Kurzbeschreibung:
Neue Geschichten vom Meister des Humors
Mit seinen lange erwarteten Storys bestätigt Woody Allen seinen Ruf als eines der größten komischen Talente überhaupt. Allens Phantasie ist ein Wirbelsturm, der die ganze Welt in sich hineinsaugt und wieder ausspuckt: als groteske Schaubude, als Slapstick und Farce. Wer glaubt, seine Texte seien lediglich Nebenprodukte, der irrt. Woody Allen erweist sich als Meister der Worte, mit einer Leichtigkeit und stilistischen Präzision, die ihresgleichen suchen.
Rezension:
»Ich bin wirklich erleichtert, dass sich das Universum endlich erklären lässt. Ich dachte schon, das Problem läge bei mir.« Woody Allen
Leseprobe:
Erst wenige Monate ist es her, da lief mein Leben in ergreifenden kleinen Szenen vor meinem inneren Auge ab, während ich beinah erstickte unter dem Wurfpost-Tsunami, der sich jeden Morgen nach dem Frühstück durch meinen Türschlitz ergießt. Zum Glück hörte unsere wagnerianische Putzfrau Grendel meine gedämpften Schreie unter den zehntausend Vernissage-Ankündigungen, Bettelbriefen und Traumgewinn-Benachrichtigungen und befreite mich mit Hilfe unseres Ungeziefersaugers. Als ich die Posteingänge in alphabetischer Reihenfolge dem Aktenvernichter zuführte, fiel mir unter der Fülle an Katalogen für alles Mögliche, vom Vogelhäuschen bis zu Stein- und Schalenobst in vierwöchentlichen Lieferungen, ein nicht bestelltes kleines Heft auf, das sich Magical Blend nannte. Der offensichtlich für den New-Age-Markt bestimmte Katalog umfasste Themen wie die Kraft der Kristalle, ganzheitliche Medizin und psychische Schwingungen, gab Tipps zur Erlangung geistiger Energie, zeigte Wege zu mehr Liebe und weniger Stress und verriet, wohin man gehen und welche Formulare man ausfüllen musste, um wiedergeboren zu werden. Die Anzeigen gaben den Nörglern vom Betrugsdezernat, wie es schien, keine Chance und priesen heilkräftige Ionisatoren, Vortex-Wasserwirbler und ein Produkt namens Herbal Grobust an, das auf rein pflanzlicher Basis Madames Melonen vergrößern helfen sollte. Auch an parapsychologischem Rat fehlte es nicht, etwa von einer "spirituell-intuitiven" Dame, die ihre Erkenntnisse mit "einer Engelschar namens Konsortium 7" abgleicht, oder von einer Mieze mit dem vielschichtigen Namen Saleena, die "Ihre Energien ausbalancieren, Ihre DNA erwecken und Ihnen Wohlstand bringen" möchte. Natürlich ist bei all diesen Reisen ins Innerste der Seele ein kleines Entgelt für Porto- und sonstige Unkosten angebracht, die dem Guru in einem anderen Leben entstanden sein mögen. Die erstaunlichste Persönlichkeit von allen aber ist sicherlich die "Gründerin und göttliche Leiterin der Hathor-Aszensionsbewegung auf dem Planeten Erde".
Diese Westküstenikone, eine selbsternannte Göttin, die ihren Anhängern als Gabrielle Hathor bekannt ist und laut Werbetext den "Ursprung an sich in menschlicher Gestalt" verkörpert, sagt uns: "Die karmische Rückkopplung gewinnt an Schnelligkeit ... Die Erde ist in einen spirituellen Winter eingetreten, der 426000 Erdenjahre dauern wird." Im Gedanken daran, wie hart ein langer Winter sein kann, hat Miss Hathor eine Bewegung ins Leben gerufen, die den Aufstieg in "höhere Frequenzdimensionen" lehrt, wo man vermutlich mehr an die Luft kommt und ein wenig Golf spielen kann.
"Levitation, spontane Translokation, Allwissenheit, die Kunst, sich zu materialisieren oder zu entmaterialisieren, und so weiter, all das wird Teil unserer normalen Fähigkeiten", trägt der Lockartikel dick auf und erklärt dem arglosen Leser, dass "die Aufgefahrenen von den höheren Frequenzdimensionen aus die niedrigeren im Blick haben, wogegen die Bewohner der niedrigen Frequenzen die höheren nicht wahrzunehmen vermögen".
