Rezension:
Alex Dengler, Deutschlands führender Buchkritiker, denglers-buchkritik.de: Gewohnt routiniert erzählt, die Balance zwischen Krimi und Komödie beherrscht Janet Evanovich in Perfektion. Stephanie Plum, die Chaosqueen, ist Kult und man muss sie einfach gern haben.
Kurzbeschreibung:
Stephanie Plum hat in ihrem Leben schon viele Fehler gemacht, aber Dickie Orr zu heiraten, war definitiv ihr größter. Gerade einmal fünfzehn Minuten hatte ihre Ehe gedauert, als sie ihn mit einer anderen erwischte. Nun soll sie im Auftrag des Ganovenjägers Ranger eine Wanze im Büro ihres Exgatten platzieren und gerät dabei prompt in einen handfesten Streit mit Dickie.
Als der am nächsten Tag verschwunden ist und mit ihm 40 Millionen Dollar, fällt der Verdacht natürlich auf Stephanie. Ihr bleibt also nichts anderes übrig, als sich selbst auf die Suche zu machen. Dabei wird sie jedoch von Dickies eifersüchtiger Geliebten Joyce Barnhardt auf Schritt und Tritt verfolgt. Stephanies Freund, der Polizist Joe Morelli, hält sich aus der Sache lieber heraus, zumal Stephanie auch sonst Ärger geradezu magisch anzieht: seien es Kautionsflüchtlinge wie der Tierpräparator, der aus kleinen possierlichen Nagern ausgewachsene Bomben anfertigt, oder der Grabräuber, der sich auf Steuerberatungen in Imbissstuben verlegt hat ...
Leseprobe:
Seit fünf Minuten stand ich mit meiner Schrottkarre draußen vor der Kautionsagentur meines Cousins Vinnie und überlegte, ob ich mich an die Arbeit machen oder lieber zurück zu meiner Wohnung fahren sollte. Ich bin Stephanie Plum, und die vernünftige Stephanie wollte sich wieder ins Bett verkriechen, die verrückte meinte, sie sollte sich nicht so haben und endlich in die Gänge kommen.
Ich war drauf und dran, eine Dummheit zu begehen. Alle Anzeichen sprachen dafür: mein flauer Magen; das Gefühl, einer Katastrophe ins Auge zu sehen; und das Wissen, etwas Verbotenes zu tun. Trotzdem wollte ich an dem Plan festhalten. Eigentlich waren Dummheiten in meinem Leben ja nichts Neues. Seit ich denken kann, bin ich von einer Katastrophe in die nächste geschlittert. Als ich sechs Jahre alt war, habe ich mir mal Zucker auf den Kopf gestreut. Ich redete mir ein, es sei Feenstaub, wünschte mir, unsichtbar zu sein, und spazierte auf das Jungsklo in meiner Schule. Tja, aus Erfahrung wird man bekanntlich klug.
Die Tür zum Kautionsbüro ging auf, und Lula steckte den Kopf durch den Spalt. "Willst du den ganzen Tag da rumsitzen, oder was ist los?", fuhr sie mich an.
Lula ist eine schwarze Frau mit einer Rubensfigur und einem Las-Vegas-Outfit, das vier Nummern zu klein ist. Früher ist sie auf den Strich gegangen, jetzt macht sie die Ablage in Vinnies Büro und ist meine Fahrerin - je nach Lust und Laune. Heute trug sie breite Wuschel-Boots aus Kunstfell, und ihren Po hatte sie in giftgrüne Pants aus Elastan gezwängt. Quer über die Brust ihres pinkfarbenen Sweatshirts stand mit Pailletten geschrieben: Liebesgöttin.
Mein Outfit ist im Allgemeinen etwas salopper als Lulas. Ich trug Jeans und ein langärmliges Shirt von GAP. Meine Füße steckten in nachgemachten Ugg-Boots, und ich hatte mich in eine dicke Steppjacke eingemummelt. Ich habe braune Naturlocken, die ganz okay aussehen, wenn ich das Haar schulterlang trage. Wenn ich es kurz trage, ist das einzig Positive, was man über meine Frisur sagen kann, dass sie schwungvoll aussieht. Heute hatte ich etwas mehr Wimperntusche aufgetragen als sonst, um mein Selbstbewusstsein zu heben. Ich sollte jemandem einen Gefallen tun, was vermutlich noch ein langes Nachspiel haben würde. Ich schnappte mir meine Tasche, drückte die Fahrertür auf und schlüpfte aus dem Auto.
Es war Ende Februar, Düsternis, so weit das Auge reichte. Obwohl es schon fast zehn Uhr war, brannten die Straßenlaternen noch immer, und die Sichtweite in dem Schneetreiben betrug gerade mal zwanzig Zentimeter. Ein Lastwagen tuckerte vorbei und bespritzte mich mit Schneematsch, so dass meine Jeans klatschnass wurde. Das löste mir die Zunge: Ich schickte dem Fahrer eine wüste Schimpfkanonade hinterher. Winterwunderland a la New Jersey.
