Kurzbeschreibung:
Zweiundzwanzigmal Hochspannung
Schottland kann mörderisch sein. Und keiner schreibt fesselnder darüber als der Meister der britischen Spannungsliteratur. Ob ein korrupter Polizist sein Unwesen treibt, ein Kidnapper oder ein Serienmörder, ob das Unheil auf einem Rummelplatz lauert oder in den dunklen Gassen von Edinburgh, stets wartet auf den Leser brillante Spannungsunterhaltung - authentisch, packend, perfekt.
Alle Geschichten, davon acht mit Inspector Rebus, in deutscher Erstveröffentlichung.
Rezension:
Alex Dengler, Deutschlands führender Buchkritiker, denglers-buchkritik.de, 15.03.10
Ian Rankin schwärmt im Vorwort von Kurzgeschichten. Er dachte gar, dass er vom Schreiben von Kurzgeschichten leben kann. Gut, dass er zu einer Einsicht gekommen ist, sonst wäre er nun ein Bettler in Edinburgh. Er hat sich aber Großem zugewandt und seine geniale John-Rebus-Reihe geschrieben. Die hat auch sein Bankkonto ordentlich gefüllt. Denn die 22 Kurzgeschichten in diesem Buch beweisen, dass auch ein angesehener Bestsellerautor einen Griff ins Klo landen kann. Außer fünf, sechs Geschichten, die einiges an Spannung bieten, ist der Rest wie ein gähnend langweiliger Museumsbesuch in einem schottischen Schloss. Diesen kann man sich getrost schenken.
Leseprobe:
Schuld war die Patience.
Die Patience, der Zufall oder das Schicksal. Jedenfalls kam Grace Gallagher an dem Morgen runter ins Parterre und setzte sich mit einer Tasse starkem braunem Tee (im Kühlschrank war gerade noch genug Milch für eine weitere Tasse) an den Tisch, als ihr Blick auf das Spiel Karten fiel. Sie füllte ihre Lungen mit Zigarettenrauch und spürte, wie ihr Herz davon schneller schlug. Diese Zigarette genoss sie. George erlaubte ihr nicht, in seiner Gegenwart zu rauchen, und in seiner Gegenwart befand sie sich den größten Teil des Tages, tagein, tagaus. Der Rauch störe ihn, sagte er. Er verkleistere ihm die Zunge, sodass alles einen komischen Geschmack bekomme. Er reize seine Nasenschleimhaut, und er müsse davon niesen und husten. Und schwindlig werde ihm davon auch. George hätte es zum Ehrenvorsitzenden des Welthypochonderverbands bringen können.
Also wurde das Haus, sobald George aufstand, zur Nichtraucherzone. Was genau der Grund war, warum Grace dieses Momentchen allein so liebte, ein Momentchen, das von Viertel nach sieben bis Viertel vor acht dauerte. Während der vierzig Jahre ihrer Ehe hatte es Grace immer geschafft, dreißig freie Minuten vor ihrem Mann aufzuwachen. Dann saß sie am Tisch mit einer Zigarette und Tee, bis seine Füße die Diele auf seiner Seite des Bettes zum Knarren brachten. Diese Diele knarrte seit dem Tag, an dem sie, vor mehr als dreißig Jahren, in Gillan Drive 26 eingezogen waren.
George hatte versprochen, er würde "das schon machen"; mittlerweile war er nicht mal mehr in der Lage, sich Tee und Toast zu machen.
Grace rauchte die Zigarette zu Ende und starrte das Kartenspiel an. Am Abend zuvor hatten sie Whist und Romme gespielt - um Geld, einen Penny pro Spiel. Und sie hatte wie üblich verloren. George hasste es zu verlieren und war imstande, nach einer Niederlage den ganzen folgenden Tag zu schmollen. Um sich das Leben ein bisschen zu erleichtern, ließ Grace ihn also inzwischen immer gewinnen - warf bewusst nützliche Karten ab, verplemperte ihre Trümpfe. Manchmal bemerkte es George und lachte sie wegen ihrer Dummheit aus. Meistens aber klatschte er nach einem weiteren Sieg lediglich in die Hände und raffte dann mit seinen dicken Fingern die Einsätze zusammen.
Ohne nachzudenken, packte Grace jetzt das Kartenspiel aus, mischte und legte die Karten zu einer Patience aus, die sie mühelos gewann. Sie mischte wieder, spielte wieder, gewann wieder. Das schien ihr Morgen zu sein. Sie versuchte ein drittes Mal ihr Glück, und wieder kamen die Karten richtig, bis vier ordentliche Häufchen da lagen, Schwarz auf Rot auf Schwarz auf Rot, vom König bis hinunter zum Ass. Sie war gerade beim vierten Spiel und zuversichtlich, dass es ebenfalls aufgehen würde, als die Diele knarrte, ihr Name gerufen wurde, und ihr Tag - ihr wirklicher Tag - begann. Sie machte Tee (das war das Ende der Milch) und Toast und brachte beides George ans Bett. Er war im Bad gewesen und dann wieder unter die Decke geschlüpft.
