Rezension:
Alex Dengler, Deutschlands führender Buchkritiker, denglers-buchkritik.de: Nach "Ein Mann wie Holm" der zweite Teil der "Holm"-Trilogie. Der erste Teil war schon ein Brüller, der zweite setzt noch eins oben drauf. Holm sieht sein Leben wie es ist, in seiner Einfachheit und Trostlosigkeit so umwerfend komisch, das einem das Buch vor Lachen immer wieder zuklappt. Matthias Keidtel hat vielen deutschen Möchtegernkomikautoren eines voraus - er schreibt auch tatsächlich lustig, und das auch noch intelligent verpackt, voller Situationskomik und Wortwitz. Bei ihm gibt es auf jeder Seite was zu lachen, es stimmt das Timing der Gags, das ist eine schwere Kunst, die Keidtel tadellos beherrscht. Holm ist wie Jauds "Vollidiot" Simon eine literarische Komikkultfigur!
Kurzbeschreibung:
Helden wie Holm braucht das Land!
Holm ist 38 Jahre alt, lebt in seinem alten Kinderzimmer und hört Reinhard Mey.
Nachdem Holms Ausflug ins Berufsleben und die bislang einzige Beziehung zu einer Frau gescheitert sind, kehrt er zurück zu seinen Eltern.
Zu Hause am Berliner Stadtrand wohnt Holm wieder in seinem Kinderzimmer und hört Tag ein Tag aus Reinhard-Mey-Schallplatten. Lange kann es so natürlich nicht weitergehen, und tatsächlich hat Holm schließlich eine zündende Geschäftsidee. Eigentlich sollte ihn diese nach Frankreich führen, stattdessen endet seine Reise aufgrund unglücklicher Umstände im Ostteil Berlins.
Was ihn zunächst völlig aus dem Konzept bringt, erweist sich jedoch als Wink des Schicksals. Holm lernt den Lebenskünstler Elie Glick kennen, und plötzlich geschieht etwas Außergewöhnliches: Holm entspannt sich, sieht Dinge, die ihn vor kurzem noch in Panik versetzten, lockerer. Er findet sogar einen Job, und er verliebt sich: in die Mitarbeiterin eines Stripteaseclubs. Kann das gutgehen?
Die langerwartete Fortsetzung des Überraschungserfolges »Ein Mann wie Holm«.
Leseprobe:
Holm lag im Bett und starrte in das Gesicht von Reinhard Mey. Er war wieder in seinem Kinderzimmer unter dem Dach des Elternhauses im Rudower Klettenweg.
Seit gut zehn Jahren sah Reinhard Mey nun unverändert von der Dachschräge seines Zimmers herab. Sein leicht tadelnder Gesichtsausdruck erinnerte Holm unmissverständlich daran, dass sein Projekt, sich auf der Welt einzuleben, gescheitert war.
Der Zigarrenladen war pleitegegangen, seine Freundin Ulrike hatte ihn wegen schwerwiegender Differenzen aus der Wohnung geworfen, ob hier die dreckigen Unterhosen eine Rolle gespielt hatten, konnte Holm bis zum heutigen Tag nicht sicher beantworten, und seine Tante hatte sich beleidigt geweigert, ihn wieder bei sich aufzunehmen. Das hätte er sich vorher überlegen müssen, erklärte sie mit schnarrender Stimme durch die Gegensprechanlage, als Holm eines Tages mit zwei Koffern in der Fritz-Erler-Allee klingelte und um Einlass bat.
Zu bester »Tagesschau«-Zeit, im Schatten der Weltnachrichten, war Holm in das Haus seiner Eltern zurückgekehrt. Mit achtunddreißig Jahren war er wieder dort angekommen, von wo aus er vor nicht einmal einem Jahr in die Welt aufgebrochen war. Das Projekt Frau war gescheitert, und eine neue Aufgabe, die ihm das Leben ein wenig näherbrachte, weit und breit nicht in Sicht.
