Rezension:
Alex Dengler, Deutschlands führender Buchkritiker, denglers-buchkritik.de: Nach dem packenden ersten Roman "Sturm" lässt Claudia Kern nun einen zweiten Fantasysturm über den Leser hinwegfegen. "Verrat" steht dem Vorgänger in nichts nach. Sie hat eine Welt erschaffen, in die der Leser gerne eintritt. Mit Ana eine intelligente Heldin, die mit viel Mut, Kampfgeist und Loyalität ihr Schicksal angreift. Die Trilogie "Der verwaiste Thron" ist große Fantasy-Literatur! Und von Claudia Kern wird man noch viel hören, wenn sie weiter so gute Fantasy schreibt.
Kurzbeschreibung:
Eine überwältigende Saga
Ana, die einzige Tochter des Fürsten von Somerstorm, befindet sich auf der Flucht vor den geheimnisvollen Nachtschatten. Die Gestaltwandler haben - so glaubt Ana - ihre gesamte Familie ermordet und so die Kontrolle über das Fürstentum an sich gerissen. Ana flieht nach Szranizar und findet dort tatsächlich Unterstützung. Doch plötzlich steht die Armee der Nachtschatten vor der Stadtmauer. Die Verteidiger sind chancenlos - und so muss Ana erneut die Flucht ergreifen ...
Leseprobe:
Zehn Jahre zuvor
Die Jagd war alles, was er hatte. Schwarzklaue lebte im Norden, dort oben, wo das stumpfe Braunrot der Tundra in das strahlende Weiß des ewigen Eises überging. Er war im Eis geboren, lebte im Eis, und eines Tages, davon war er fest überzeugt, würde man ihn im Eis begraben, so wie es sich für den Anführer eines Clans gehörte.
Er hob die Nase in den Wind. Seit zwei Tagen folgten er und zwei junge Jäger namens Einohr und Fleckfell einer Schneebüffelherde. Es war eine große Herde mit mehr als zwanzig Tieren, zu vielen, um einen offenen Kampf zu wagen. Schwarzklaue trug die Narben einiger Schneebüffelkämpfe am Körper. Er wusste, was ihre Hörner und Hufe ausrichten konnten.
Wäre die Situation eine andere gewesen, hätte er Spaltnase, dem Schnellsten der Gruppe, befohlen, zum Lager zu laufen und mit den anderen Jägern zurückzukehren, doch die hatte Schwarzklaue ebenfalls auf die Suche nach Nahrung geschickt. Bis sie einander fanden, konnten zehn oder mehr Tage vergehen. Diese Zeit hatten sie nicht. Schwarzklaues Volk drohte zu verhungern.
Also folgten sie der Herde weiter über die Ebene, entlang dem Fuße eines Gebirges, dem niemand je einen Namen gegeben hatte. Der Wind stach in ihre Augen. Tränen vereisten in den Wimpern. Wenn Schwarzklaue blinzelte, fielen sie mit kaum wahrnehmbaren Klirren auseinander. Das Geräusch mischte sich in das Knirschen des Schnees unter seinen Krallen und das dumpfe Knarren, mit dem der Fluss tief unter dem Eis gegen das Dach seines Gefängnisses stieß.
Alles war in ständiger Bewegung - das Land, das Wasser und das Eis, das alles bedeckte. Die Wesen, die sich auf den Norden eingelassen hatten, mussten es ihm gleichtun, mussten ständig in Bewegung bleiben, um nicht vom Land aufgerieben zu werden. Die Schneebüffel zogen im Winter zur Küste, um das harte Meeresgras zu fressen, und Schwarzklaues Volk folgte ihnen, um die zu fressen, die aus Schwäche von der Herde zurückgelassen wurden oder aus Dummheit auf ihren Schutz verzichteten. Und wenn Schwarzklaue und sein Volk weiterzogen, kamen die Ratten und die Koyoten, die fraßen, was übrig geblieben war, während über ihnen die Raubvögel kreisten.
Alles bewegte sich. Das war die einzige Lektion, die der Norden zu lehren hatte, und die einzige, die seine Bewohner benötigten.
Nur dieses eine Mal hatte Schwarzklaue sich nicht daran gehalten, hatte mit dem Abbruch der Lager gewartet, weil das Wetter zu schlecht gewesen war, und nun trennten nur noch wenige Tage die ersten seines Volkes vom Tod. Der Norden kannte keine Gnade mit denen, die seine Lehren ignorierten.
"Schwarzklaue." Neben ihm hob Einohr die Nase in die Luft. Sein Atem stand als graue Wolke vor seinem Gesicht. "Sie sind stehen geblieben."