Dies bekräftigt in glühenden Worten ein gewisser Plejades Mond-Stern - ein Name, den ich mit tiefster Bestürzung zur Kenntnis nähme, wenn ich in letzter Minute erfahren würde, dass mein Neurochirurg oder mein Pilot so heißt. Neuzugänge müssen sich in Miss Hathors Bewegung einer "demütigenden Prozedur" unterziehen, die fester Bestandteil einer Methode zur Auflösung ihres Egos und Steigerung ihrer Frequenz ist. Zahlungen in barer Münze werden nicht gern gesehen, aber für ein bisschen bedingungslose Unterwerfung und produktive Arbeit erhält man ein Bett und eine Schale biologisch angebauter Mungobohnen, je nachdem, ob man gerade das Bewusstsein verliert oder wieder zu sich kommt.
Ich erzähle das alles, weil ich zufällig später am selben Tag, geschlaucht von dem Unvermögen, mich zwischen einer computergesteuerten Entenpresse und der weltbesten tragbaren Guillotine zu entscheiden, beim Verlassen von Hammacher Schlemmer titanicmäßig auf einen alten Eisberg stieß, den ich aus Collegezeiten kannte:
Max Endorphin. Dick und rund auf seine alten Tage, mit Fischaugen und einem zu einer täuschend echten Schmachtlocke aufgeplusterten Toupet, drückte er mir die Hand und fing an, mir vorzuschwärmen, wie gut es ihm in letzter Zeit ergangen sei.
"Was soll ich sagen, Junge, ich hab einen Lauf. Bin mit meinem inneren geistigen Selbst in Kontakt getreten, und seitdem brummt der Laden."
"Kannst du das erläutern?", fragte ich und bemerkte jetzt erst seinen schicken Maßanzug und den gefährlich tumorgroßen Ring an seinem kleinen Finger.
"Eigentlich sollte ich mit jemandem von einer unteren Frequenz wohl nicht quatschen, aber da wir uns schon so lange kennen -"
"Frequenz?"
"Ich rede von Dimensionen. Wir von den oberen Oktaven sind gehalten, keine gesunden Ionen an primitive Sterbliche deines Schlags zu verschwenden - nichts für ungut. Wir studieren und schätzen die niedrigeren Formen durchaus - dank Leeuwenhoek, falls dir das was sagt." Mit dem Beuteinstinkt eines Falken wandte Endorphin plötzlich den Kopf nach einer langbeinigen Blondine in einem Mikrominirock, die Ausschau nach einem Taxi hielt.
"Siehst du die Erscheinung da mit dem unüberbietbaren Schmollmund?", fragte er, und seine Speicheldrüsen schalteten einen Gang höher.
"Bestimmt ein Playmate", japste ich mit allen Anzeichen eines plötzlichen Hitzschlags, "nach der durchsichtigen Bluse zu urteilen."
"Schau", sagte Endorphin, dann holte er tief Luft und hob vom Boden ab. Zu meiner und Miss Julis Verblüffung schwebte er direkt vor Hammacher Schlemmer dreißig Zentimeter über der 57dl Street. Das süße junge Ding kam näher, um zu gucken, wo die Drähte waren.
"He, wie machen Sie das?", säuselte sie.
"So. Hier ist meine Adresse", sagte Endorphin. "Heute Abend nach acht bin ich zu Hause. Kommen Sie vorbei. Ich hole Sie im Nu von den Füßen."
"Ich bringe uns einen Chäteau Petrus mit", gurrte sie, stopfte die Rendezvous-Logistik in die Tiefen ihres Ausschnitts und entfernte sich hüftschwingend, während Endorphin langsam wieder zu Boden sank.
"Was ist denn jetzt los?", sagte ich. "Bist du Houdini?"
"Na ja", seufzte er wohlwollend, "wenn ich mich schon herablasse, quasi mit einer Amöbe zu reden, dann kann ich dir auch gleich alles verklickern. Gehen wir ins Stage Deli und dezimieren ein paar Schnecken, dieweil ich Audienz halte." Dann machte es hörbar Plopp, und Endorphin verschwand. Ich zog die Luft ein und hielt mir die Hand vor den Mund wie eine erschrockene Betschwester. Sekunden später tauchte er zerknirscht wieder auf. "Pardon. Ich hatte vergessen, dass ihr Gründlinge euch nicht entmaterialisieren und an einen anderen Ort versetzen könnt. Mein Fehler. Schieben wir ab." Ich war immer noch dabei, mich zu kneifen, als Endorphin mit seiner Geschichte anfing.
Autorenportrait:
Woody Allen wurde 1935 als Allen Stewart Konigsberg in Brooklyn geboren. Mit fünfzehn verdiente er sein erstes Geld mit Gags, die er für Agenturen schrieb. 1960 startete er seine Karriere als Stand-up-Comedian und sein schüchternes und linkisches Auftrete