Leseprobe:
Vorwort
Ich hatte mich nie besonders für Arnold Schwarzenegger interessiert. Ich war nie ein Fan seiner Filme gewesen, die meisten hatte ich mir gar nicht angeschaut. Ich war auch nie begeistert von großen Autos oder Panzern, mit Kriegsspielzeug hatte ich als Junge nicht gespielt. Meine Eltern hatten mich auf eine Waldorfschule geschickt. Die Welt, in der ich lebte, und die Welt von Arnold Schwarzenegger lagen so weit auseinander wie nur möglich.
Es war reiner Zufall, der mich dazu brachte, mich mit ihm zu beschäftigen. Ich war damals USA-Korrespondent der »Süddeutschen Zeitung«, und Schwarzenegger, der Bodybuilder und Filmstar, wollte Gouverneur von Kalifornien werden. Das war natürlich eine Geschichte. Also beschloss ich eine Reportage zu schreiben. Und flog nach Los Angeles.
Ich bereitete mich vor, wie man das tut, wenn man über einen Menschen wenig weiß: Ich las alles, was zu der Zeit über ihn geschrieben wurde, in der »Washington Post«, in »Time« und in »Newsweek«, aber ich stieß auch auf Magazine, die ich vorher nicht kannte, die »Cigar Aficionado« etwa, eine Zigarrenliebhaber-Zeitschrift für den gepflegten Mann, die voll von Werbung für riesige Uhren und dicke Autos ist. In der »Cigar Aficionado« stand, dass einmal im Monat ein Zigarrenabend stattfindet, im »Schatzi on Main« in Santa Monica, einem österreichischen Restaurant, wo man importiertes »Gösser«-Bier aus der Steiermark trinken kann, und ich las auch, dass Schwarzenegger da ist, jeden ersten Donnerstag im Monat.
Mit Schwarzenegger ist es wie mit dem Weißen Haus in Washington: Wenn man ihn das erste Mal sieht, ist man überrascht, dass er nicht größer ist. Er misst 1,84 Meter, aber weil er so breit ist, so massig, sehen diese 1,84 Meter kleiner aus als bei einem normalen Menschen.
Als er an jenem Abend Anfang August das »Schatzi« betrat, das mehr an ein Strandcafé auf Mallorca erinnert als an ein Heurigen-Beisl in Österreich, verschwand er fast hinter der Wand, die seine Freunde um ihn bildeten. Trotzdem war er unverkennbar. Er trug ein weißes Hemd, er war perfekt frisiert, seine Haare leuchteten wie Kupfer; sie sind gefärbt, schon ein halbes Leben lang. Auch an jenem Abend trat er auf wie am Filmset, wie immer, denn er ist nie wirklich abgeschminkt, so als spiele er sich unablässig selbst, in Filmen wie im richtigen Leben. Der Supermacho, den nie etwas trifft.
Sein Alltag ist, das erfuhr ich später, voller Routinen. Vieles geschieht aus Gewohnheit, sein Leben ist eine Aneinanderreihung von Szenen, die er immer wiederholt.
Aber an diesem Abend war alles anders. Er nahm Platz an dem Tisch, den die Bedienung nur den »Großen« nennt. Er und seine Freunde. Man kam nun nicht mehr an ihn heran, das war aussichtslos, ich beobachtete ihn aus der Ferne. Schwarzenegger aß an jenem Abend wie immer ein Dreigängemenü und rauchte wie immer »Montecristo Nr. 2«, seine Lieblingszigarre. Um den Tisch herum warteten seine Fans, meistens Frauen, und als er aufstand, lief ihm eine Wasserstoffblondine vom Nebentisch entgegen und hielt ihn fest, als hätte sie Angst, die Party sei schon vorüber. Aus der Menge rief einer: »Herr Gouverneur!« Es klang verrückt. Damals.
Je länger ich mich mit Schwarzenegger beschäftigte, desto mehr zog er mich in seinen Bann, sein Lebenslauf, der unwahrscheinliche Erfolg, es von einem Dorf in der Steiermark an die Spitze des bevölkerungsreichsten Bundesstaates der Vereinigten Staaten geschafft zu haben. Sein Leben faszinierte mich, weil es nach einem einzigen Jungenstreich klingt.
