches Oxymoron möglich und erlaubt ist), einem Raum, den er noch nie betreten und auch nie in seinem Leben zu betreten erwartet hätte -, und bevor er sich noch richtig orientiert hatte, war er schon geradewegs jemandem aus seiner Vergangenheit in die Arme gelaufen!
Die Person, die ihn begrüßt hatte, saß an einem der Tische in der Nähe des Eingangs, und man konnte ihr Gesicht gerade noch hinter einem wackligen Stapel grüner Penguin-Taschen-bücher erkennen. Als er sich ihr zuwandte, dröhnte die Stimme ein zweites Mal:
«So wahr ich leibe und lebe! Täuschen mich meine trüben Augen, oder ist es tatsächlich mein alter Ermittlungspartner, Inspektor Plodder?»
Trubshawe sah sie jetzt direkt an.
«Ist es möglich!» rief er überrascht aus. Dann nickte er zustimmend, wobei ein kaum wahrnehmbarer sarkastischer Unterton in seiner Stimme mitschwang: «O ja, es ist tatsächlich Plodder. Plodder, alias Trubshawe.»
«Also sind Sie es wirklich!» sagte Evadne Mount, die berühmte Kriminalautorin, und ignorierte die leise, aber bedeutungsvolle Veränderung in seiner Tonlage. «Und nach all diesen Jahren können Sie sich noch an mich erinnern?»
«Aber natürlich kann ich das! Das ist ein unverzichtbarer Teil meiner Arbeit - ich meine, es war ein unverzichtbarer
Teil meiner Arbeit -, niemals ein Gesicht zu vergessen», lachte Trubshawe.
«Ah ja», sagte die Schriftstellerin ein bißchen ernüchtert.
«Wobei ich natürlich», fügte er taktvoll hinzu, «schon im Ruhestand war, als wir uns kennengelernt haben, nicht wahr -was bedeutet, daß meine Erinnerung in diesem Fall persönlicher und nicht professioneller Art ist. Genaugenommen», schloß er, «war es die Stimme, die den Ausschlag gab.»
An dieser Stelle kehrte der leise Sarkasmus zurück. «Und der nicht besonders schmeichelhafte Spitzname natürlich.»
«Oh, Sie müssen mir verzeihen, daß ich mich ein bißchen mokiere. «Ziemlich lange her, oder?» sagte Trubshawe verwirrt und schüttelte ihr die Hand. «Sehr, sehr lange, um genau zu sein.»
«Setzen Sie sich doch, guter Mann, setzen Sie sich. Gönnen Sie Ihrem Kopf eine Pause, hahaha! Wir müssen über die alten Zeiten plaudern. Über die neuen auch, wenn Sie wollen. Es sei denn», sagte sie und senkte ihre Stimme auf die Lautstärke eines leisen Bühnenflüsterns, «es sei denn, Sie sind wegen eines Rendezvous hier. Wenn das der Fall ist: Sie kennen mich, ich verrate keinem ein Sterbenswörtchen. Ich würde nicht einmal de trop sein wollen.»2
Trubshawe ließ sich in dem Sessel gegenüber von Evadne
1Aus «Alice im Wunderland», Kap. 6, Ein gepfeffertes Ferkel, nach der Übersetzung von Christian Enzensberger.
2de trop: überflüssig, zuviel. Sie würde nicht dabei sein wollen, sondern sich vorher aus dem Staub machen. (Anm. d. Ü.)
Mount nieder, wobei seine breiten Boxerschultern sich hoben, als er sich die Hose an den Knien abklopfte.
«Hatte in meinem ganzen Leben nicht ein einziges Mal so etwas wie ein Rendezvous», sagte er ohne offensichtliches Bedauern. «Ich habe meine verstorbene Frau kennengelernt -Annie hieß sie -, als wir beide in dieselbe Klasse gingen. Ich habe sie geheiratet, als wir in den Zwanzigern waren und ich noch ein unerfahrener junger Streifenpolizist war. Unsere Hochzeitsfeier - eine Feier mit allem Drum und Dran - haben wir im Tanzsaal des Railway Hotels in Beaconsfield abgehalten. Und bis zu ihrem Tod vor zehn Jahren habe ich nicht ein einziges Mal zurückgeschaut. Und auch nicht zur Seite, wenn Sie verstehen, was ich meine.»
