Ein unerträglich heißer Sonntag in Palermo: In einer engen Gasse fahren zwei Frauen aufeinander zu. Die alte, vor vielen Jahren aus Albanien geflohene Samira und die junge, schöne Wahl-Mailänderin Rosa. Keine der beiden will weichen, und so bleiben sie einfach in ihren Autos sitzen - einen Tag und eine Nacht - und provozieren einen Konflikt, in den sich bald lautstark die gesamte Anwohnerschaft einmischt. Wetten werden abgeschlossen, Parteien gebildet und Strohmänner gekauft. Doch die Farce wird zur Tragödie: Den nächsten Morgen wird eine der beiden Frauen nicht mehr erleben.
"Der letzte Sonntag im Monat
Die Familie trifft geschlossen an der alten Thunfischfabrik "Tonnara Florio" ein. Um neun, spätestens halb zehn Uhr vormittags stürzt sie an den Strand, um den besten Platz zu ergattern. Niemand zieht die Schuhe aus, alle versinken mit den Füßen im Sand und driften zur selben Seite hin ab. Besonders die dicken alten Frauen peilen mit irrem Blick die Lage und schreien, sobald sie den zu okkupierenden Platz ausgemacht haben, aus voller Kehle zu groß und klein: "Schnell, besetzen! Den Platz da! Beeil dich, sonst schnappt ihn jemand weg!"
Die Aufgaben sind genau verteilt: Der Vater trägt in seinen muskulösen Armen die zehn Kilo Alustangen für das Gerüst des Pavillons; der Großvater plagt sich mit den dazugehörigen Dachplanen und einem Haufen Plastikzeug zum Aufblasen; die Cousins schleppen den Grill, die Holzkohle und ein kleines Igluzelt, in dem, hat man sich erst mal am Strand niedergelassen, das Essen aufbewahrt wird; die Kinder, meist zwei oder drei pro Familie, schleifen jedes einen Klappstuhl hinter sich her; die Halbwüchsigen nebst Freund oder Freundin sind für die übrigen Stühle und den Ghettoblaster zuständig; in Mutters Armen türmen sich
Tüten mit überbackener Pasta und drei Kilo Schweinefleisch in Form von Würsten, Spareribs und Steaks; die Tanten können es gar nicht erwarten, Tischchen, Geschirr und vier Kilo Brot loszuwerden; der dünne Onkel hat eine Kühlbox mit Eiswürfeln geschultert, die Forst-Bier, Cola und Mineralwasser kalt hält.
Der anvisierte Strandabschnitt muss mindestens sechzig Quadratmeter messen und darf nicht zu nah am Wasser liegen, außerdem soll möglichst ein Lüftchen wehen. Kaum ist er in Beschlag genommen, wird illegal gebaut: der Sechs-mal-sechs-Meter-Pavillon, der als Esszimmer dient, und das nicht viel kleinere Igluzelt, in dem die Frauen die Vorräte aufbewahren.
Der Vater überwacht als tüchtiger Bauleiter die Arbeiten und lässt sich nach vollbrachtem Werk auf dem bequemsten Stuhl nieder, von dem er für den Rest des Tages nicht mehr aufsteht. Tisch und Essen kommen zu ihm, magnetisch angezogen von dem enormen Wanst, den er seit Jahren hingebungsvoll päppelt. Das Startsignal für das Strandleben ist also der auf dem Stuhl sitzende Vater. Sofort geht es drunter und drüber: Die größeren Kinder drehen den Ghettoblaster voll auf; die Kleinen rennen ins Wasser, tauchen, prusten und schmeißen sich Sand in die Augen; die Cousins blasen Luftmatratzen, Schwimmflügel, Reifen, Wasserbälle und Planschbecken auf; die Mädchen schmieren sich den Körper mit Sonnencreme, das Gesicht mit Feuchtigkeitscreme und die Haare mit ätherischen Ölen ein; der Großvater legt eine Patience; die Mutter und die Tanten werden nicht müde, schreiend und gestikulierend die Kleinen zurechtzuweisen; der dünne Onkel trinkt um halb zehn sein erstes Forst und hat um viertel vor zehn schon drei Flaschen intus. Der Vater sieht zu und lässt alle gewähren. Er genießt die Familie. Mit jener Strenge, die dazu dient, gegenüber der Nachkommenschaft Distanz zu wahren und jede Form von Zuneigung und weibischem Getue zu unterdrücken: Natürlich sind sie sein eigen Fleisch und Blut, aber das darf nicht auffallen, nicht ins Auge stechen. Er ist ein echter Kerl, der Vater, grob und sentimental zugleich. Er badet nie, und alle, die älter sind als er, folgen seinem Beispiel. Nach einem ungeschriebenen Gesetz überwachen die Männer das Territorium, ohne es jemals zu verlassen.
Wenn schließlich jeder mit seiner Beschäftigung vertraut ist, machen sich die Frauen an die Arbeit, damit man möglichst bald an das eigentliche Ziel des Tages gelangt: essen.
Nahtlos reiht sich ein Pavillon an den anderen, und über fünf Kilometer Strand verbringt ein ganzes Volk dicht gedrängt einen gelungenen Sonntag am Meer.
Der überfüllte Strand grenzt an den kleinen Hafen der Tonnara, wo man gern im Schlammwasser mit den öligen Spuren der Motorboote, Schlauchboote, Fischerkähne u
" Mitternacht in Palermo das ist das absurde Duell zweier Frauen in ihren Autos." Emma Dante
Ein unerträglich heißer Sonntag in Palermo: In einer engen Gasse fahren zwei Frauen aufeinander zu. Die alte, vor vielen Jahren aus Albanien geflohene Samira und die junge, schöne Wahl-Mailänderin Rosa. Keine der beiden will weichen, und so bleiben sie einfach in ihren Autos sitzen einen Tag und eine Nacht und provozieren einen Konflikt, in den sich bald lautstark die gesamte Anwohnerschaft einmischt. Wetten werden abgeschlossen, Parteien gebildet und Strohmänner gekauft. Doch die Farce wird zur Tragödie: Den nächsten Morgen wird eine der beiden Frauen nicht mehr erleben.
Von einer der renommiertesten Theaterautorinnen Italiens.
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