Im Juli 2003 war das Männermagazin »Esquire« erstmals mit Arnold Schwarzenegger als Titelheld erschienen. Er steckte in einem dunkelblauen Anzug, trug eine rot-weiß gestreifte Krawatte und streckte dabei den Zeigefinger nach vorne, in einer Art »I-want-you«-Pose aus der Onkel-Sam-Werbung der US-Armee für den Ersten Weltkrieg, nur dass Schwarzenegger dabei ungewohnt brav, ungewohnt jung aussah und wahnsinnig breit grinste. Als wäre die gesamte Aufmachung nur ein Witz, genau wie die Titelzeile, die lautete: »Arnold. Der nächste Gouverneur von Kalifornien. Wirklich.«
An das Bild sollte ich noch oft denken. Es war so amerikanisch. Es verkörperte alles, was in Amerika möglich ist und in Deutschland nicht. Und gleichzeitig war er doch einer von uns, ein Sohn des alten Europa, der es in der neuen Welt geschafft hat, wie es sich so viele wünschen.
Als er tatsächlich Gouverneur wurde, war der Spott groß, und am größten war er in Deutschland. Wie kann einer wie Schwarzenegger Gouverneur von Kalifornien werden? Es bestätigte alle Vorurteile, die man hierzulande über Amerika pflegt, jenes große, protzige Land, ignorant, in weiten Teilen blöd, geistig verarmt im Massenkonsum. Diese Reaktion sagt aber auch viel über Deutschland aus: darüber, was hier fehlt, an gesellschaftlicher Offenheit, an Möglichkeiten, vielleicht auch an Irrsinn. In Deutschland jedenfalls hätte Schwarzenegger keine Chance gehabt.
Am Ende war es wohl das, was mich dazu brachte, mich intensiver mit ihm zu beschäftigen. Ich wollte wissen: Was für ein Mensch ist dieser Mann wirklich, was hat ihn zu dem Menschen gemacht, der er ist? Er gilt als eine Berühmtheit, die jeder kennt. Doch wer kennt ihn schon wirklich?
Abgeschirmt durch seine Freunde und Bodyguards, war er an jenem ersten Abend im »Schatzi« scheinbar so nah und zugleich unerreichbar. Würde ich den Wall durchbrechen können, den er um sich gebaut hatte? Es gibt bei jedem System Zugänge, man muss sie nur finden. Man muss so viele Leute wie möglich treffen, um zu wissen, wie man hineingelangt und wer einem die Tür öffnen kann. Mir war klar, dass ich ihn nur dann verstehen würde, wenn ich seine Welt kennenlernte.
Ich telefonierte, führte unzählige Gespräche. Ich traf mich mit Menschen, die ihn kennen. Einer der ersten war Franco Columbu, Schwarzeneggers ältester Freund, dem er 1966 in Deutschland zum ersten Mal begegnet war und der heute eine physiotherapeutische Praxis in Los Angeles führt. Columbu ist Sarde, er spricht mit starkem italienischem Akzent Englisch, aber wenn jemand aus Deutschland anruft, wechselt er sofort ins Deutsche, mit ebenso starkem italienischem Akzent. »Ich habe mal in München gelebt«, sagte er, er klang wie ein Freund. Dass er damit schon das meiste gesagt hatte, merkte ich erst später. Er hatte angeblich Zeit für ein Treffen, meldete sich dann aber nie mehr zurück.
Das erlebte ich öfters. Die meisten reagierten freundlich, aber nach der Begrüßungsfloskel war Schluss. Niemand, der Schwarzenegger wirklich kennt, redet über ihn. Er hat seine Freunde gut instruiert.
Es gab auch andere, hilfreichere Leute, Journalisten etwa, Margaret Talev und Gary Delsohn von der »Sacramento Bee«, die über ihn berichteten, Joan Fernbacher von »The Candy Alley«, Schwarzeneggers Hoflieferantin für Haribo-Gummibärchen und andere Süßigkeiten, der italienische Herrenausstatter Giacomo Trabalza, der ihm seine Maßanzüge liefert, und Jack Sepetjian von »Anto Distinctive Shirtmaker«, seinem Hemdengeschäft in Beverly Hills.
