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Der Turm der Raben

von Karin König, Kate Forsyth (Buch)

  • ISBN:3-442-24450-1
  • EAN:9783442244508
  • Veröffentlichungsdatum:Mai 2009
  • Gewicht in g:441
  • Reihe:Blanvalet Taschenbücher
  • Seiten:576
  • Stilrichtung:Roman

Kurzbeschreibung:

Spannende All-Age-Fantasy aus Australien!


Rhiannon ist nicht wie die anderen Satyricorns, denn da ihr Vater ein Mensch war, sind ihr niemals Hörner gewachsen. Rhiannon ist eine Außenseiterin, und schon bald werden die anderen Satyricorns sie töten. Doch eines Tages sieht sie eine Herde geflügelter Pferde am Himmel vorbeiziehen - und plötzlich weiß die junge Frau, was sie tun muss ...


Magisch, romantisch, farbenprächtig - das sind die Markenzeichen von Kate Forsyths fantastischen Romanen!



Rezension:

"Kate Forsyth ist eine souveräne, stilsichere Autorin." (The Examiner)

Leseprobe:

Das Mädchen kauerte auf dem Felsvorsprung und zog als Schutz gegen die Nachtkälte fest ihren Fellumhang und die Häute um sich. Weit im Osten, wo die steilen Gipfel der Berge aufragten und abfielen, stiegen die zwei Monde auf. Zuerst der kleine Mond, blau wie ein Bluterguss, dann der große Blutmond, der so orangefarben glühte wie die züngelnden Flammen auf der gegenüberliegenden Seite des Sees hinter ihr.
Sie konnte über das Eis hinweg den fernen Klang von Stimmen und Lachen hören, als sich der Wind drehte und einen Schauer heller Funken mit sich brachte. Das fahle Rund ihres Gesichts sank ein wenig tiefer in das dunkle Gewirr ihrer Felle. Sie wandte den Blick entschlossen nach Osten, wo der vom Schnee angeschwollene Fluss ungestüm auf die unbekannte Zukunft zu verlief, auf die Freiheit und auf das Meer zu.
Heute Abend tobte die unsägliche Sehnsucht heftig in ihr. Sie konnte das herbe Grün der Wiederkehr des Frühlings in der Luft riechen und sie im Klingen des Eises auf den Felsen hören, als sich der See auszubreiten und sich langsam gegen die Ketten des Winters zu wehren begann. Sie spürte es überall um sich herum im Anbranden von Lebenssäften und Blut. Diese ersten Wochen der grünen Monate waren die grausamsten von allen, denn sie erzählten jemandem, der das Wort nicht verstand, von Freude. Sie konnte es nur spüren, wie ein taubes Kind Glockenklingen als einen Luftzug auf der Haut spürt. Sie wusste nicht, wonach sie sich sehnte. Sie wusste nicht, warum sie mit einem heißen Brennen in ihrer Kehle einsam hier im Dunkeln saß. Sie wusste nur,
dass sie es nicht ertragen konnte, heute Abend bei der Herde zu sein, während sich alle an der Ausbeute ihrer letzten Jagd weideten, prahlten, großtaten und am Feuer rangen, während ihr neuer Gefangener gefesselt und blutend dasaß und sich bemühte, seine Angst nicht zu zeigen.
Das Mädchen war nicht aus Mitleid für den Gefangenen von der Zecherei des Stammes vertrieben worden. Sie hatte keine Zeit, für jemand anderen Mitgefühl oder Interesse aufzubringen. All ihr Erbarmen und ihr Entsetzen bewahrte sie für sich selbst. Sie saß auf dem Felsvorsprung, richtete ihr Gesicht gen Osten und fragte sich, ob sie die Gelegenheit ergreifen sollte, sich heute Abend davonzuschleichen, während der Stamm mit Zechen beschäftigt war. Wenn sie die ganze Nacht lief, ihren Geruch im schäumenden weißen Wasser verbarg, auf Steinen lief, damit sie keine Fußabdrücke hinterließ, wenn sie rannte, bis ihr Herz barst - könnte sie dann entkommen? Das Verlangen nach Freiheit wütete so sehr in ihr, dass sie sich nur beruhigen konnte, indem sie ihre Finger so fest zusammenpresste, dass sie purpurfarbene Halbmonde in ihre rauen, schwieligen Handflächen schnitt. Gleichgültig wie schnell sie lief, gleichgültig wie gut sie ihre Spuren verbarg - die Herde würde sie letztendlich finden, und sie würden sie töten, weil sie frei sein wollte.
