Kurzbeschreibung:
Nicht ohne meine Tasche!
Das beste Stück einer Frau ist ihre Handtasche. Das denkt die Designerin Julia Douglas auch noch nach Jahren im Modebiz. Nur einer kann mit ihrem neuen Lieblingsstück konkurrieren: ihr Traummann, der in vier Tagen ihr Ehemann sein wird. Oder auch nicht, denn der Zufall will es, dass in Heathrow ihre streng limitierte Bottega Veneta gegen ein identisches Modell vertauscht wird. Eine andere Frau hat nun ihre Hochzeitsringe, dafür hat sie ein Handy. Sie hat 96 Stunden, ihr bestes Stück wieder aufzutreiben.
Leseprobe:
"Monsieur!" Der Sicherheitsbeamte hatte augenscheinlich genug von Onkel Quinns ausufernden Weisheiten. "Mir persönlich ist es völlig egal, was diese Flasche besagt. Ich kann Ihnen leider nur eines sagen, Mademoiselle", und damit wandte er sich wieder Julia zu, "es tut mir leid, aber ich werde dieses Parfum entsorgen müssen."
"Kein Problem", sagte Julia gelassen. "Die Flasche ist ohnehin schon halbleer. Nächstes Mal packe ich alles in den Koffer." Ein Schauer lief ihr über den Rücken, als sie daran dachte, dass sie das nächste Mal, wenn sie ein Flugzeug bestieg, Mrs Julia Landini sein würde. Na, wenn das nicht ein Chanel N°19-kompatibler Name war!
"Was meinst du", setzte Onkel Quinn erneut an, "wenn wir das Parfum nicht mitnehmen können, warum benutzen wir es nicht, hm?"
"Was, die halbe Flasche?" Julia warf dem Beamten einen flehentlichen Blick zu.
"Ja, warum nicht?" Quinn trat vom Gepäckband zurück und wandte sich an die wartenden Menschen hinter ihnen. "Guten Tag! Hello there! Bonjour, tout le monde! Wem darf ich einen kleinen Spritzer Chanel N°19 anbieten, um die Reise ein wenig zu versüßen?" Er streckte die Hand nach der Flasche aus, die der Beamte immer noch fest umschlossen hielt. "Kommen Sie schon, geben Sie her, die haben wir in null Komma nichts verbraucht." Dann sprach er erneut die anderen Passagiere an. "Dieses Angebot sollte übrigens nur für diejenigen von Ihnen gelten, die bereits ein gewisses Alter erreicht haben. Sie wissen ja, was man über N°19 sagt. Hätten wir es hier mit N°5 zu tun, würde ich ja jedem einen kleinen Spritzer abgeben, aber ..." Doch Onkel Quinn hatte sein Publikum falsch eingeschätzt. Seine Rede wurde lediglich mit versteinerten Mienen, verächtlichem Gemurmel und unruhigem Fußscharren quittiert.
"Monsieur, wenn wir uns von wildfremden Menschen mit Parfum besprühen lassen wollen, gehen wir in die Galeries Lafayette. Würden Sie nun bitte so freundlich sein, uns nicht länger aufzuhalten?", bemerkte scharf eine blasse Rothaarige mit hochgeschobener Sonnenbrille.
Doch dann trat eine elegante Pariserin von ungefähr siebzig aus der Schlange hervor und sagte: "Ich nehme sehr gern einen Tropfen. Es wäre doch eine wahre Schande, auch nur einen Spritzer Chanel zu verschwenden."
"Madame, ich verneige mich ehrfürchtig vor Ihrer Weisheit!", erwiderte Onkel Quinn und machte eine ausladende Geste. Julia wusste nur zu gut, wie sehr ihm ältere, exzentrische Damen wie diese gefielen.
In dem Moment schossen weitere Hände in die Höhe und die Flasche wurde in der Menge weitergereicht.
"Monsieur!" Der Tonfall des Beamten war nun noch forscher geworden. "Bitte gehen Sie durch die Schranke bis zum Ende des Gepäckbandes und nehmen Sie Ihr Handgepäck entgegen. Danke."
Julia fragte sich, ob die Sicherheitsbeamten am Ende ihrer Schicht gemeinsam den Inhalt der großen Plastikbox durchwühlten und die Beute unter sich aufteilten.
"Onkel Quinn, du bist wirklich unmöglich!", sagte sie und lächelte ihn an. "Aber ich hab dich sehr gern."