Sie kannten nie die ganze Geschichte, so wie Franco Columbu, aber sie kannten Teile, die sich zu einem Mosaik zusammensetzen ließen: der italienische Friseur Giuseppe Franco etwa, ein reichlich tätowierter, drahtiger Zwerg mit rabenschwarzen Pumucklhaaren, den Schwarzenegger seit seinem Film Conan kennt und der seitdem für seine Haare, seine Maniküre und Pediküre zuständig ist. Schwarzeneggers Exfreundin Barbara Outland, die am Moorpark College Englisch lehrte und die mit ihrer Klasse gerade den Roman Der Vorleser von Bernhard Schlink durchnahm. Die Menschen im »Gold's Gym« am Venice Beach, die in einem 360-Grad-Spiegelraum ihren Fortschritt von allen Seiten betrachteten, um zu werden wie er. Sie alle traf ich in den folgenden Jahren, das Bild wurde immer klarer, aber natürlich ersetzte nichts von alldem das Gespräch mit ihm selbst.
Anfangs schien es undenkbar, Schwarzenegger zu treffen. Er hatte keine Zeit für die »Süddeutsche Zeitung«, es gab zu viele andere Anfragen, die ihm wichtiger waren. Aber die Kollegen von der kalifornischen Hauptstadtzeitung »Sacramento Bee« kannten das Sicherheitspersonal, seine Wege, seine Routinen, und so bekam ich zunächst einmal die Chance, ihn auf dem Weg zu einem Termin abzupassen.
Es war im September 2004. Schwarzeneggers Autokorso hatte im Halteverbot vor dem »Esquire Grill« geparkt, seinem Lieblingsrestaurant in Sacramento, in dem Hamburger für 14 Dollar auf der Karte stehen. Er trug an diesem Tag einen dunklen Anzug und eine orange Krawatte, seine Frisur saß tadellos, und ich beobachtete, wie er aus einem schwarzen Geländewagen stieg. Er war in Begleitung einer Geschäftsfrau, mit der er ein paar freundliche Worte wechselte. Das war mein Einsatz, der ideale Moment für eine kleine Unterbrechung: »Herr Schwarzenegger, Herr Schwarzenegger, bitte nur eine Frage auf Deutsch.«
Der Gouverneur bewegte sich in Zeitlupe, als kümmere sich ein Großrechner um die Optimierung der Gesten. »Herr Schwarzenegger, hören Sie doch bitte, was halten Sie von deutschen Firmen in Kalifornien?« Schwarzenegger hob den Zeigefinger, langsam, als werde er gleich mit Stubenarrest drohen. Und dann fragte er nur, anstatt zu antworten: »Wie geht's?«
Ich las nun seine Autobiographie, seine Bodybuilding-Bibel The Education of a Bodybuilder, ich begann mir alle seine Filme anzuschauen, von denen ich bisher nur die Terminator-Filme kannte. Ich verfolgte, was er machte, ich besuchte Pressekonferenzen, Wahlkampfkundgebungen. Lernte noch mehr Freunde Schwarzeneggers kennen.
Im Sommer 2006 saßen die Freunde im »Caffe Roma« zusammen, seinem Stammlokal in Beverly Hills. Dort hält er Hof, dort wird über alles beraten, und einige seiner Vertrauten, die ich getroffen hatte, erzählten Schwarzenegger von einem deutschen Journalisten, es gab Stimmen, die sich für mich verbürgten, unter ihnen der Schauspieler Ralf Moeller, den ich bei einem seiner Wahlkampfauftritte für Angela Merkel in Deutschland kennengelernt hatte. Schwarzenegger muss wie ein Pate dagesessen haben, und schließlich ließ er mich anrufen.
Ich traf ihn zum Interview in Sacramento. Es war das erste von einem guten Dutzend Interviews und Gesprächen, die in den nächsten Jahren folgen sollten. Er rauchte beim Gespräch. Alles ist immer eine Show bei ihm, er muss immer zeigen, dass er der Größte ist. Manchmal hört er Fragen zu, ohne Antworten zu geben. Er sitzt dann einfach da. In Terminator reichen ihm 17 Zeilen, um Eindruck zu machen. Im richtigen Leben ist es kaum anders. Er herrscht nicht mit Worten, sondern durch Schweigen.
