Wie Mut, Liebe und Hoffnung ein schweres Schicksal lindern können
In nur einem Augenblick ändert sich für Catherine und Hasso von Bredow die ganze Welt: Nach einem Schlaganfall leidet der 42-jährige Vater dreier Kinder am Locked-in-Syndrom. Bei vollem Bewusstsein, aber aufgrund der körperlichen Lähmung unfähig, sich durch Worte, Gestik oder Mimik verständlich zu machen, ist Hasso Gefangener im eigenen Körper. Einzig das Zwinkern mit dem rechten Augenlid ermöglicht ihm den Kontakt zu seiner Außenwelt.
Mittels eines speziellen Lidschlag-Alphabets diktiert Hasso seiner Ehefrau seine Empfindungen und Eindrücke vom Moment des Schlaganfalls an, aber auch die Erinnerungen an seine Familie und die Zeit, als er Catherine kennengelernt hatte und mit ihr nach England gezogen ist. Catherine ergänzt diese um ihre eigenen Tagebuch-Einträge. Die Biografie beeindruckt durch Hassos ungebrochene (Über)Lebensenergie und die Liebe und Warmherzigkeit, die seine und Catherines Texte transportieren. "In einem Augenblick" zeigt, wie man schwierigen und aussichtslosen Lebensphasen etwas Positives abgewinnen kann
Ich war 24 Jahre alt, als ich dem jungen Mann, der mein Leben für immer verändern sollte, zum ersten Mal begegnete. Hochgewachsen, gut aussehend und mit einem natürlichen, unkomplizierten Charme gesegnet, glich er niemandem, den ich vorher oder nachher kennengelernt habe.
Hasso hätte sich selbst nie für jemand Besonderen gehalten. Aber jeder, der ihn kannte, hätte da widersprochen. Er wurde 1958 in Hannover in eine traditionsreiche deutsche Familie geboren, die ihm Integrität, ein starkes Selbstbewusstsein und Mut in widrigen Umständen auf den Weg gab. Hassos Erbe war es, schon von klein auf, nichts zu erwarten, aber immer alles zu geben.
Mir erschien er als unwiderstehliche Verbindung scheinbarer Widersprüche. Trotz einer manchmal durchscheinenden strengen Disziplin war Hasso warmherzig, großzügig und vor allem lustig. Er lachte gern und mochte es, andere zum Lachen zu bringen. Mit seinen tadellosen Manieren und seiner noblen Haltung wirkte er wie ein Gentleman alter Schule, was ihn von anderen unterschied und manchmal über seine entspannte, lustige Persönlichkeit hinwegtäuschte. Er hörte gern Rockmusik und Heavy Metal, begrüßte aber Damen, denen er vorgestellt wurde, mit Handkuss. Er trug Jeans und Leder, fühlte sich aber auch in einem traditionellen grünen Janker oder einem maßgeschneiderten Anzug wohl. Er hatte kein Geld, zeigte aber stets Bewusstsein für Geschichte und Ehre.
Er arbeitete am liebsten im Garten und ging mit den Kindern im Wald spazieren, mochte aber ebenso verräucherte Kneipen und nächtelange Saufereien mit Freunden. Hasso widmete sich all diesen einander widersprechenden Dingen mit gleicher Begeisterung und echter Freude und ohne irgendeinen Widerspruch darin zu sehen.
Als ich ihn im September 1982 in Deutschland traf, war er eine ansteckende Mischung aus Begeisterung und Idealismus. Wenige Stunden genügten, um mich zu überzeugen, dass ich ohne ihn nicht mehr leben konnte. Es war ein unglaublicher Augenblick. Noch am selben Tag sagte er mir, dass er sich entschlossen habe, den Rest seines Lebens mit mir zu verbringen. Er wirkte ruhig und war sich völlig sicher. »Es ist alles ganz klar«, sagte er. Und das war es auch. Er schwankte nie in seinen Entschlüssen und blieb immer standfest.
Der l. Mai 2000 zog herauf wie jeder andere Tag auch. Ich wusste nicht, dass er der letzte Tag unseres gewohnten Lebens sein würde. Als der Tag zu Ende ging, hatte Hasso mit nur 42 Jahren einen seltenen und schweren Schlaganfall im Stammhirn erlitten. Ohne fortschrittliche Lebenserhaltungstechnik wäre er sicher daran gestorben. Es hatte keine Anzeichen gegeben, keine Vorwarnung. Die Aussichten waren düster. Er war vollständig gelähmt und wurde künstlich beatmet. Außer seinen Augenlidern, die er noch öffnen und schließen konnte, gehorchte nichts in seinem Körper mehr dem Gehirn. Dieser lebendige, lustige, charmante Mensch war jetzt unbeweglich und inkontinent, konnte weder sprechen noch essen, trinken oder richtig atmen.
