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Das Echo

von Minette Walters, Mechtild Sandberg-Ciletti (Buch)

  • ISBN:3-442-47102-8
  • EAN:9783442471027
  • Veröffentlichungsdatum:April 2009
  • Gewicht in g:337
  • Reihe:Goldmanns Taschenbücher
  • Seiten:416
  • Stilrichtung:Roman

Kurzbeschreibung:

Ein psychologischer Kriminalroman der Extraklasse


Eine Frau und die Schatten der Vergangenheit. Eines Morgens findet die erfolgreiche Architektin Amanda Powell in der Garage ihres exklusiven Anwesens die Leiche eines verhungerten Stadtstreichers. Offensichtlich hat der völlig verwahrloste Mann Selbstmord begangen, denn in Reichweite des Toten waren die Lebensmittel der Hausherrin gelagert. Tief verstört übernimmt Amanda die Bestattungskosten des Unbekannten - aus Pietätsgründen, wie sie später aussagen wird. Mit der Zeit scheint der unheimliche Zwischenfall in Vergessenheit zu geraten. Bis eines Tages Michael Deacon auftaucht, ein Journalist, der Recherchen für einen Artikel über Obdachlose betreibt. Fasziniert von der attraktiven Amanda und brennend interessiert an der mysteriösen Geschichte, stellt Deacon Nachforschungen über die Identität des Stadtstreichers an - und entdeckt, dass Amandas Schicksal auf tragische Weise mit dem des Toten verbunden sein könnte. Denn alle Anzeichen sprechen dafür, dass es sich dabei um den Finanzmakler James Streeter handelt, Amandas Ehemann, der vor vielen Jahren spurlos verschwunden ist.



Leseprobe:

Zuerst fiel Mrs. Powell der Geruch auf. Leicht süßlich. Leicht unangenehm. Sie nahm ihn an einem warmen Juniabend in der Luft wahr, als sie ihren Wagen in die Garage stellte, aber sie nahm an, daß er aus der Mülltonne ihrer Nachbarn auf der anderen Seite der niedrigen Mauer, die die Anwesen trennte, kam, und kümmerte sich nicht weiter darum. Am nächsten Morgen, als sie die Garagentür aufzog, strömte ihr der Geruch von Verwesung entgegen, und die Neugier trieb sie, in dem Stapel Kartons hinten in der Garage nachzusehen, nachdem sie ihren Wagen in die Auffahrt hinausgefahren hatte. Keinesfalls hatte sie erwartet, eine Leiche zu finden. Wenn sie überhaupt etwas erwartet hatte, dann höchstens, daß irgend jemand dort drinnen seinen Abfall deponiert hatte, und es erschütterte sie zutiefst, auf plattgedrückten Kartons einen Toten zu entdecken, der, den Kopf auf den Knien, in der Ecke kauerte.
Die Geschichte erregte vorübergehend das Interesse der Medien, hauptsächlich wegen des Ortes, an dem der Mann gefunden wurde - in einer exklusiven abgeschlossenen Wohnanlage an der Themse in der ehemaligen Hafengegend Londons -, und weil der Pathologe als Todesursache Unterernährung feststellte. Die Tatsache, daß am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts in einer der reichsten Gegenden einer der reichsten Großstädte der Welt ein Mensch verhungert sein sollte, war für die meisten Journalisten von unwiderstehlichem Reiz, um so mehr, als sie von der Polizei hörten, daß der Mann unmittelbar neben einer riesigen Tiefkühltruhe voller Nahrungsmittel gestorben war. Die Meute rückte also in großer Zahl an.
Aber sie wurden enttäuscht. Mrs. Powell war für Interviews nicht zu haben und bereits aus ihrem Haus verschwunden. Und es war auch niemand da, der Auskünfte über das Leben des Toten hätte geben können, die es der Mühe wert gewesen wären, über ihn zu schreiben. Er war einer aus dem Heer von Obdachlosen, die die Straßen Londons bevölkerten, ein Trinker ohne Familie oder Freunde, dessen Fingerabdrücke aufgrund mehrerer Verurteilungen wegen Diebstahls unter dem Namen Billy Blake bei den Polizeiakten lagen. Unter Londons Polizeibeamten galt er als eine Art Straßenprediger, weil er, wenn er betrunken war, die Gewohnheit gehabt hatte, Vorüberkommende laut und aggressiv vor Untergang und Zerstörung zu warnen; da jedoch niemand seinen wirren Reden je Aufmerksamkeit geschenkt hatte, konnte auch niemand mehr über ihn sagen. Seltsam war lediglich, daß er, als er im Jahr 1991 zum erstenmal festgenommen worden war, bezüglich seines Alters gelogen hatte. In den Polizeiakten stand, er sei fünfundsechzig Jahre alt gewesen; der Pathologe schätzte sein Alter laut den amtlichen Unterlagen der Leichenschau auf fünfundvierzig.
Mrs. Powell war in diese traurige und merkwürdige Geschichte nur hineingeraten, weil der Mann in ihrer Garage gestorben war. Dennoch ging er ihr nicht aus dem Kopf, als sie zwei Wochen später, nachdem das morbide Interesse der Presse abgeflaut war, nach Hause zurückkehrte. Und da sie es sich leisten konnte, bezahlte sie seine Einäscherung, als der Coroner die Leiche schließlich freigab. Es bestand keine Notwendigkeit für sie, das zu tun - wie in anderen Bereichen der Sozialhilfe wurden auch die Bestattungskosten in solchen Fällen vom Staat übernommen -, aber sie fühlte sich ihrem ungeladenen Gast verpflichtet. Sie wählte das zweitbilligste Pauschalangebot und erschien am festgesetzten Tag zur festgesetzten Zeit im Krematorium. Wie sie erwartet hatte, waren sie und der Geistliche die einzigen Anwesenden; die Angestellten des Bestattungsinstituts waren gegangen, nachdem sie den Sarg abgestellt hatten. Es war eine ziemlich qualvolle Trauerfeier, begleitet von Musik aus dem Kassettenrecorder. Zu Beginn sang Elvis Presley Amazing Grace, dann ackerten der Geistliche und sie sich gemeinsam durch den Gottesdienst (und fragten sich unabhängig voneinander, ob Billy Blake überhaupt Christ gewesen war), und ein walisischer Männerchor intonierte Bleib ja bei mir, Gott, als der Sarg zu den Verbrennungskammern rollte und der Vorhang sich diskret hinter ihm schloß.
Mehr blieb danach kaum zu sagen oder zu tun, und nachdem sie einander die Hand gegeben und jeder dem anderen für sein Kommen gedankt hatte, gingen Mrs. Powell und der Geistliche ihrer Wege. Billy Blakes Asche, auch das gehörte zum Pauschalangebot, wanderte in eine Urne, die mit einem kleinen Schild versehen wurde, das seinen Namen und den Tag seines Todes vermeldete, und in einem Eckchen des Krematoriums aufbewahrt wurde. Keine der beiden Angaben stimmte: Der Tote war nicht auf den Namen Billy Blake getauft gewesen, und der Pathologe hatte den Zeitpunkt seines Todes aufgrund falscher Temperaturmessungen um einige Stunden verfehlt.
Wer immer auch Billy Blake gewesen war, er starb am Dienstag, dem 13. Juni 1995.