Oft werde ich gefragt, ob Schwarzenegger mit Deutschen eigentlich deutsch redet. Ja, er tut es, er sagt »Servus« und »Wie geht's« bei jeder Begrüßung, aber sein Wortschatz ist veraltet. Er benutzt Worte, die man längst nicht mehr verwendet, »Weiber« zum Beispiel statt »Frauen« und »brausen« statt »duschen«, es ist der Wortschatz, den er aus dem Österreich der fünfziger und sechziger Jahre mitgebracht hat. Manchmal beginnt er Sätze auf Deutsch, aber meistens hält er nicht bis zum Ende durch und beendet sie auf Englisch. Fernsehinterviews auf Deutsch gibt er nicht mehr.
Den steirischen Akzent hat er nie verloren, auch im Englischen nicht. Früher hat er einmal Sprachunterricht genommen, um akzentfrei Englisch zu sprechen, aber heute kümmert ihn das nicht mehr. Im Gegenteil. Sein Akzent ist zum Markenzeichen geworden.
Die beste Gelegenheit, jemanden kennenzulernen, ist mit ihm zu reisen, überall dabei zu sein, zu beobachten. Ich habe Schwarzenegger immer wieder begleitet, auf einer Auslandsreise nach Kanada, bei Besuchen in Washington, bei einer Rede an der Universität Yale, auf Wahlkampftour für den republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain, sowie bei der von ihm begründeten Fitnessmesse in Ohio, wo man Eiweiß im Vier-Liter-Spender und den »High Protein Pudding« von Sylvester Stallone kaufen kann oder, wenn man besonders muskulös ist, im Käfig der Firma »Animal Pak« Probe trainieren darf.
In den folgenden Jahren erhielt ich immer mehr Einblick in Schwarzeneggers Welt. Er ließ es zu. Er ließ auch zu, dass ich mehr zu sehen bekam als andere, vielleicht, weil er mir vertraute. Manchmal kam spontan ein Anruf: Er fliege gleich nach Fresno oder San Diego, ob ich nicht mitkommen wolle. Ich habe gerne so viel Zeit wie möglich mit ihm verbracht. Es ging mir dabei nicht um Kumpanei. Man muss sich auf das Leben eines Menschen einlassen, um zu verstehen, was ihn antreibt.
Wenn ich mit ihm unterwegs war, haben wir Witze erzählt und »Montecristo Nr. 2« im Zigarrenclub »Havana Room« geraucht, haben Fisch gegessen im »Caffe Roma«, Kaffee getrunken bei »Starbucks« und gefrühstückt im »Pain Quotidien« und sind einmal auch mit der Harley den Pacific Coast Highway hinaufgefahren.
Und ja, es war sehr kurzweilig, mit ihm unterwegs zu sein. Es fielen dabei Sätze, die er nur äußerte, weil ihm Vertraulichkeit zugesichert wurde. Aber nicht jedes Wort, das gesagt wurde, muss aufgeschrieben werden, um jemanden zu beschreiben.
Ich habe aber immer wieder die Distanz gesucht, um unabhängig zu bleiben, vor allem auch, um unabhängig schreiben zu können. Es war mir sehr wichtig, auch die komischen, die unerfreulichen, die größenwahnsinnigen Seiten an ihm zu beschreiben. Natürlich hat er mich fasziniert, aber es war längst nicht alles schön, was ich sah, nicht alles wirkte sympathisch auf mich, und natürlich stimmt sein Selbstbild nicht immer mit der Realität überein. Wie denn auch?
Er ist unverwechselbar in seiner Art, sich abzuheben von allen anderen, in seiner Maßlosigkeit, auch in seinem gelegentlichen Irrsinn. Als er Mitte der achtziger Jahre den Actionfilm Phantom-Kommando drehte, schlug er zum Beispiel vor, dass er dem gegnerischen Soldaten den Arm abtrennt, um ihn sodann mit diesem Arm zu erschlagen.
Ich habe immer wieder über ihn geschrieben, zuerst in der »Süddeutschen Zeitung«, und nachdem ich diese im Sommer 2005 verlassen hatte, als Reporter beim SPIEGEL.
Es ging mir nie allein um Schwarzenegger, um bloßen Personenkult, sondern um Amerika, das Land, das so etwas möglich macht.
Ich kann nicht mehr genau sagen, wann zum ersten Mal der Plan entstand, ein Buch über ihn zu schreiben. Eigentlich war es nur logisch, der nächste Schritt. Wenn man sich über so viele Jahre mit einer Person beschäftigt, kommt irgendwann der Wunsch auf, sie umfassend zu beschreiben.