Schwarzklaue hielt inne und richtete sich auf. Schneeverwehungen nahmen ihm die Sicht auf die Herde, aber er roch den süßen, schweren Geruch ihrer Körper. Sie waren nicht viel weiter als einen Speerwurf entfernt von ihm.
"Sie warten auf uns", sagte Einohr. "Sie wollen, dass wir uns ihnen stellen."
"Nein." Schwarzklaue schüttelte den Kopf. "Sie sind Gejagte, keine Jäger. Gejagte kämpfen nur, wenn der Jäger ihnen keinen anderen Ausweg lässt. Etwas anderes muss geschehen sein."
Er ließ sich auf alle viere sinken und lief zu einer Schneeverwehung. Tief sank er in den nassen, weichen Schnee ein. Die letzten Tage hatte es fast ununterbrochen geschneit. Die beiden anderen Jäger folgten ihm. Sie waren noch zu jung, um ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, hatten gerade mal elf und dreizehn Winter gesehen. Aber sie waren stark und schnell, deshalb hatte Schwarzklaue sich für sie entschieden.
Flach legte er sich auf den Bauch, dann schob er sich langsam über den Kamm der Schneeverwehung. Der Wind blies ihm ins Gesicht. Die Schneebüffel konnten ihn und die anderen Jäger nicht riechen.
Er sah die Herde am Rand der Ebene stehen, dort, wo das nördliche und das südliche Gebirge sich trafen. Der Weg, der zwischen den schneebedeckten Ausläufern hindurchführte, war breit genug für die Herde, trotzdem folgten sie ihm nicht.
"Warum gehen sie nicht weiter?", fragte Fleckfell leise.
Schwarzklaues Blick glitt über die Umgebung der Herde, dann zeigte er mit ausgestrecktem Arm auf einen Punkt hoch über ihren Köpfen. "Da, das Schneebrett."
Neben ihm runzelte Fleckfell die Stirn. Er war der Jüngere der beiden. "Was ist damit?"
"Siehst du den großen Bullen dort vorn? Er hat gehört, wie der Schnee über ihm knirscht, und hat die Herde gewarnt. Vielleicht hat er schon einmal eine Lawine erlebt, vielleicht ist er nur schlauer als die anderen."
Er stand auf. Die beiden Jungen sahen sich überrascht an. Mit einer Geste befahl Schwarzklaue ihnen, sich ebenfalls zu erheben.
"Macht Lärm, so viel Lärm, wie ihr könnt."
Er klatschte in die Hände und begann auf die Herde zuzugehen. Die beiden anderen Jäger folgtem ihm zögernd. Er roch ihre Nervosität, ihre Angst.
"Sie werden euch nicht angreifen", sagte er. "Sie sind Gejagte. Solange sie einen Ausweg sehen, werden sie fliehen."
Doch sein Blick ließ den großen weißen, zotteligen Bullen nicht los. Er hatte sich umgedreht, als er den Lärm hörte. Seine Ohren waren aufgerichtet, seine beinlangen Hörner streckten sich den Lauten furchtlos entgegen. Sein Schwanz peitschte von einer Seite zur anderen.
Er zögerte, so als wüsste er nicht, welchen Weg er einschlagen sollte: den Kampf oder die Flucht.
Die Kühe und Kälber sammelten sich hinter ihm, die anderen Bullen schnauften laut und warfen unsicher die Köpfe hoch. Laut krachend schlugen ihre Hörner gegeneinander.
Schwarzklaue rief ihnen Beschimpfungen entgegen. Mit beiden Händen warf er Schnee in die Luft, versuchte vor den Tieren zu verbergen, dass es nur drei Jäger waren, die sich ihnen näherten. Die Jungen folgten seinem Beispiel. Der jüngere lachte. Schwarzklaue wies ihn nicht zurecht. Solange er Lärm machte, war es egal, ob er verstand, dass sein Leben vom Instinkt eines Bullen abhing.
Der große Bulle warf den Kopf in den Nacken und röhrte so laut und tief, dass Schwarzklaue zusammenzuckte. Er greift an, dachte er, und tatsächlich begann der Bulle mit den Vorderhufen zu scharren und Schnee aufzuwerfen.
Autorenportrait:
Claudia Kern ist Mitbegründerin des Science-Fiction-Magazins "Space View", das sie mehrere Jahre als Chefredakteurin betreute und für das sie auch heute noch eine regelmäßige Kolumne schreibt. 1999 war sie als Serienredakteurin für ProSieben tätig und zog danach als hauptberufliche Autorin zurück nach Bonn. Claudia Kern hat einige Sachbücher zu Fernsehserien verfasst, schreibt Film- und TV-Kritiken und entwirft Stories und Dialoge für Computerspiele. Inzwischen lebt und arbeitet Claudia Kern in Berlin.