Als ich ins Büro spazierte, spähte Connie Rosolli hinter ihrem Computer hervor. Connie ist Vinnies Büroleiterin und erste Verteidigungslinie gegen den Strom der genervten Kautionsnehmer, Zocker, Nutten, diversen Schuldeneintreiber und geprellten Pornohändler, die in Vinnies Allerheiligstes vordringen wollen. Connie ist ein paar Jahre älter als ich, ein paar Kilo schwerer, ein paar Zentimeter kleiner, ihr Busen ein paar Nummern üppiger und ihre Frisur etwas voluminöser als meine. Connie ist einigermaßen hübsch auf ihre Art, hart im Nehmen, Italienerin, dritte Generation, aber sonst voll das Jersey-Girl.
"Ich habe drei neue Ausreißer", sagte Connie. "Simon Diggery ist auch wieder dabei."
Ausreißer, das sind Kautionsflüchtlinge, Leute, die nicht zu ihren Gerichtsterminen erscheinen, nachdem Vinnie sie gegen Kaution aus dem Gefängnis geholt hat. Wenn diese Leute den Termin versäumen, geht Vinnie das Geld flöten. An dem Punkt komme ich ins Spiel. Ich arbeite als Kautionsdetektivin für Vinnie, besser gesagt als Kopfgeldjägerin, und ich führe die Kautionsflüchtlinge wieder unserem Rechtssystem zu, das ist mein Job.
"Mit Simon Diggery musst du allein fertig werden. Dabei kann ich dir nicht helfen", sagte Lula. Sie ließ sich auf das braune Kunstledersofa fallen und holte die neue Ausgabe der Stars hervor. "Das habe ich hinter mir. Das mache ich nicht noch mal."
"Diggery ist leichte Beute", sagte ich. "Wir wissen doch sogar schon, wo wir ihn suchen müssen."
"Das>wirDiggery war, neben vielen anderen Dingen, hauptberuflich Grabräuber, der Frischverstorbene um ihre Ringe, Uhren und gelegentlich auch Brooks-Brothers-Anzüge erleichterte. Die Kleidung nahm er allerdings nur, wenn sie seine Größe hatte. Bei seiner letzten Kautionsflucht hatten Lula und ich ihn dabei erwischt, wie er Miriam Lukach gerade ihren Ringfinger abhackte, um an die Goldklunker zu kommen. Wir verfolgten ihn über den ganzen Friedhof, bis ich ihn endlich vor dem Krematorium festnehmen konnte.
Ich nahm die drei neuen Akten an mich und verstaute sie in meiner Umhängetasche. "Und tschüss!"
"Wo willst du hin?", wollte Lula wissen. "Ist schon fast Mittag. Kommst du zufällig an einem Imbiss vorbei? Ich hätte nichts gegen ein Riesenbaguette mit Fleischbällchen. An so einem Sautag wie heute."
"Ich fahre in die Stadt", sagte ich. "Treffe mich mit Dickie."
"Wie bitte?", Lula sprang auf. "Habe ich dich richtig verstanden? Meinst du den Dickie, der dir die Polizei auf den Hals gehetzt hat, als du das letzte Mal in seinem Büro warst? Den Dickie, dem du gesagt hat, er soll sich ins Knie ficken? Den Dickie, mit dem du irgendwann in deinem ersten Leben mal eine Viertelstunde verheiratet warst?"
"Genau den."
Lula griff sich Mantel und Schal vom Stuhl. "Ich komme mit. Das muss ich mir ansehen. Selbst das Riesenbaguette ist mir jetzt egal."
"Na gut. Aber mach kein Theater!", warnte ich sie. "Ich will Dickie nur kurz etwas wegen einer rechtlichen Sache fragen. Ich bin nicht auf Konfrontation aus!"
"Keine Konfrontation. Kapiert. Reden wie zwei zivilisierte Menschen."
"Warte, ich komme auch mit", sagte Connie und holte ihre Handtasche aus der untersten Schreibtischschublade. "Das kann ich mir nicht entgehen lassen. Das Büro bleibt für zwei Stunden geschlossen."
"Ich will kein Theater, klar?", wiederholte ich.
"Klar. Aber man will doch vorsorgen, falls es unangenehm wird", sagte Connie.
"Genau. Ich auch", sagte Lula. "Meine 9-Millimeter-Glock ist immer noch die beste Vorsorge."
Autorenportrait:
Janet Evanovich, die mit jedem ihrer Romane in den USA einen Nummer-1-Bestseller landet, stammt aus South River, New Jersey, und lebt heute in New Hampshire. Die Autorin wurde von der Crime Writers Association mit dem "Last Laugh Award" und dem "Silver Dagger" ausgezeichnet und erhielt bereits zweimal den Krimipreis des Verbands der unabhängigen Buchhändler in den USA.