Arnold Schwarzenegger weiß von dieser Biographie, und er hat mein Vorhaben unterstützt. Ich habe zahlreiche Interviews nur für dieses Buch mit ihm geführt, er hat mit mir über seine Jugend gesprochen, seine Ankunft in Amerika, seinen Aufstieg zum Filmstar und schließlich zum Gouverneur. Dadurch konnte ich viele Lücken füllen. Dennoch ist dies keine autorisierte Biographie, die er vor der Veröffentlichung gelesen hat, denn ich will ihn so darstellen, wie ich ihn sehe, nicht, wie er sich selbst sieht.
Schwarzenegger ist für mich vielleicht der amerikanischste Amerikaner, weil er das Klischee vom amerikanischen Traum wie kaum ein anderer verkörpert: Er ist ein Mann ohne besonderes Talent, kein Mozart, kein Nurejew. Er wurde nicht hineingeboren in den Erfolg, war kein Naturtalent, weder als Bodybuilder noch als Schauspieler noch als Politiker. Dafür hat Schwarzenegger sehr ausgeprägte Eigenschaften: Er kann Menschen für sich gewinnen, und vor allem hat er einen unbeugsamen Willen und ungeheure Disziplin. Er ist eine Lernmaschine, ausgestattet mit einem Gespür für die richtigen Leute. Der Bodybuilder Frank Zane, der jahrelang einen noch besser trainierten Körper als Schwarzenegger hatte, sagte einmal den treffenden Satz: »Ich war Arnold körperlich überlegen, aber er hat trotzdem gewonnen; Arnold hätte in jedem Körper gewonnen.«
Die Faszination Schwarzeneggers liegt auch darin, dass seine Geschichte immer weitergeht, dass es immer eine neue Wendung in seinem Leben gibt. Die Geschichte seines Lebens macht süchtig wie eine Fortsetzungsserie im Fernsehen. Schafft er noch einen Erfolg? Geht noch eine Wendung? Und irgendwann hat man das Gefühl, man könnte diese Serie fortschreiben wie einen Roman, sich ausdenken, was aus ihm noch alles werden könnte.
Sechs Jahre ist es nun her, dass ich meine erste Reportage über Arnold Schwarzenegger schrieb. In dieser Zeit habe ich manchmal mehr über sein Leben, seine Welt nachgedacht als über meine eigene, ich habe sogar manchmal von ihm geträumt. Meine Töchter, fünf und acht Jahre alt, malen inzwischen Männer als muskulöse Gestalten, die eine Zigarre im Mund haben. Dann denke ich, dass ich es vielleicht übertrieben habe.
Was bleibt von diesen sechs Jahren mit Schwarzenegger, diesem Ausflug in eine fremde Welt? Eine Geschichte, die größer und verrückter ist als jede andere, mit der ich mich in meinen 17 Jahren als Journalist beschäftigt habe. Vorerst ist dieses Buch für mich der Abschluss einer sehr intensiven Auseinandersetzung. Doch seine Geschichte geht weiter. Und sie wird mich nie ganz loslassen.
Unter Freunden
Arnold Schwarzenegger ist Arnold Schwarzenegger. Er ist die Nummer eins, im Dienst und in der Freizeit, und dazu gehört, dass er alles unter Kontrolle hat, sein Leben, sein Image, die Presse und natürlich auch den Moment, in dem es losgeht, wenn er mit seinen Kumpels auf Männertour geht.
Wie jedes Wochenende will Schwarzenegger die übliche Harley-Tour starten, von seiner Villa in Brentwood den Prominentenhügel von Los Angeles hinunter, dann eine halbe Stunde den Pacific Coast Highway hinauf über Malibu hinaus und wieder zurück. Seine Freunde haben sich bei ihm versammelt, und als er den Motor anlassen will, schiebt sich Ralf Moeller, ein alter Freund, neben ihn mit Helm, Harley und Zigarre und sagt, ein wenig kleinlaut: »Tut mir leid, Arnold, aber ich muss noch tanken.«
Am Abend zuvor ist es spät geworden, sie haben lange bei Arnold Schwarzenegger zusammengesessen, Schwarzenegger, Moeller und ein paar andere, die eingeschworene Freitagabend-Gang, und haben Terminator 4 in seinem Privatkino geschaut, den ersten Terminator-Film ohne Schwarzenegger. Man kann sich vorstellen, wie sie ihn fanden, aber das sagen sie nicht. Moeller war spät nach Hause gekommen, nach elf, und natürlich hatte er dann keine Lust mehr, zu tanken.
