Kurzbeschreibung:
Ein berührendes, modernes Märchen: das ideale Geschenk!
Die pensionierte Lehrerin Anselma findet an einem Sommerabend einen ausgesetzten Papagei neben ihrer Mülltonne. Sie trägt ihn in ihre Wohnung und tauft ihn spontan »Luisito«. Das Tier ist eine willkommene Abwechslung in Anselmas Alltag, und seine Vitalität und Fröhlichkeit färben schon bald auf sie ab. Außerdem weckt der Vogel Erinnerungen in ihr - vor allem an ihre Schulfreundin Luisita, deren Neugier, aber auch mutige Unangepasstheit sie stets bewunderte. Anselma erkennt, dass sie in den letzten Jahren mehr »funktioniert« als gelebt hat; sie beschließt, einen Neuanfang zu wagen. Ein berührendes Märchen über das, was wirklich zählt: Die Wahrhaftigkeit der Gefühle, die Kraft der Poesie und die Suche nach einem erfüllten Leben.
Rezension:
"Susanna Tamaros Geschichte ist ein Kleinod. Eine kleine, weise Erzählung über das, was im Leben zählt: die Wahrhaftigkeit der Gefühle." (Freundin)
Leseprobe:
Am Anfang erschrak sie. Was mochte das sein da unten, wenn nicht eine große Ratte? Es war schon ziemlich dunkel, man erkannte gerade noch vage die Plastiktüten, Flaschen, Getränkedosen und verfaulenden Essensreste.
Im Fernsehen hatte sie einmal einen Dokumentarfilm über Kanada gesehen. Dort waren die Mülltonnen zu gemütlichen Treffpunkten für Waschbären geworden; in der Dämmerung kamen sie aus den Nadelwäldern und stöberten mit ihren schwarzen Pfötchen die ganze Nacht im Abfall. Einem kleinen Bären zu begegnen wäre etwas ganz anders gewesen als einer Ratte!
Bei uns dagegen ziehen die Tonnen nur streunende Katzen, herrenlose Hunde und dicke, fette Nager an; seit einigen Jahren besteht auch noch die Möglichkeit, auf ein Neugeborenes zu stoßen, das direkt aus der Wärme der Gebärmutter in der Kälte einer Plastiktüte aus dem Supermarkt gelandet ist.
Unschlüssig, was sie tun solle, blieb Anselma reglos stehen und starrte auf die Stelle, woher das ungewöhnliche Geräusch gekommen war; die Henkel der Abfalltüte schnitten ihr allmählich in die Finger.
Ein Bus fuhr vorbei, hell erleuchtet und leer. Der Fahrer sah müde aus, und sein Hemd war schweißnass. Obwohl es mittlerweile Nacht geworden war, regte sich kein Windhauch, alles wirkte ruhig.
Vielleicht lag es an der Hitze, sagte sie sich, hob den schwarzen Plastikdeckel hoch und ließ ihren Abfall in die übel riechende Dunkelheit plumpsen.
Gerade wollte sie die Straße überqueren, als hinter ihr ein seltsamer Laut ertönte. Es war nicht wie das Piepsen von Nagetieren und auch nicht wie das Wimmern eines Säuglings oder eines Hundewelpen, der zu lange nicht gefüttert worden war.
Eher klang es wie das Quaken eines Froschs, einer Kröte, aber war es denn möglich, dass ein solches Tier sich anstelle eines Teichs ein paar schmutzige Quadratmeter Asphalt zur Wohnstatt erkor? Abgesehen von den klebrigen Säften der Verwesung gab es hier kein anderes Gewässer weit und breit. Die Tiere, hatte sie in einem Dokumentarfilm gehört, ändern ihre Gewohnheiten, um sich den neuen Gegebenheiten anzupassen, die die Gesellschaft ihnen bietet. Somit könnten die Frösche die gleiche Wanderung antreten wie die Waschbären, denn die »Ökoinsel« war immer von einer Menge Insekten umschwärmt. »Krak!«
Sie war schon auf der anderen Straßenseite, als der Ruf sich deutlicher wiederholte.
»Krak!«
Diesmal hatte Anselma keine Zweifel mehr: Etwas Seltsames und Lebendiges verbarg sich da unten. Die Neugier überwog die Furcht, und sie packte einen alten, ausrangierten Besenstiel und kehrte um. Vorsichtig stöberte sie in dem Abfall.
»Krak!«
Sie schob eine leere Milchtüte beiseite und zuckte vor Staunen zusammen: Es war, als hätte sich ein Stückchen Regenbogen auf den Boden herabgelassen: Zwischen Grün, Gelb, Tiefblau, Rot und Azur funkelten blanke schwarze Augen. Die Lider waren halb geschlossen und der Kopf leicht eingezogen zwischen den Schultern, falls man das bei einem Papagei so nennen kann.
Blickte er sie an?
Anselma hatte den Eindruck.
»Krak!«
»Krak!«, wiederholte Anselma automatisch.