Es war fast Mittag, und Holm lag reglos im Bett und wartete darauf, dass ihn Mutter zum Essen rief. Dabei hatte er an diesem Morgen noch nicht viel getan. Jedenfalls nichts, was eine körperliche Erschöpfung erklärte. Holm wunderte sich, wie man schon nach drei Stunden vollkommen erschöpft sein konnte. Punkt halb neun war er aufgestanden, hatte sich, nachdem er minutenlang entsetzt aus dem Fenster in den neuerlich wolkenlosen, blauen Himmel geschaut hatte, seit Tagen herrschte nun schon das Hoch »Hannelore« über der Stadt, als wollte es sein Scheitern auch noch verhöhnen, er hatte sich also gewaschen und angezogen, kurz gefrühstückt und sich dann mit dem »Tagesspiegel« in sein so genanntes Arbeitszimmer gesetzt, das sich seit zwanzig Jahren nur unwesentlich verändert hatte. Naturholzmöbel der Marke Flötotto, die von den Kämpfen seiner Jugend stark gezeichnet waren. Die Schrammen auf dem Schreibtisch glichen den Jahresringen eines Baumes mit dem einen, aber entscheidenden Unterschied: Holm fühlte sich dieser Zeit nicht wirklich entwachsen.
Während er die Hauptnachrichten studierte, Mindestens dreitausend Tote bei Erdbeben in Pakistan, sang Reinhard Mey über den Hauptbahnhof Hamm: »Am Abend wenn der Wartesaal im Hauptbahnhof zur Piazza wird ...« Nach der Zeitungslektüre, die er durch mehrmaliges Lesen interessanter Artikel bis kurz vor die Mittagpause strecken konnte, fing er an, zwischen Arbeits- und Schlafzimmer hin- und herzupendeln. Holm ging mit energischen Schritten geschäftig auf und ab, um seinen Eltern deutlich zu machen, dass ihr Sohn keineswegs tatenlos zuhause herumsaß und auf das Mittagessen wartete, sondern sich schlicht nicht in der Lage sah, auch nur die Hälfte der zahllosen Arbeiten vor dem Mittagstisch zu erledigen. Unser Sohn ist schwer beschäftigt, wie soll er da noch einen Beruf ausüben.
In Wahrheit war Holms größtes Problem die Langeweile. Holm langweilte sich, kaum dass er aus dem Bett gestiegen war. Er hatte einfach nichts zu tun. Wenn seine Füße den kalten Boden berührten, spürte er wieder das unbarmherzige Leben, das ihn jeden Morgen aufs Neue aufforderte, etwas aus sich zu machen. Tu was, Holm, sagte das Leben, vertreten durch den kalten Fußboden, nutze deine Zeit und lies nicht nur den »Tagesspiegel«.
Dabei ging es ihm gut. Holm hatte im Prinzip keine Sorgen. Er hatte ein Dach über dem Kopf, und es gab täglich ein warmes Mittagessen, kurz, er lebte das Leben eines achtzehnjährigen Gymnasiasten ein Jahr vor Abschluss der Schule. Doch während die meisten Gymnasiasten ein Jahr vor ihrem Abschluss eine Menge Pläne hatten und weitgesteckte Ziele verfolgten, hatte sich Holm von seiner Zukunft im Grunde verabschiedet. Das heißt, je länger er darüber nachdachte, desto überzeugter war er schließlich, dass sich die Zukunft irgendwann von Holm verabschiedet hatte. Jedenfalls konnte er sich nicht daran erinnern, seiner Zukunft zu einem bestimmten Zeitpunkt bewusst Lebewohl gesagt zu haben.
Dieser Umstand beunruhigte Holm. Seit Jahren saß er deshalb ängstlich herum und wartete nur darauf, dass sich noch andere Bereiche des Lebens einfach, womöglich ebenfalls grußlos, von ihm verabschiedeten. Ich verschwinde langsam, dachte er, und ich habe nicht die geringsten Einflussmöglichkeiten. Dass ihm nicht klar war, was sich wann von ihm löste und auf Nimmerwiedersehen verschwand, ob sich also etwa die Hoffnung auf ein glückliches Leben zu zweit vor oder nach dem Wunsch, eine steile Karriere zu machen, verlor, machte ihn zu einem vor Angst beinahe bewegungsunfähigen Menschen, der sich immer tiefer in seine Welt strenger Rituale vergrub.