Unter ihr regte sich etwas. Sie spannte sich an und blickte augenblicklich abwärts, denn es gab viele wilde und gefährliche Geschöpfe in diesen Bergen. Zunächst sah sie nur Dunkelheit, aber als sich ihre Augen an die Helligkeit der leuchtenden Monde gewöhnt hatten, konnte sie allmählich eine dunkle Gestalt aus den Schatten dringen sehen. Da war ein runder Rumpf, die tiefe Wölbung eines Rückens, die lange Linie eines anmutigen Halses, der gesenkt war, um aus dem Fluss zu trinken. Jenseits sah sie den vagen Umriss von weiteren Pferden, eine ganze Herde davon, die langsam das felsige Ufer des Flusses entlangzog.
Hinter ihr erklang jäh ein raues Lachen. Die Pferde warfen
die Köpfe auf. Eines wieherte. Mondlicht schimmerte auf den beiden langen, gedrehten Hörnern an der Stirn der Pferde. Das Mädchen hielt überrascht den Atem an. Dies waren keine wilden Ponys, sondern Wesen aus Mythen und Sagen. Ob es der Klang ihres Keuchens war oder ein jäher Wechsel der Windrichtung, der ihren Geruch zu den zitternden Nüstern der Pferde trug, wusste sie nicht, aber plötzlich breitete die gesamte Herde große, schattenhafte Schwingen aus und flog mit klappernden Hufen und leisem, herausforderndem Wiehern los. Sie sah ihre hoch aufsteigenden Umrisse sich einen Moment scharf vor dem roten Mond abzeichnen, während das Geräusch ihrer Flügel ihre Ohren erfüllte. Dann war die Herde geflügelter Pferde fort, in der Dunkelheit verloren.
Das Mädchen erhob sich, von angespanntem Frohlocken erfüllt. Wenn ich nur eines fangen könnte, dachte sie. Wenn ich nur eines zähmen könnte. Dann könnte ich entkommen. Niemand könnte mich aufhalten, wenn ich auf dem Rücken eines solchen Geschöpfes davonflöge.
Sie wollte nicht einmal sich selbst gegenüber die Unmöglichkeit eines solchen Plans zugeben. Dass sie die legendären schwarzen, geflügelten Pferde genau an dem Abend sehen sollte, an dem ihr Verlangen zu entkommen so drängend geworden war, konnte wohl kaum ein Zufall sein. Jene ihrer Art wurden von Aberglauben und Omen beherrscht. Sie glaubten nicht an Zufälle. Die Gedanken des Mädchens rasten. Wenn sie den geflügelten Pferden vielleicht bis zu ihrem Versteck nachspürte, eines zu zähmen versuchte, sich mit ihm anfreunden würde. Sie hatte schon manch ein Bergpony auf diese Weise gezähmt.
Geflügelte Pferde waren jedoch für ihre Wildheit bekannt, und sie wusste, dass sie nicht viel Zeit hatte. Die Herde war es leid, darauf zu warten, dass ihr Hörner sprießen würden. Bei vielen jüngeren Mädchen schwollen die Knospen der Hörner bereits stark an, und sie bluteten beim Aufsteigen der Vollmonde bereits seit Monaten. Ihr erstes Blut hatte heute erst eingesetzt und erfüllte sie mit Übelkeit erregender Angst. Sie hatte den Fleck auf ihrer Kleidung mit Steinen und Eiswasser fortgeschrubbt und sich mit einem Bausch aus zerdrückten Kiefernnadeln und -mark versehen, damit sie ihr Gebärmutterblut nicht riechen und ihr Geheimnis erahnen konnten.
Sie wusste nicht, wie lange sie ihr Frauwerden verbergen konnte. Gewiss nicht länger als einen Monat. Heute waren sie alle durch den Mann abgelenkt gewesen, der in ihr Gebiet geritten war und ihnen eine solch großartige Jagd verschafft hatte. Nächsten Monat hätte sie vielleicht nicht so viel Glück. Die Herde hatte sie stets mit Misstrauen und Geringschätzung betrachtet, weil sie Füße anstatt Hufe hatte und nur zwei Brüste anstatt sechs. Wäre ihr ein stolzes, starkes Horn gewachsen wie bei ihrer Mutter oder auch zehn kurze, dicke Hörner wie bei ihrer Cousine, hätten die anderen Missbildungen ignoriert werden können. Ein Satyricorn ohne Horn war jedoch eine Missgeburt, eine Schande für den gesamten Stamm. Sie verachteten sie und forderten sie heraus und würden sie letztendlich wegen ihres Mangels töten. Sie hatte bereits vier Mal erlebt, wie Hornlose zu Tode gehetzt wurden. Sie wusste, dass es keine Gnade gäbe.
Das Mädchen führte die Hände zum Kopf und betastete ihre glatte Stirn, ließ die Fingerspitzen in ihr Haar gleiten. Nicht einmal eine schwache Andeutung von einem Horn.

Autorenportrait:

Kate Forsyth wurde im australischen Sydney geboren, wo sie mit ihrem Ehemann und ihren beiden Kindern lebt. Sie ist als Journalistin für mehrere Magazine tätig. Ihr Fantasy-Reich Eileanan ist von der schottischen Heimat ihrer Vorfahren inspiriert.

8,95* EUR