"Bein macht mir heut zu schaffen", sagte er. Grace hatte keine neue Erwiderung auf diese Mitteilung parat und schwieg. Sie stellte das Tablett aufs Bett und zog die Vorhänge auf. Im Zimmer war es stickig, aber offene Fenster duldete er nicht mal im Sommer, wegen der Luftverschmutzung, dem sauren Regen, den Autoabgasen. Die ruinierten ihm die Lunge, sodass er keuchen musste, keine Luft bekam. Grace schaute nach draußen. Auf der anderen Straßenseite schienen die Häuser, die aussahen wie ihres, bereits unter der Gewöhnlichkeit des Tages zu erschlaffen. Doch trotz allem, trotz des sauren Geruchs im Zimmer, des schweren Atems ihres unrasierten Mannes, der Geräusche, mit denen er seinen Tee schlürfte, der grauen Hitze des Morgens, spürte Grace in ihrem Inneren etwas Außergewöhnliches. Waren ihre Patiencen nicht aufgegangen? Immer und immer wieder aufgegangen? Vor ihr schienen sich Pfade aufzutun.
"Ich geh deine Zeitung holen", sagte sie.
George Gallagher studierte gern das Rennprogramm. Er brütete über der Zeitung, feixte verächtlich über die Renntipps und stellte sich einen "Super-Yankee" zusammen - fünf Pferde, die, sollten sie alle siegreich durchs Ziel kommen, ihnen ein Vermögen einbringen würden. Grace lief dann mit seinem Wettschein zum Buchmacher auf der High Street, zahlte den Wetteinsatz ein - weniger als ein Pfund fünfzig pro Tag - und ging dann wieder nach Hause, um sich im Radio anzuhören, wie ein Gaul nach dem anderen seine Pflicht nicht erfüllte, während die von den tipsters empfohlenen Pferde anständige Quoten brachten. Doch George verfügte nach eigenen Angaben über "Insiderwissen", und außerdem waren die tipsters Gauner, durch die Bank, oder etwa nicht? Denen konnte man nicht vertrauen. Grace war eine gottverdammte Idiotin, wenn sie sich einbildete, dass man das könnte. Oft lief eins der Pferde, die George sich ausgeguckt hatte, als Zweiter oder Dritter durchs Ziel, aber trotz all ihrer Bemühungen weigerte er sich, auf Platz zu wetten. Alles oder nichts, das war seine Devise. "Bei solchen Wetten gewinnt man nie richtig." Grace lächelte sarkastisch: Wir gewinnen überhaupt nie.
Manchmal fragte sich George, warum seine Frau so lange brauchte, um die Zeitung zu holen. Schließlich waren es bis zum Laden um die Ecke höchstens zehn Minuten, und trotzdem blieb Grace fast eine Stunde weg. Aber sie war nie um eine Erklärung verlegen - sie hatte eine Nachbarin getroffen, ein bisschen getratscht, im Geschäft lange anstehen müssen, oder die Zeitung war noch nicht geliefert worden und sie hatte zum Zeitungshändler weiter die Straße runter laufen müssen ...
In Wirklichkeit ging Grace mit der Zeitung immer in den Lossie Park, wo sie sich, wenn das Wetter mitspielte, auf eine Bank setzte, einen Kugelschreiber (Werbegeschenk einer Frauenzeitschrift, Mine seitdem zweimal ausgetauscht) aus der Handtasche holte und sich am täglichen Kreuzworträtsel versuchte. Anfangs hatte sie nur das einfache, mit den klaren Definitionen, ausgefüllt, aber im Lauf der Jahre war sie selbstsicherer geworden, und jetzt machte sie immer nur das "Kryptische" und wurde damit auch oft fertig; aber wenn ihr ab und zu eine oder zwei Antworten fehlten, grübelte sie den ganzen Tag über die Definitionen nach.
Autorenportrait:
Ian Rankin, geboren 1960, ist Großbritanniens führender Krimiautor, seine Romane sind aus den internationalen Bestsellerlisten nicht mehr wegzudenken. Ian Rankin wurde unter anderem mit dem Gold Dagger für "Das Souvenir des Mörders”, dem Edgar Allan Poe Award für „Tore der Finsternis" und dem Deutschen Krimipreis für „Die Kinder des Todes” ausgezeichnet. „So soll er sterben” und „Im Namen der Toten” erhielten jeweils als bester Spannungsroman des Jahres den renommierten British Book Award.
Mit „Ein Rest von Schuld” hatte Ian Rankin seinen Ermittler John Rebus nach 17 Fällen in den wohlverdienten Ruhestand geschickt - und lässt jetzt Inspector Malcolm Fox die Bühne betreten, der in „Ein reines Gewissen” seinen ersten Fall zu lösen hat.
Ian Rankin lebt mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen in Edinburgh.