Die beiden Besucher, die wenige Tage später kamen, um sich Billy Blakes Urne anzusehen, blieben unbemerkt. Der ältere Mann zeigte mit kurzem Finger auf die Inschrift und sagte spöttisch: "Na bitte, was hab' ich dir gesagt? Gestorben am 12. Juni 1995. Genau an dem beschissenen Montag. Also, bist du jetzt zufrieden?"
"Wir hätten ein paar Blumen mitnehmen sollen", sagte der Jüngere mit einem Blick auf die üppigen Kränze, die andere Trauernde kürzlich Verbrannten als letzten Gruß hinterlassen hatten.
"Wozu? Billy ist tot, und mir ist noch keine Leiche begegnet, die auf Blumengebinde Wert legt."
"Ja, aber -"
"Aber nichts", sagte der alte Mann entschieden. "Ich sag' dir doch, der Alte ist tot." Er stieß den Jüngeren vorwärts. "Sieh nach, ob ich recht hab', und dann verschwinden wir hier." Mit einem Ausdruck des Abscheus in dem verwitterten Gesicht sah er sich um. "Ich hab' mich in so 'ner Umgebung noch nie wohl gefühlt. Es bringt nichts, zuviel über den Tod nachzudenken. Der kommt auch so früh genug."


Obwohl Mrs. Powell ihre Garage innerhalb von sechs Wochen dreimal von drei verschiedenen Reinigungsfirmen hatte reinigen lassen, entledigte sie sich ihrer Kühltruhe, ging dafür häufiger einkaufen und ließ ihren Wagen in der Auffahrt stehen. Ihr Nachbar machte seine Frau darauf aufmerksam und meinte, es wäre ein Jammer, daß es keinen Mr. Powell gäbe. Kein Mann würde eine absolut brauchbare Garage leer stehen lassen, nur weil ein Landstreicher darin gestorben war.
(Auszug aus Ungelöste Kriminalfälle des zwanzigsten Jahrhunderts von Roger Hyde, London 1994)

Autorenportrait:

Minette Walters arbeitete lange als Redakteurin in London, bevor sie Schriftstellerin wurde. Seit ihrem Debüt "Im Eishaus", das 1994 auf Deutsch veröffentlicht wurde, zählt sie zu den Lieblingsautoren von Millionen Leserinnen und Lesern in aller Welt. All

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