Evadne lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und sah den Chefinspektor über den Tisch hinweg liebevoll an.
«Wie bezaubernd, wie heimelig, wie beneidenswert normal das klingt, wenn Sie von Ihrem Leben erzählen», seufzte sie, und vermutlich sollte ihre Wertschätzung dieses Lebens durchaus nicht so herablassend klingen, wie sie wohl wirkte.
«Und richtig, jetzt erinnere ich mich, beim letzten Mal, als wir uns gesehen haben - der Mord auf ffolkes Manor1 -, waren Sie gerade Witwer geworden. Und Sie sagen, das ist schon zehn Jahre her? Kaum zu glauben!»
«Und was für zehn Jahre das waren, nicht wahr - der Krieg und der Blitz und der VE-Day und der VJ-Day2, und jetzt diese sogenannte schöne neue Nachkriegswelt. Ich weiß nicht, wie
3Siehe Mord auf ffolkes Manor, C. H. Beck 2006. (Anm. d. Ü.)
4Gemeint sind der 8. Mai 1945 (Victory-in-Europe-Day) und der 15. August 1945 (Victory-over-Japan-Day). (Anm. d. Ü.)
es Ihnen geht, Miss Mount, aber ich finde, daß London sich bis zur Unkenntlichkeit verändert hat - und nicht zum Besseren. Nichts als Schieber, soweit das Auge reicht, Schieber, kleine Gauner, Schwarzhändler, motorisierte Banden und diese Cliquen von Nylonschmugglern, über die ich ständig lese! Und Bettler! Bettler direkt hier auf der Piccadilly! Ich bin gerade eine halbe Stunde durch den Green Park spaziert, dann habe ich es nicht mehr ertragen. Pausenlos bin ich von einer Horde schmieriger Straßenbengel belästigt worden, die mich um ein paar Pennies angebettelt haben, und als ich ihnen keine geben wollte, haben sie mich einen Westentaschen-Himmler - nein, auf gut Cockney einen - genannt. Ich bin hauptsächlich hierhergekommen, um ein bißchen Ruhe und Frieden zu suchen.»
«Hm», stimmte die Autorin zu, «dazu muß ich sagen, daß dies hier auch nicht gerade der Ort ist, den ich mit Ihnen in Verbindung bringe.»
Autorenportrait:
Gilbert Adair wurde 1944 in Edinburgh geboren, lebte von 1968 bis 1980 in Paris und seitdem in London. Er ist Schriftsteller, Drehbuchautor und Kolumnist und veröffentlichte u.a. die Romane "Blindband", "Der Tod des Autors", "Liebestod auf Long Island", "
Kurzbeschreibung:
"Gilbert Adair zeigt (...) wie unterhaltsam postmoderne Literatur sein kann. Während seine Protagonistin im Tweedkostüm der Polizei ungehindert unter die Arme greift, verbeugt sich ihr Schöpfer sich mit jeder einzelnen Szene schmunzelnd, aber stets respektvoll vor den Altmeistern des Genres, allen voran Agatha Christie, deren mittlerweile leicht angestaubten Erzählkonventionen die Adairsche Neuauflage einen liebenswerten nostalgischen Glanz verleiht. Er imitiert diese Formen und lässt seine Charaktere über sie reflektieren – nicht umsonst ist Miss Mount erfolgreiche Krimiautorin (...). (...) Seiner Mischung aus Pastiche und postmoderner Brechung mischt Adair fast beiläufig Anspielungen auf die Filmwelt der Nachkriegszeit unter. (...) Denn dieser Roman ist gleich zweifach gelungen – postmodern und kriminalistisch."