Kurzbeschreibung:
Aufstieg und Niedergang einer Industriellenfamilie aus Lodz - Die mitreißende Geschichte einer glanzvollen Familie
Hundert Jahre war Lodz für die Familie Lange das "Gelobte Land". 1844 gründeten die Langes ihre Webstuhl- und Maschinenfabrik und wurden in der Folge unvorstellbar reich. Ina Weisses Urgroßeltern stiegen im damaligen "Manchester des Ostens" in die höchsten Kreise der Gesellschaft auf. Das Buch beschwört eine Welt voller Glanz, voller exzentrischer Charaktere und Geschichten herauf. Doch das 20. Jahrhundert wird auch für die Langes zum Schicksal. Der Erste Weltkrieg verändert ihre Welt, im Zweiten Weltkrieg verlieren sie alles. Vertreibung und Flucht aus der Heimat werden zum traumatischen Erlebnis. Getrieben von einer unstillbaren Sehnsucht nach dem Verlorenen, dessen Schönheit nur noch in der Erinnerung weiterlebt, begibt sich Ina Weisse Schritt für Schritt auf die Suche nach der Vergangenheit.
. Ina Weisse begibt sich auf Spurensuche nach ihren Wurzeln - und erweckt eine glanzvolle Epoche wieder zum Leben.
. Faszinierende Orte, exzentrische Persönlichkeiten - ein erzählendes Sachbuch, das sich so spannend liest wie ein Roman.
Leseprobe:
Mein Großvater hinterließ mir einige Bindfäden. Mehr nicht. Jeden einzelnen hatte er zu einem kunstvollen Knoten gebunden und in seiner feinen Handschrift mit einem kleinen Etikett versehen. Er schickte sie mir als Bündel zusammen mit einem zärtlichen Brief. Ich war dreizehn Jahre alt.
Vielleicht fragen Sie sich, warum er eigentlich so viel Aufhebens um ein bisschen Schnur machte? Tatsächlich besaß Karl Lange außer einer Dünndruckbibel mit ausführlichen Bleistiftanmerkungen und einem Taschenmesser nichts, das er an seine Nachkommen vererben konnte. Davon einmal abgesehen, dass die Knotenkunde für ihn alles war, werden Sie besser verstehen, wenn Sie sich die Geschichte meiner Familie angehört haben.
"Die Kunst", sagte mein Großvater, "besteht darin, einen Knoten so zu binden, dass er nicht aufgeht und trotzdem ganz leicht gelöst werden kann." Ich weiß nicht, ob mir damals der Tiefsinn dieses Paradoxon aufging. Ich war viel zu jung und viel zu sehr damit beschäftigt, nach seiner Anweisung einen Webleinenstek korrekt zu knüpfen. Doch seine Worte habe ich mir gemerkt: Zweimal einen halben Schlag Schnur um einen Pflock gelegt und dann festgezurrt, hält dieser Knoten auch dem stärksten Zug stand. Ich brauchte nicht besonders lange, bis ich den Kniff raus hatte. Schon kitzliger sah die Sache bei der nächsten Lektion aus. Er versuchte, mir auch einen einfachen Kreuz- oder Weberknoten beizubringen. Ehrlich gesagt, erwies ich mich als nicht besonders anstellig. Aber er wurde niemals ungeduldig, während er mir wieder und wieder vorführte, dass die Enden erst rechts über links und anschließend links über rechts zu einer liegenden Acht gekreuzt werden - dem Zeichen für die Unendlichkeit. Er beherrschte den Schotstek, den Kreuzschlag, den Feuerwehrknoten, den Diebesknoten und den Palstek. Und während seine Finger kunstvoll Schlaufen wickelten und Schnüre umeinander schlangen, knotete er auch alle seine guten Wünsche für mich mit hinein. Solange die Knoten geknüpft waren, würde auch der Zauber anhalten und ihn wieder mit seiner glorreichen Vergangenheit verbinden, in der er ein reicher Fabrikantensohn in Lodz gewesen war. Er war der Letzte in einer Dynastie genialer Webstuhlbauer, die im "Manchester des Ostens" den Geldadel repräsentierten und auf eine glanzvolle Familientradition zurückschauten. Umso mehr bedeutete ihm diese ebenso simple wie vollkommene Alltagskunst. Generationen von Handwerkern hatten diese Fertigkeiten beim Weben und Teppichknüpfen angewendet, die von seinem eigenen, hoch verehrten Vater, meinem Urgroßvater Wilhelm Lange, auf ihn gekommen war. Sein Sohn, mein Großvater, konnte sich enthusiastisch über die Eleganz einer Bindetechnik auslassen, in der Gewissheit, dass technisch gute Lösungen auch schön aussehen. Keine unserer kurzweiligen Lehrstunden verging, ohne dass er mich nicht vor dem ihm verhassten Hausfrauenknoten gewarnt hätte, dem gebräuchlichsten aller Knoten, aber in seinen Augen total unbrauchbar. Hässlich anzuschauen, zu simpel, und trotzdem bedurfte es viel Pulerei, um ihn wieder aufzudröseln. An der Dummheit und dem Ungeschick in der Welt musste ein Karl Lange total verzweifeln.
