Kurzbeschreibung:
Kanada, 1867: Als der Winter über die Siedlung Dove River hereinbricht, wird ein Mann skalpiert in seinem Bett aufgefunden. In derselben Nacht verschwindet der 17-jährige Francis, der eigenbrötlerische Adoptivsohn der Ross-Familie. Hat er etwas mit dem Mord zu tun? Oder ist auch er nur ein unschuldiges Opfer? Wurde er womöglich von Eingeborenen verschleppt? Während in Dove River noch spekuliert wird, folgt Mrs. Ross einfach den Fußspuren, die von der Hütte des Ermordeten nach Norden, direkt in die Tundra hinein führen. Schnell heften sich jedoch zwielichtige Abenteurer an ihre Fersen, und unwillentlich gerät die sanfte Frau zwischen die Fronten mächtiger Interessen. Denn plötzlich geht es nicht mehr nur um ihren Adoptivsohn, sondern auch um kostbare Pelze, politische Intrigen und eine vergessene indianische Schriftkultur ...
Leseprobe:
Das letzte Mal sah ich Laurent Jammet in Scotts Laden - mit einem toten Wolf über der Schulter. Ich war gekommen, um Nadeln zu besorgen, und er war wegen des Kopfgelds da. Seit Scott von einem Yankee hereingelegt worden war, der erst mit den Ohren auftauchte und das Kopfgeld kassierte, dann ein paar Tage später die Pfoten für einen weiteren Dollar anschleppte und schlussendlich auch noch aus dem Schwanz Kapital schlug, bestand er darauf, dass man ihm den ganzen Kadaver brachte. Es war im Winter gewesen, daher hatten die Einzelteile relativ frisch gewirkt, aber die Geschichte über diesen Schwindel hatte schnell die Runde gemacht. Sehr zu Scotts Missfallen. Das Wolfsgesicht war also das Erste, was ich beim Betreten des Ladens sah. Die Zunge hing schlaff aus der Schnauze, die zu einer Fratze verzerrt war. Ich zuckte unwillkürlich zurück. Scott brüllte los, und Jammet entschuldigte sich vielmals. Es war einfach unmöglich, ihm böse zu sein, dazu war er viel zu charmant - und außerdem hinkte er. Der Kadaver wurde irgendwo nach draußen geschafft, und während ich mich im Laden umsah, fingen die beiden Männer an, sich über das mottenzerfressene Fell zu streiten, das über der Tür hing. Ich glaube, Jammet witzelte, Scott solle es doch durch ein neues ersetzen. Auf dem darunter angebrachten Schild war zu lesen: »Canis lupus (männlich), der erste in der Stadt Caulfield erlegte Wolf, 11. Februar 1860«. Dieses Schild verrät eine Menge über John Scott, es demonstriert, wie wichtig es ihm ist, gebildet zu erscheinen, wie selbstherrlich er ist und wie wenig ernst er es mit der Wahrheit nimmt. Denn es war ganz sicher nicht der erste Wolf, der in dieser Gegend geschossen worden war, und so etwas wie eine
»Stadt Caulfield« gibt es streng genommen auch überhaupt nicht, selbst wenn er das gerne hätte, denn dann gäbe es auch einen Gemeinderat, und er könnte der Bürgermeister sein.
»Und überhaupt ist das ein Weibchen. Die Rüden haben einen dunkleren Kragen und sind größer. Dieses Exemplar hier ist ziemlich klein.«
Jammet wusste, wovon er redete, da er mehr Wölfe zur Strecke gebracht hatte als jeder andere, den ich kenne. Er lächelte, zum Zeichen, dass er niemandem zu nahe treten wollte, aber Scott trat man immer zu nahe - und auch heute ließ er die Gelegenheit nicht aus, sich aufzuplustern.
»Ich nehme an, Sie erinnern sich besser daran als ich, Mr Jammet?«
Jammet zuckte die Achseln. Da er 1860 noch nicht hier gewesen und im Gegensatz zu uns Übrigen Franzose war, musste er sich vorsehen.
In diesem Augenblick trat ich an den Ladentisch. »Ich glaube auch, dass es ein Weibchen war, Mr Scott. Der Mann, der es damals hergebracht hat, sagte, die Welpen hätten die ganze Nacht geheult. Ich erinnere mich noch ganz genau.«
Und ich erinnerte mich auch noch genau, wie Scott den Kadaver an den Hinterbeinen vor dem Laden aufgehängt hatte, damit ihn alle angaffen konnten. Ich hatte noch nie zuvor einen Wolf gesehen und mich gewundert, wie klein er war. Er hing dort, die Nase auf die Erde gerichtet und die Augen geschlossen, als würde er sich schämen. Die Männer machten Scherze über das tote Tier, die Kinder kicherten und forderten sich gegenseitig auf, ihm die Hand in die Schnauze zu stecken. Sie posierten mit dem erlegten Tier, um die anderen zum Lachen zu bringen.
