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Träume von Pallahaxi

von Bernhard Kempen, Michael Coney (Buch)

  • ISBN:3-453-52543-4
  • EAN:9783453525436
  • Veröffentlichungsdatum:November 2009
  • Gewicht in g:495
  • Reihe:Heyne-Bücher Allgemeine Reihe
  • Seiten:608
  • Stilrichtung:Roman

Kurzbeschreibung:

Eine wunderbare Reise auf einen atemberaubend fremden Planeten


Dies ist die Geschichte eines Planeten, der unserem ähnelt - und doch ganz anders ist: Kurze intensive Sommer gibt es hier, die in scheinbar endlose Winter übergehen, in denen sich die Tier- und Pflanzenwelt grundlegend verändert und die menschlichen Siedler um ihr Überleben kämpfen müssen. Und es ist die Geschichte des jungen Drove, der einem Geheimnis auf die Spur kommt, das für dieses Überleben von entscheidender Bedeutung ist. Aber Drove hat nicht viel Zeit, das Geheimnis zu lüften. Denn der Winter naht ...


Science Fiction für Leser aller Altersgruppen.



Leseprobe:

ICH DENKE OFT an den Tag in Alika zurück, als mein Vater, meine Mutter und ich hin und her flitzten und auf der Veranda einen Haufen mit Sachen zusammentrugen, die für unseren Urlaub in Pallahaxi gedacht waren. Obwohl ich gerade erst in die Pubertät eingetreten war, wusste ich bereits genug über Erwachsene, um ihnen während dieses alljährlichen Ereignisses möglichst aus dem Weg zu gehen, denn aus irgendwelchen Gründen kam es dabei immer wieder zu Paniksituationen. Meine Mutter hetzte mit hektischen Bewegungen und starrem Blick herum und fragte ständig, wo sich bestimmte Dinge befanden, um sich im nächsten Moment selber die Antwort zu geben. Mein Vater stapfte würdevoll die Kellertreppe herauf und hinunter und schleppte kanisterweise Destill für seinen kostbarsten Besitz heran, den Motorwagen mit eigenem Antrieb. Immer wenn der Blick meiner Eltern auf mich fiel, sah ich keine Liebe in ihren Augen.
Also ging ich ihnen aus dem Weg, während ich dennoch darauf achtete, dass meine eigenen Sachen nicht vergessen wurden. Ein kleiner Teil des unsortierten Haufens enthielt bereits meinen Schleuderball, mein Ringeln-Spielbrett, mein Miniaturmodell eines Grume-Skimmers und mein Fischernetz. Während eines verstohlenen Besuchs am Motorwagen hatte ich den Käfig mit meinen Tratten hinter den Rücksitz geschoben. In diesem Moment kam Vater mit einem weiteren Kanister aus dem Haus und blickte mich finster an.
"Wenn du dich nützlich machen willst, könntest du den Tank füllen." Er stellte den Kanister neben dem Wagen ab und reichte mir einen Messingtrichter. "Aber verschütte nichts. Das Zeug ist heutzutage ziemlich kostbar."
Damit spielte er auf die Verknappung an, die eine Folge des Krieges war. Ich hatte den Eindruck, dass er kaum auf irgendetwas anderes anspielte. Während er zum Haus zurückging, schraubte ich den Deckel ab und sog schnuppernd den berauschenden Duft des Destills ein. Das Zeug hatte mich schon immer fasziniert. Es wollte einfach nicht in meinen jungen Kopf hinein, dass eine Flüssigkeit - insbesondere eine, die so große Ähnlichkeit mit Wasser hatte - tatsächlich brennen konnte. Auf den Vorschlag eines Freundes hatte ich einmal versucht, es zu trinken. Dieser Freund hatte mir auch erzählt, dass Destill eine ähnliche Grundlage wie Bier, Wein und all die anderen aufregenden und verbotenen Getränke hatte, die in Tavernen ausgeschenkt wurden.