Holm konnte der Welt einfach nicht mehr locker begegnen, weil er ständig Sorge hatte, es würde ihm in einem unaufmerksamen Moment etwas verlorengehen. Wahrscheinlich, dachte Holm, ist das alles klar geregelt, wenn man schließlich nichts mehr hat, sagt man sich erschöpft, okay, meinen Atem können Sie haben, den brauch ich jetzt auch nicht mehr. Das Problem war: Holms Atem reichte noch für gut vierzig Jahre, aber seine Zukunft war schon jetzt restlos aufgebraucht.
Während er so vollständig angekleidet auf dem Bett lag und Reinhard Mey betrachtete, dessen Blick, wie ihm schien, von Minute zu Minute tadelnder wurde, erinnerte er sich wieder an seinen früheren Wunsch. Holm hatte immer den Wunsch gehabt, ein Reinhard-Mey-Konzert zu besuchen, ihn aber aus Sorge, sich bei seinen Mitschülern lächerlich zu machen, nie umgesetzt.
Seit gut zwanzig Jahren war Holm Reinhard-Mey-Fan und nannte alle jemals erschienen Reinhard-Mey-Platten sein Eigen. Er besaß sowohl sämtliche Schallplattentitel, die er auf einem ausschließlich für Mey-Lieder reservierten Schallplattengerät abspielte, als auch die gesamte CD-Kollektion, rechnete aber Jahr für Jahr mit der Einführung einer neuen Technik, die ihn wiederum zur Anschaffung des Mey-Gesamtwerkes zwingen würde. Denn Holm wollte gewappnet sein, eigentlich erwartete er täglich, dass die CDs wegen Materialermüdung ihren Geist aufgeben würden und die Lieder für immer hinter der spiegelnden Fläche verschwunden blieben. Genau genommen verehrte er Reinhard Mey seit einundzwanzig Jahren. Mit siebzehn hatte er das Lied »Zeugnistag« zufällig im Radio gehört und war Meys Stimme und der Art des Vortrags seither bedingungslos verfallen. Reinhard Mey gab ihm das Gefühl, auf der Welt nicht allein zu sein. Das Leben, gab ihm Reinhard Mey durch seine Lieder zu verstehen, war eigentlich nicht so schwer und konnte durch Gesang spielend entschärft werden.
Holm hatte sich jedoch nie getraut, seine Bewunderung für Reinhard Mey öffentlich zu zeigen. Während seine Klassenkameraden die neuesten Entwicklungen auf dem Popmarkt diskutierten und sich für Bands begeisterten, von deren Existenz
Holm noch nicht mal etwas gehört hatte, verschwieg er seine Leidenschaft für den Mann mit der Nickelbrille und dem Dreitagebart aus Furcht, er könnte sich zum Gespött machen. Ein Mann, der sich über Jahrzehnte sowohl äußerlich wie musikalisch treu geblieben war, galt nicht viel in einer Welt ständig wechselnder Moden. Ein Sänger, der auf der Bühne keine Gitarren zertrümmerte, nicht wild fuchtelnd auf und ab lief und seine Fans beschimpfte, der Hotelzimmer unbeschädigt wieder verließ und nicht durch Drogenexzesse mit Minderjährigen aufgefallen war, ein Mann, der Berlin nie für längere Zeit verlassen hatte und seit vielen Jahren glücklich mit einer einzigen Frau zusammenlebte und zwar in einem Haus, das in Sichtweite seines Geburtshauses im Stadtteil Reinickendorf stand, zu so einem Menschen konnte man sich nicht öffentlich bekennen, ohne in der gesamten Schule zum belächelten Außenseiter zu werden.
Autorenportrait:
Matthias Keidtel, geboren 1967 in Itzehoe / Schleswig-Holstein, wuchs u. a. in Persien und Japan auf. 1989 kehrte er nach Deutschland zurück und studierte in Berlin Geschichte und Germanistik. »Ein Mann wie Holm«, der erste Teil seiner »Trilogie des moder