Schwarzenegger sitzt breitbeinig auf seiner Maschine, einer hellroten Harley mit hellen Fransen am Ledersitz, er trägt Sonnenbrille, eine hellbraune Braincap und eine Lederjacke mit einem Emblem eines Indianerstamms aus North Dakota. Es ist halb sieben am Morgen, die Sonne ist gerade über den Hollywood-Bergen aufgegangen, und die Straßen sind um diese Zeit noch nicht verstopft. Es gibt einen Grund, warum er früh los will.
Schwarzenegger hat einen ganzen Stall voller Harleys. Indian-Harleys und »Terminator«-Harleys, die er in seinen Filmen gefahren ist, in schwarzer Lederkluft und mit dunkler Sonnenbrille. Wer mitfahren will und selbst keine Harley hat, kann sich von Schwarzenegger eine leihen. Schwarzeneggers Harleys sind natürlich vollgetankt, aber Moeller, der unter Schwarzeneggers Freunden eine Sonderstellung hat, will unbedingt seine eigene fahren.
Nicht getankt also.
Schwarzenegger könnte über Moellers Versäumnis hinweggehen und einfach zur nächsten Tankstelle fahren, an irgendeiner kommen sie ja sowieso gleich vorbei. Aber die Vorlage ist zu schön, um sie nicht zu nutzen.
Schwarzenegger liebt es, seine Freunde auf die Probe zu stellen, für ihn, den weltberühmten Macho, ist es eine besondere Art, Zuneigung zu zeigen, deshalb schaut er Moeller streng in die Augen und fragt: »Warum?«
Schwarzenegger kann bubenhaft albern sein, er hat ein Hausschwein, das »Bacon« heißt, Schinkenspeck. Er mag Leute, die ihn zum Lachen bringen, aber wenn er selbst Scherze macht, lacht er selten, die anderen dürfen sich nie ganz sicher sein. »Du weißt doch, Arnold«, entschuldigt sich Moeller, »es war spät gestern Abend.«
Moeller macht Schwarzenegger Spaß, seine unbekümmerte Natur, dieser freundliche, ein wenig flatterhafte Geist, der überall ist, aber nirgendwo ganz. Wenn der Schauspieler Moeller sagt, dass er in ein Meeting muss, fragt ihn Schwarzenegger, ob er mal wieder »loopen« geht; so nennt man das in Hollywood, wenn eine Szene missraten ist und man sie nachdrehen muss.
Sie bilden eine Einheit, diese Freunde, niemand treibt von außen einen Keil in die Truppe. Sie hält zusammen, komme was wolle, hat feste Regeln. Sie funktioniert so, wie die Biker sich samstags morgens die Pazifikküste hinaufbewegen: in der Formation einer Entenfamilie, Schwarzenegger vorn, hinter ihm die anderen und zum Schluss ein Wagen der »California Highway Patrol«. Am Wendepunkt gibt es einen Becher Kaffee, entweder im »Starbucks« hinter Malibu oder im »Rock Cafe« in den Santa-Monica-Bergen.
Die Freunde sind seine zweite Familie, eine »Arche Arnie«, die ihn schon ein halbes Leben begleitet, eine Mannschaft, die so bunt ist wie seine Karriere.
Ansonsten haben die Freunde nicht viel miteinander zu tun, nur Schwarzenegger eint sie. Sie scharen sich um ihn wie ein Hofstaat um seinen König. Sie sind miteinander befreundet, aber Schwarzenegger ist ganz klar der Boss. Moeller ist immer dabei, der deutsche Bodybuilder und Hollywoodschauspieler, der Steirer Dieter Rauter, der in Filmzeiten Schwarzeneggers Lichtdouble war und mit 38 Jahren der jüngste seiner Freunde ist, der amerikanische Unternehmer Daniel Marshall, der Schwarzeneggers Humidore fertigt, mit eingelassenem Gouverneurssiegel, einer Fotoapplikation oder in Sterling-Silber mit den Initialien »AS«, Schwarzeneggers Neffe Patrick Knapp, um den er sich wie ein Vater kümmert, und Franco Columbu, der Bodybuilding-Freund noch aus Münchner Zeiten.