Also hatte ich mich eines Nachts in den Keller geschlichen und einen heißen Ziegelstein an mich gedrückt, um die Furcht zu vertreiben. Dann hatte ich einen Kanister geöffnet und davon getrunken. Wenn ich danach ging, wie das Destill in meinem Mund und meiner Kehle brannte, wunderte es mich gar nicht, dass sich damit ein Dampfmotor antreiben ließ. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass es den Leuten Spaß machte, das Zeug zu trinken. Mir wurde schwindlig und übel, und ich musste mich eine ganze Weile stöhnend an der Hauswand abstützen, während die Kälte mir das Rückgrat hinaufkroch. Dass ich zitterte, hatte mindestens genauso viel mit meiner Angst wie mit meiner Übelkeit zu tun. Es war Winter, und der kalte Planet Rax beobachtete mich wie ein böses Auge. In Alika können die eisigen Nächte des Winters sehr grausam sein.
Aber mit Pallahaxi hatte ich schon immer Sommer und Wärme verbunden, und dorthin wollten wir an jenem Tag fahren. Ich steckte die Tülle des Trichters in den Tank des Motorwagens und neigte den Kanister, worauf das Destill heraussprudelte. Von der anderen Straßenseite sahen mir drei kleine Mädchen zu. Ihre schmutzigen Münder standen vor Ehrfurcht und Neid angesichts des wunderbaren Fahrzeugs offen. Schwungvoll stellte ich den leeren Kanister ab und hob den nächsten an. Ein Mädchen warf einen Stein, der gegen den glänzenden Lack schlug, dann rannten sie alle schreiend die Straße entlang davon.
Hinter den Häusern auf der anderen Straßenseite erhoben sich die hohen Turmspitzen des Parlamentsgebäudes, wo der Regent den Vorsitz über das Repräsentantenhaus hatte. Dort arbeitete mein Vater in einem schmuddeligen kleinen Büro als Sekretär des Ministers für Öffentlichkeitsarbeit. Mein Vater war ein Parl, und der Motorwagen war ein Statuszeichen seines Amtes. Deshalb hatten die Kinder so wütend reagiert. Dafür hatte ich durchaus Verständnis, aber ich fand es verfehlt, die Wut am Wagen auszulassen und nicht an meinem Vater.
Ich drehte mich zu unserem Haus um. Es war ein großer Bau aus dem gelblichen Gestein der Umgebung. Meine Mutter huschte hinter einem Fenster vorbei, während sie panisch nach etwas Unerfindlichem suchte. Im Garten schnappten ein paar Blumen nach flüchtigen Insekten, und ich erinnere mich gut daran, dass ich mich fragte, warum der Garten in diesem Jahr so vernachlässigt wirkte. Überall war Spreizkraut, das prächtig gedieh und auch die letzten Blauschoten mit smaragdgrünen Garotten erwürgte. Es hatte etwas Erbarmungsloses, wie sich das Unkraut sichtbar ausbreitete, und plötzlich erschauderte ich, als ich mir vorstellte, dass es nach unserer Rückkehr aus dem Urlaub das Haus überwuchert haben würde. Dann würde es nachts durch die Täfelung kriechen und uns im Schlaf strangulieren.
"Druv!"
Mein Vater ragte vor mir auf und hielt mir einen weiteren Kanister hin. Als ich schuldbewusst zu ihm aufblickte, zuckte er die Achseln, wobei sein Gesicht einen seltsamen Ausdruck zeigte. "Schon gut, Druv." Auch er betrachtete das Haus. "Ich übernehme das. Du kannst gehen und deine Sachen holen."
In meinem Zimmer schaute ich mich schnell um. Ich war schon immer der Ansicht gewesen, dass ich nur wenige Dinge nach Pallahaxi mitnehmen musste. Schließlich war es eine andere Welt, wo man ganz andere Sachen machen konnte. Ich hörte, wie Mutter im Nebenzimmer kramte.
Auf dem Fenstersims stand der Glaskrug, in dem sich mein Eiskobold befand. Ich hatte ihn schon fast vergessen. Nun sah ich ihn mir genau an und bildete mir ein, ich könnte einen feinen Kristallfilm auf der Oberfläche der zähen Flüssigkeit sehen. Ich suchte, bis ich einen Stock gefunden hatte, und tippte damit vorsichtig den Eiskobold an. Keine Reaktion.
Während des vergangenen Winters, als die Sonne geschrumpft in die Ferne des Himmels geflohen und Rax bei Nacht als furchterregender kalter Stein sichtbar gewesen war, waren alle Kinder der Umgebung ganz verrückt auf Eiskobolde gewesen.

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