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Goldbrokat

von Andrea Schacht (Buch)

  • ISBN:3-7645-0297-5
  • EAN:9783764502973
  • Veröffentlichungsdatum:März 2009
  • Gewicht in g:805
  • Seiten:608
  • Stilrichtung:Historischer Roman

Kurzbeschreibung:

Die feinen Fäden des Schicksals: fantasievoll gesponnen und sorgsam verwoben! Farbenprächtiger historischer Lesestoff von Bestsellerautorin Andrea Schacht.


Der Eklat, den sie mit ihrem losen Mundwerk verursacht hat, ist zum Stadtgespräch geworden. Seither kann die aus verarmtem Adel stammende Ariane mit den Damen der gutbürgerlichen Gesellschaft nicht mehr rechnen, auch wenn sie mit Nadel und Faden die schönsten Seidengewänder kreiert. Doch sobald sie für das neue Revuetheater der Halbweltdame LouLou schneidert, werden ihre Kleider hochbegehrt, und ein Seidenlieferant liegt ihr bald überdies zu Füßen.
Aber kaum hat sich alles scheinbar zum Guten gewendet, holt ihre sorgsam verborgene Vergangenheit sie ein, und ein alter Todfeind versucht sie zu ruinieren. Um ihre Existenz zu retten, kann ihr nur noch eines helfen: kostbare Seide aus China!



Rezension:

»Langeweile ausgeschlossen!« (Bunte)

Leseprobe:

Als der linde Frühlingswind durch die austreibenden Maulbeerbäume strich, schlüpfte die winzige, schwärzliche Seidenraupe aus ihrem Ei. Sie folgte gleich darauf ihrem untrüglichen Instinkt und begann, die saftigen Blätter zu fressen, die in ihrer Nähe ausgebreitet lagen. Nicht die goldenen Sonnenstrahlen, die durch die Ritzen der hölzernen Wand fielen, beachtete sie, nicht die leisen Stimmen der geschäftigen Frauen, die ihnen die klein geschnittene Nahrung darboten, nicht das zarte Rascheln, mit denen ihre Artgenossen durch das junge Grün krochen. Fünf Tage fraß sie und fraß und fraß, bis sie schließlich in Erstarrung verfiel. Sie hatte so viel an Gewicht zugenommen, dass sie ein neues Gewand benötigte, und so legte sie nach einem Tag völliger Ruhe die alte Haut ab - und fraß weiter.
Nun war sie hellgrau geworden und noch viel hungriger. Nicht nur Blätter, auch die jungen Reiser der Maulbeerbäume schmeckten ihr. Bis sie wieder müde wurde und eine neue Haut benötigte. Mit frischem Mut fiel sie nach dem Erwachen über immer größere Portionen her, gefräßig, gierig, rastlos Blätter zermalmend, verdauend, wachsend.
Noch zweimal legte sie die beengende Haut ab, bis ihr Körper fast durchscheinend weiß war. Seit sie vor einem Monat geschlüpft war, hatte sie um das Zehntausendfache an Gewicht zugenommen und nun das Stadium erreicht, in dem sie nach einer weit größeren Ruhe als nur der kurzen Starre der Häutung verlangte.
Sie verlor das Interesse an der Nahrung und kroch über die hölzernen Hürden, um sich einen gemütlichen Platz zu suchen. Als sie ihn zwischen den dünnen Ästchen gefunden hatte, erzeugte sie mit der klebrigen Flüssigkeit, die nun aus ihrem Maul austrat, zwei Fäden und befestigte sie an den Reisern, um Halt für die nächste Stufe ihrer Entwicklung zu finden. Dann spann sie mit gleichmäßigen Drehungen den schier endlosen Faden um sich herum. Vier Tage arbeitete sie unermüdlich, dann versank sie erschöpft in den Schlaf, um das Wunder zu vollziehen.
So begann die Wandlung vom erdgebundenen, kriechenden Geschöpf in einen Falter, und als er schließlich den seidenen Kokon verließ, breitete der Schmetterling seine Flügel aus. Unbeschwert schwang er sich in die lichten Höhen, tanzte im Sonnenlicht über den blühenden Bäumen und begab sich auf die Suche nach seiner Partnerin.