Endlich war Julia an der Reihe und konnte ihre kostbare, hellbraune Bottega-Veneta-Handtasche auf dem Gepäckband abstellen - Lorenzo, ihr wunderbarer Verlobter, hatte sie erst zwei Wochen zuvor mit diesem Prachtstück überrascht. Nun sah sie dabei zu, wie sie im Schlund des Durchleuchtungsschachts verschwand. Wie sehr sie diese Tasche doch liebte! Sie stammte aus der allerneuesten Kollektion und war ein limitiertes Luxusexemplar. Typisch Lorenzo, ihr so ein außergewöhnliches Geschenk zu machen. Sie hatte das Gefühl, die glücklichste Frau auf der Welt zu sein. Ihr neues Leben als Taschendesignerin in Paris war meilenweit von ihrem alten Leben entfernt. Und dennoch konnte sie es nicht abwarten, in ihre regnerische Heimat Schottland zurückzukehren, um die wichtigste Entscheidung ihres Lebens zu feiern - ihre Hochzeit mit Lorenzo. Nichts konnte heute ihre gute Laune trüben.
Doch als sie langsam durch die Schranke ging, sank ihre Stimmung gleich wieder. Auf der anderen Seite winkte ihr bereits eine breit gebaute, uniformierte Frau mit einem Handmetalldetektor zu.
"Mademoiselle, s'il vous plait?"
Onkel Quinn, der die Kontrolle bereits passiert hatte, verdrehte die Augen, als er sah, dass man Julia für eine genauere Inspektion aus der Menge gefischt hatte. "Ich gehe schon mal vor, Schätzchen. Wir treffen uns im Duty-free-Shop, okay? Wenn sie dich überhaupt gehen lassen ..."
Er hielt inne und schlug sich in gespieltem Entsetzen die Hand vor den Mund. Das hätte ihrem Onkel ähnlich gesehen, öffentlich darüber zu scherzen, dass sie ihre Hochzeit verpassen würde, weil man sie am Flughafen als Terrorverdächtige festhielt. Während die Sicherheitsbeamtin sie aufforderte, die Arme auszubreiten und die Beine zu spreizen, warf Julia ihm einen warnenden Blick zu. Gott sei Dank hielt er daraufhin den Mund. Die Aussicht darauf, den Tag, der eigentlich ihr Hochzeitstag hätte sein sollen, in einer Gefängniszelle zu verbringen, erschien ihr alles andere als verlockend. Seufzend sah sie ihrem Onkel nach, wie er im Duty-free-Laden verschwand.
Für einundsechzig sah Onkel Quinn noch ziemlich gut aus, dachte Julia und versuchte krampfhaft, den Metalldetektor zu ignorieren, der an ihren Schenkeln auf- und abfuhr. Onkel Quinn trug sein typisches Reisoutfit - ein leichtes Safarihemd und handgeschneiderte Khakihosen, in der Hand seine schwarze Ledertasche von Prada, seine ständige Begleiterin. Er hatte die Aura eines Mannes, der vollständig mit sich im Reinen war - ein gut aussehender, selbstbewusster schwuler Mann, der Paris zu seiner Wahlheimat gemacht hatte.
"Vielen Dank!" Julia war sich nicht ganz sicher, warum sie der Frau für die ausführliche Sicherheitsinspektion dankte - vielleicht einfach nur, um etwas vorhochzeitliche gute Laune zu verbreiten. Dann drehte sie sich noch einmal um, dankte auch dem Mann an der Gepäckdurchleuchtung, der ihr Parfüm hatte entsorgen wollen, und war schließlich und endlich wieder vereint mit ihrem ganzen Stolz, ihrer Botte-ga-Veneta-Handtasche. Sie ließ den Riemen ihres Schmuckstücks über ihre Schulter gleiten und strich sanft über das butterweiche Leder. Der zarte, einzigartige Duft dieser feinen Haut war, dessen war sie absolut sicher, großartiger, als irgendetwas, das Chanel jemals in einen Parfümflakon hätte füllen können. Mit einem Mal hatte sie das Gefühl, wieder ganz bei sich zu sein. Ihre Reise, ihre Hochzeit, ihre Zukunft - alles niet- und nagelfest!
Julia konnte sich in Flugzeugen nie so recht entspannen, bis die Anschnallzeichen erloschen waren. Onkel Quinn seinerseits genoss jede Minute eines Fluges.
Autorenportrait:
Lucy Hepburn kann nie an einem Schuhladen vorbeigehen, ohne wenigstens einen kurzen Blick hineinzuwerfen. Sie schrieb unterhaltsame Kurzgeschichten, um ihre Freunde bei der Arbeit zu amüsieren, bevor sie sich entschied, dass es an der Zeit war, sie stattd