»Krak! Krak!«
Das Krächzen klang wie ein Hilferuf. Der arme Vogel litt, vielleicht war er seit Tagen da drin, hatte weder gefressen noch getrunken. Er konnte einen gebrochenen Flügel haben oder, noch schlimmer, einem ekligen Rattenbiss ausgesetzt gewesen sein.
Langsam band Anselma die Schürze los, nahm sie ab und warf sie mit einer Geschicklichkeit, die sie sich gar nicht mehr zugetraut hätte, über das Tier. Unter dem geblümten Stoff ertönte ein schwaches krak, krak.
»Krak!«, antwortete sie und griff mit einer Entschlossenheit, die keinen Widerspruch duldete, nach dem Bündel.
Der Vogel war leichter, als sie erwartet hatte, und lauwarm. Ein wenig kraftlos bewegte er den Schnabel, als ob er sich aus dieser plötzlichen Gefangenschaft befreien wolle.
Mit raschem Schritt legte Anselma den kurzen Weg nach Hause zurück. Im Neonlicht der Straßenlaternen sah alles platt aus. Sie ging und spürte einen doppelten Herzschlag, ihren und den des kleinen Etwas, das sie in der Hand hielt.
Sobald sie die Wohnung betreten hatte, suchte sie nach einem geeigneten Platz für den Neuankömmling. Ihr fiel ein, dass in der Abstellkammer ein alter Kanarienvogelkäfig stand, doch sie ließ die Idee sofort wieder fallen: Der war zu klein. Sie würde den Papagei an einem Fuß anketten müssen, doch abgesehen von dem Kettchen am Stöpsel der Badewanne besaß sie nichts dergleichen. Außerdem hätte sie gar nicht gewusst, wie sie das bewerkstelligen sollte.
Es blieb nur die klassische Lösung, die durchlöcherte Schuhschachtel, aber groß musste sie sein. Sie erinnerte sich an einen Karton, den sie vorsorglich aufgehoben hatte, und wandte sich zur Kammer.
In dem Augenblick klingelte das Telefon. Erst da merkte sie, dass es schon zehn Uhr war. Giulia und Massimiliano, ihre Kinder, riefen sie seit Jahren zu dieser Stunde an (da der Tarif um diese Uhrzeit drastisch sinkt) und wechselten sich wochenweise ab, ohne je durcheinanderzukommen.
»Mama, ich bin's!« Die helle Stimme ihrer Tochter begann sofort von den Familienferien am Meer zu erzählen, von dem katastrophalen Zeugnis der halbwüchsigen Enkelin und von den Quallen, die den Strand wie in einem Horrorfilm von allen Seiten mit ihren violetten Tentakeln umzingelten.
Der Papagei begann sich kräftiger gegen ihre Finger zu wehren, und Anselma fiel der Tochter ins Wort.
»Entschuldige, ich gehe gerade zu Bett ...«
»Jetzt schon? Fühlst du dich nicht wohl?«
»Es geht mir ausgezeichnet und ...«
»Krak!«
»Mama ...? Ist da jemand bei dir?«
»Wer soll schon da sein?«
»Mama, mach uns keine Sorg ...«
»Gute Nacht!«, sagte sie und legte auf.
Es war dem Papagei gelungen, sie mit dem Schnabel in die Fingerkuppe zu zwicken.
Als sie den Karton endlich gefunden hatte, schnitt sie oben ein Loch für den Kopf aus und setzte den Papagei hinein. Nach ein paar schwachen Rebellionsversuchen und etwas Scharren mit den Krallen streckte er den farbigen Kopf durch das Loch.
»Krak, krak.«
Was fressen Papageien? Anselma hatte keine Ahnung. Abgesehen von denen auf der Schulter von Piraten im Kino hatte sie noch nie im Leben welche gesehen. Sie waren sehr langlebig, das wusste sie noch, und in einem Dokumentarfilm über das Gehirn von Tieren, den sie unlängst angeschaut hatte, hieß es sogar, dass sie intelligenter seien als viele Hunde.
»Krak.«
Als Erstes reichte sie ihm ein Schälchen Wasser: Noch nie hatte sie eine so kurze und so kräftige Zunge gesehen, fast wie ein Finger. Der Papagei trank lange, in kleinen Schlucken, und schloss genüsslich halb die Augen.
Nach dem Wasser versuchte Anselma es mit einem Apfelschnitz, der innerhalb weniger Sekunden im Schnabel verschwand. Ein echter Erfolg! Anstelle des gewohnten krak stieß der Vogel mehrere kleine krak, krak, krak aus.
Wollte er sich damit bedanken? Plötzlich fühlte Anselma sich wirklich müde, nahm den Karton und zog sich in ihr Schlafzimmer zurück.
Die Ereignisse des Abends hatten sie aufgeregt. Ihr Schlaf war leicht und unruhig. Der summende Ventilator schien sie bei jeder Umdrehung zu fragen:
Autorenportrait:
Susanna Tamaro wurde 1957 in Triest geboren. Seit ihrem Weltbestseller "Geh, wohin dein Herz dich trägt" gehört sie zu den bekanntesten Gegenwartsautoren Italiens. Ihre Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Zuletzt erschien von ihr bei C. Bertel