Rückkehr aus dem Nirwana
Ein Opfer zu bringen bringt Heil. Wird die Schale umgekehrt, wird sie von Unrat entleert. Demütiges Empfangen führt zu Erfolg.
I Ging, Ting - die Opferschale


Als er aus der unendlichen Schwärze auftauchte, webten die Klänge der Bronzeglocken einen Kokon aus sanften Tönen um ihn. Mit einem warmen Wind schwebte Kiefernduft durch den Raum, wo er sich mit einem Hauch von süßem Weihrauch mischte. Wunderbar körperlos fühlte er sich, losgelöst von Vergangenheit und Zukunft, eingebettet in das vollkommene Sein.
Er wäre gewiss zufrieden auf immer hier geblieben. Doch da begann sein Wille einen Faden zu spinnen, und an diesem dünnen Fädchen entlang entstand das Begehren. Es erwachte damit auch das Verlangen und mit ihm der Wunsch zu wissen, wo er sich befand.
Der Wille erstarkte und befähigte ihn, die schweren Lider zu heben, um die Welt durch das Tor seiner Augen in sein Bewusstsein eintreten zu lassen.
Ein heller Raum, lichtdurchflutet. Ein Mann in einer groben, braunen Robe neben ihm. Sein haarloser Schädel glänzte wie eine polierte Haselnuss, sein breitflächiges Gesicht trug den Ausdruck unendlicher Ruhe. Regungslos saß er an seinem Lager, nur seine Augen waren beharrlich auf ihn gerichtet. Schwarze, unergründliche Augen, hinter denen er Wissen und Stille erahnte.
Der Wille reichte nicht aus, um Worte zu formen, doch der Mann schien seine Gedanken lesen zu können.
"Ihr seid im Hanshan-Kloster, baixi long. Seit drei Tagen. Ihr habt zu viel Opium gegessen und seid krank geworden."
So genau hatte er es nicht wissen wollen, denn es erinnerte ihn an vergangene Schmerzen. Er schloss die Lider wieder, doch der Mönch erhob sich mit leise wispernden Gewändern und richtete ihn an den Schultern auf.
"Trinkt, baixi long. Der Saft der Maulbeeren wird Euch reinigen."
Schlucken war anstrengend, ein Teil des Saftes floss ihm aus den Mundwinkeln, doch die süßsaure Flüssigkeit schwemmte das Moos aus seinem Mund. Dann durfte er wieder liegen, ruhen und dem Klanggewebe der Glocken lauschen. Gefangen in den hallenden Tönen zog sich nach und nach sein Geist zurück aus dem hellen Raum der Gegenwart in die dunklen Gefilde seines Bewusstseins. Es war nicht Schlaf, es war nicht Traum, es war nicht mehr das körperlose Treiben im Sein. Es war das Versinken im bitteren Meer der Erinnerung.
Die waren die Schreie, mit denen seine Pein begann. Die entsetzlichen Schreie, die das Krachen und Knastern des brennenden Holzes übertönten. Die Schreie, aus unglaublicher Qual geboren, stachen wie Dolche in seine Sinne. Wieder spürte er die Hitze der Flammen, die gierig an dem Balken emporleckten, der vom Dach der Lagerhalle gestürzt war. Ein weiterer Stoffballen entzündete sich neben ihm mit einem Puffen, und das ihn verzehrende Feuer erhellte mit seinem gespenstisch zuckenden Licht die Umgebung. Er war gelähmt, hilflos, seine Augen tränten vom Rauch, das Luftholen ging nur keuchend schwer. Der Geruch von brennender Seide und verbranntem Fleisch breitete sich aus.
Erst die lauten Befehle seines Paten weckten ihn aus der Erstarrung. Mit bloßen Händen versuchte er, ihm zu helfen, den glosenden Balken anzuheben, unter dem sein Bruder gefangen lag. Er war zu schwer, viel schwerer, als dass ein Erwachsener und ein Junge ihn hätten bewegen können.
Vielleicht, vielleicht aber hätten sie es doch schaffen können. Die Angst um den Verletzten, dessen qualvolles Schreien, die wüsten Flüche seines Paten setzten ungeheure Kräfte in ihm frei. Er spürte die Brandwunden an seinen Händen nicht, hörte den eigenen röchelnden Atem nicht, ignorierte das Brennen in der Lunge. Er kämpfte um das Leben seines Bruders.
Aber plötzlich wurde ein Tor geöffnet, und das Feuer atmete die einströmende Luft mit einem gewalttätigen Aufbrausen ein.
Die Schreie erstickten.
Er wurde an den Schultern gepackt und aus der Halle gezerrt.
Kühle Nachtluft umfing ihn, er wollte zusammenbrechen. Doch unbarmherzig wurde er gestoßen und gedrängt, bis er in einer Türnische niederfiel.
Donnernd stürzte das hölzerne Gebäude hinter ihm ein, ein Funkenregen ging nieder.

Autorenportrait:

Andrea Schacht war lange Jahre als Wirtschaftsingenieurin und Unternehmensberaterin tätig, hat dann jedoch ihren seit Jugendtagen gehegten Traum verwirklicht, Schriftstellerin zu werden. Ihre historischen Romane um die scharfzüngige Kölner Begine Almut Bossart gewannen auf Anhieb die Herzen von Lesern und Buchhändlern. Mit Die elfte Jungfrau kletterte Andrea Schacht erstmals auf die SPIEGEL-Bestsellerliste, die sie seither mit schöner Regelmäßigkeit immer neu erobert. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Katzen in der Nähe von Bonn.

19,95* EUR