Scott richtete seine kleinen, leuchtend blauen Augen auf mich - und es war schwer zu sagen, ob er über mich verärgert war, weil ich mich auf die Seite eines Ausländers geschlagen hatte, oder ob er einfach so verärgert war.
»Na, und was ist mit dem Kerl später passiert?« Doc Wade, der Mann, der das Kopfgeld kassiert hatte, war im Frühjahr darauf ertrunken, und Scott sagte das so verächtlich, als bewiese Doc Wades' Ende seine Schuld.
»Nun ja ...« Jammet zuckte die Achseln und zwinkerte mir zu, der Frechdachs.
Irgendwie - ich glaube, es war Scott, der die Rede darauf brachte - kamen wir dann auf die armen Mädchen zu sprechen, was meistens geschah, wenn ein Gespräch um das Thema Wölfe kreiste. Obwohl es jede Menge bedauernswerte Frauen gibt auf der Welt (aus eigener Erfahrung kann ich sagen, mehr als genug), bezieht sich »arme Mädchen« bei uns ausschließlich auf zwei bestimmte - die Seton-Schwestern nämlich, die vor vielen Jahren verschwanden. Wir tauschten ein paar Minuten lang belanglose Nebensächlichkeiten über den Vorfall aus, bis wir abrupt von dem Schrillen der Ladenglocke und dem Hereinkommen von Mrs Knox unterbrochen wurden. Wir taten, als wären wir voll und ganz in die Knopfauslage auf dem Ladentisch vertieft. Laurent Jammet nahm seinen Dollar, verbeugte sich vor mir und Mrs Knox und ging wortlos.
Die Glocke tanzte noch eine ganze Weile an ihrer Metallfeder, nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte.
Das war alles, überhaupt nichts Bedeutsames. An jenem letzten Mal, als ich ihn sah.
Laurent Jammet war unser nächster Nachbar. Und trotzdem war uns sein Leben ein Rätsel. Ich fragte mich immer wieder, wie er es schaffte, mit seinem schlimmen Bein Wölfe zu jagen, bis mir jemand erzählte, dass er mit Strychnin vergiftetes Hirschfleisch als Köder auslegte. Die Kunst bestand dann nur noch darin, die Fährte bis zu dem toten Tier zu verfolgen. Eigentlich entspricht das nicht meiner Vorstellung von Jagd. Ich weiß, dass viele Wölfe gelernt haben, sich aus der Reichweite eines Winchester-Gewehrs fernzuhalten, so dumm können sie also nicht sein, aber klug genug, einer geschenkten Mahlzeit zu misstrauen, sind sie dann auch wieder nicht. Worin besteht aber der Verdienst, einer zum Tode verurteilten Kreatur so lange zu folgen, bis sie ihr Ende ereilt hat? Auch sonst gab es vieles an Laurent Jammet, das ungewöhnlich war: Er machte lange Reisen in unbekannte Gebiete, bekam Besuch von dunklen, wortkargen Fremden und zeigte sich gelegentlich unerwartet großzügig, was in krassem Gegensatz zu seiner baufälligen Hütte stand. Wir wussten, dass er aus Quebec stammte. Wir wussten auch, dass er katholisch war, obwohl er nur selten in die Kirche oder zur Beichte ging (wobei er während seiner langen Abwesenheiten möglicherweise beides tat). Er war höflich und immer gutgelaunt, hatte aber keine engen Freunde und hielt sich stets ein wenig abseits. Und er sah, wenn ich das sagen darf, gut aus mit seinen nahezu schwarzen Haaren und Augen und seinem Gesicht, das immer schien, als habe er gerade gelächelt oder als werde er es jeden Moment tun. Allen Frauen begegnete er auf die gleiche charmante und respektvolle Art, ohne dass er sie oder ihre Ehemänner dabei je in Verlegenheit gebracht hätte. Er war nicht verheiratet und machte auch keinerlei Anstalten, etwas daran zu ändern, aber manche Männer sind eben allein glücklicher, besonders dann, wenn sie eher zu Unordnung und Unbeständigkeit neigen.
Manche Menschen ziehen einen unbestimmten, aber ganz und gar nicht böswilligen Neid auf sich. Jammet, so faul und gutmütig, wie er war, gehörte zu diesen Menschen, die einfach so, leicht und mühelos, durch das Leben zu gleiten schienen.
Autorenportrait:
Stef Penney wurde 1970 in Edinburgh geboren. Sie studierte Philosophie und Theologie, bevor sie sich ganz auf das Filmemachen konzentrierte und ein komplettes Film- und Fernseh-Studium mit Auszeichnung bestand. Mittlerweile hat Stef Penney zwei Filme abge