Und als ob das nicht schlimm genug wäre, blieben sein Bewusstsein, seine Sinne und die Klarheit der Wahrnehmung völlig intakt. Eingeschlossen im Grab seines ansonsten gesunden Körpers war er sich seiner Lage voll bewusst und erlebte das Grauen in aller
Deutlichkeit mit. Der medizinische Begriff dafür ist »Locked-in-Syndrom«. Er war praktisch lebendig begraben.
Die Folgen waren verheerend. Die »Nacht seiner Seele« war lang und dunkel. In den folgenden vier Jahren legte er einen spirituellen und emotionalen Weg zurück, den weder er noch jemand anderer für möglich gehalten hätte.
Erst an ein Krankenhausbett und danach an den Rollstuhl gefesselt, auf ständige Pflege angewiesen, sah sich Hasso einem Leben gegenüber, das sich so stark von seinem bisherigen unterschied, wie man es sich überhaupt nur vorstellen konnte. Nach fast einem Jahr im Krankenhaus, in dem sich sein Zustand nicht nennenswert verbessert hatte, schafften wir es schließlich gegen alle Widerstände, ihn zu uns nach Hause zu holen.
Für mich war Hassos Schlaganfall ein unerwarteter und schwerer Schicksalsschlag gewesen. Während er darum kämpfte, sich unter den Bedingungen seiner neuen Existenz selbst zu definieren, fand ich mich trotz meines intensiven Bedürfnisses, ihm zu helfen, damit konfrontiert, dass ich absolut nichts tun konnte, um sein Leiden zu erleichtern. Diese Tatsache stand von Beginn an fest: Nichts, was ich tun konnte, würde etwas bewirken. Alle meine Bemühungen verblassten vor der Schwere seiner Behinderung. Es gab überhaupt keine Möglichkeit für mich, etwas daran zu ändern, und der Mann, der für mich die Welt bedeutete, saß hinter den undurchdringlichen Mauern dieses Gefängnisses fest.
Unvermeidlicherweise hinterließen dieses erste Jahr und der Kampf um einen Weg nach vorn eine unauslöschliche Spur in ihm. Obwohl er die Sprache noch immer nicht wiedergefunden hatte, brannte er vor Begierde, sich mit seiner Welt, seiner Familie und seinen Freunden in Verbindung zu setzen, und spürte einen wachsenden Drang, seine Erfahrungen zu erzählen. Er wollte die Furchtbarkeit dessen schildern, was ihm passiert war, und einer breiteren Öffentlichkeit berichten, was es heißt, »locked in«, gefangen, zu sein. Während der langen Tage und Nächte im Krankenhaus hatte er das Konzept für sein Buch im Kopf geplant und strukturiert und Einzelheiten und Erinnerungen für die Zeit gespeichert, wenn er sie in den ersten Entwurf eines Texts verwandeln konnte.
Er fing mit dem für ihn typischen Schwung an. Eines Abends, nur wenige Tage nach seiner Heimkehr und zu meinem Erstaunen, buchstabierte er mir durch Öffnen und Schließen der Augenlider eine ganze Reihe von Wörtern. Obwohl ich daran gewöhnt war, dass er so seine Bedürfnisse und Gedanken ausdrückte, war ich zuerst verunsichert, weil sie scheinbar nichts mit der Situation zu tun hatten. Binnen Kurzem merkte ich allerdings, was er tat: Das, so erkannte ich plötzlich, war der Anfang seiner Geschichte, eines Buchs. Es sollte sein Weg aus dem Kreis der Stille werden. Sein Körper war zum Gefängnis geworden, aber sein Gehirn war intakt und sein Geist ungebrochen. Innerlich war er, obwohl schwer getroffen, immer noch derselbe Mensch und jetzt entschlossen, das mit seinem Buch zu beweisen. Es war seine Art, die Stimme wiederzugewinnen, die ihm genommen worden war.
Die Technologie wurde zu seinem Verbündeten an dieser Front.