Meine Familie kommt aus dem Osten, und das sagt eigentlich schon alles. Ich wuchs auf im Schatten des verlorenen Paradieses, das für immer hinter dem Eisernen Vorhang verschwunden war. Wir waren Deutsche, aber wir waren anders. Nach einer überlieferten Regel, die uns heute fremd vorkommt, war ich für meinen Großvater der Nachkomme, an den er sein Wissen weitergeben musste. Ich, die Erstgeborene seiner erstgeborenen Tochter Eva. In der Abfolge der Generationen war ich von Geburt an dazu bestimmt, die Erfahrungen seines Lebens zu erlernen und später selbst weiterzugeben. Hätte es etwas geändert, wenn wir von den Nornen gewusst hätten, den germanischen Schicksalsgöttinnen, die unter dem Weltenbaum sitzend unsere Schicksalsfäden spinnen, sie durch Knoten verbinden, verheddern und lösen, je nach Fügung? Aber rückwirkend kommt es mir schon seltsam vor, wenn ich feststelle, dass unsere Bestimmung tatsächlich in der Vergangenheit beschlossen liegt.
Ich sah es als Auszeichnung an, von ihm in seine Zaubertricks eingeweiht zu werden, die er wie eine kleine Wissenschaft betrieb. Aber er hatte sich in mir die falsche Person für sein Vermächtnis ausgewählt. Schon als ich den Brief öffnete und sein Geschenk in die Finger nahm, wurde mir das Herz schwer. Ich spürte die unausgesprochene Erwartung, die sich damit verband und seine zukünftige Enttäuschung über mich bereits mit einschloss. Die phänomenale Geschicklichkeit der Familie Lange hatte sich nicht auf mich vererbt. Wenn ich überhaupt einen Berufswunsch in mir verspürte, konnte ich mir sowieso nur "Abenteuerin" für mich vorstellen. Ich hielt überhaupt nichts vom Nähen und Stricken, diesen für mich weiblichen Disziplinen, in denen Karl Langes Töchter, meine Mutter und ihre Schwester Gisa, so Unglaubliches vollbrachten. Ich benutzte meine Freizeit hauptsächlich dazu, Romane zu lesen. Er war damals zweiundachtzig, ich dreizehn. Er sollte noch neun Jahre leben, aber nie wieder kamen wir uns so nahe wie im Spätsommer 1968. Ich selbst hatte ihn ja gebeten, mir seine Knoten zu zeigen. Ich wollte ihm damit einen Gefallen tun, mein Wunsch war nicht ehrlich gewesen. Wir Jüngeren können die Alten nicht retten. Mit diesem Schmerz fing mein Erwachsenwerden an. Unserer Zuneigung war von nun an mein Verrat beigemischt.
Er war im Sternzeichen der Jungfrau geboren. Ende August, wie jedes Jahr, hatten wir ihm mit einem Strauß Heide gratuliert. Wie gesagt, zu seinem Zweiundachtzigsten. Die rot glühende Blüte der Erika auf den Hügeln vor unserem Haus in 2111 Höckel leuchtete wie eigens für seinen Geburtstag bestellt. Vielleicht liebte er sie deswegen so sehr. An solchen Tagen trug das Zwanzig-Seelen-Kaff meiner Kindheit seinen Namen "Heideparadies" zu Recht. Eine Postkartenlandschaft, in drei Farben gemalt: rot, die Heide, grün, der Wacholder, und blau, der Himmel. Es war der Höhepunkt des kurzen, niedersächsischen Sommers, bald würde sich herbstliches Grau über alles legen. Der nahe Abschied gab den letzten Tagen der Sommerferien ihren bittersüßen Geschmack. Auch mein Großvater musste bald wieder abreisen.
Autorenportrait:
Ina Weisse wurde 1955 in Berlin geboren. Sie studierte Philosophie und Literaturwissenschaft in München. Sie arbeitete zunächst als Buchhändlerin, Literaturkritikerin und Autorin für u. a. das „SZ-Magazin“, den „Tagesspiegel“ und „Die Woche“. Heute ist In