Manchmal kommt auch Sylvester Stallone dazu, der einstige Action-Konkurrent, der Schauspieler Tom Arnold oder Talkmaster Jay Leno von der beliebten »Tonight Show«. Aber die haben nicht immer Zeit, sie sind ja selbst ziemlich wichtig und haben ihre eigenen Kreise.
Mit seinen Freunden geht Schwarzenegger shoppen, schaut Kinofilme, erzählt Witze. Zum Mittagessen trifft er sie im
Restaurant »Caffe Roma« in Beverly Hills, zum Rauchen im »Havana Room« oder abends zu Hause. Sie bilden ein festes Ritual, diese Treffen mit den Freunden, an immer gleichen Orten, zu immer gleichen Zeiten. Es gilt eine klare Rangordnung, das macht alles so verlässlich.
Das »Caffe Roma« ist das Zentrum des SchwarzeneggerKults, ein Restaurant, das seit Langem weniger von der Qualität der Gerichte als vielmehr davon lebt, dass man dort Zigarren rauchen darf. Im »Caffe Roma« wird zusammengetragen, was sich zuletzt im Arnieland abgespielt hat, hier kann man vertraulich sprechen, hier kommen alle zusammen: Mitarbeiter, die es seit Jahren gibt, alte Konkurrenten und neue Freunde, Arme, Reiche, Erfolgreiche, Durchschnittsmenschen, Freunde jeglicher Couleur, von den alten Bekannten aus der kleinen Steiermark bis zu den Superstars aus Beverly Hills. Wenn man ein Freund ist und von Schwarzenegger etwas will, dann ist der Besuch im »Roma« am Wochenende der Jour fixe, den man nicht verpassen sollte.
Die Anziehungskraft des Zirkels ist enorm, denn wer dazugehört, hat es geschafft. Plötzlich eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten: Man bekommt Zugang zu Politikern, erhält Werbeverträge, Buchverträge - wenn man nur will. Arnie-Freund zu sein ist wie Franchise, eine Art Nutzungsrecht an der Marke Arnold, man ist überall geachtet, man kann Geld verdienen.
Zu jedem Lebensabschnitt gibt es einen Freund: Ralf Moeller, der deutsche Schauspieler in Hollywood, mit dem er jeden freien Abend zusammen trainiert; Daniel Marshall, der sich besser als jeder andere in Beverly Hills auskennt; Dieter Rauter, der Schwarzenegger beim Training im »World Gym« getroffen hat, und mit dem er heute an die 1000 Schachpartien im Jahr spielt, im Flugzeug, beim Friseur, zu Hause, manchmal bis drei Uhr morgens. Wie Schwarzenegger stammt Rauter aus der Steiermark, aus einem anderen kleinen Dorf, gerade mal 50 Kilometer von Thal entfernt, und er redet das gleiche Steirisch. Aber keiner in Los Angeles kennt Schwarzenegger so lange wie Franco Columbu, sein italienischer Kumpel aus München.
Columbu ist ganz anders als Schwarzenegger, viel kleiner, so breit wie hoch. Columbu hat keine große Karriere neben dem Bodybuilding gemacht, sondern eine solide Ausbildung als Heilpraktiker absolviert. Er führt jetzt eine eigene Praxis in Los Angeles, in einem Einkaufszentrum an einer lauten Durchgangsstraße, und sitzt im Vorstand des Physiotherapeuten-Verbandes in Sacramento. In jüngeren Jahren hat er es mit einem Rekord im Wärmflaschen-Aufblasen sogar einmal ins Guinnessbuch der Rekorde geschafft. Kein anderer konnte eine Wärmflasche so schnell zum Platzen bringen wie er. Als Schwarzenegger dann 1986 die Nichte von John F. Kennedy Maria Shriver heiratete, staunte die Welt, wen er da einlud. Ein bisschen bizarr, wie Franco Columbu, der knorrige Muskelmann, als Trauzeuge neben Caroline Kennedy stand.
In gewisser Weise steckt von jedem Freund ein Stück in Schwarzenegger. Aber anders als seine Freunde hat er sich immer weiter verändert, hat die Vergangenheit hinter sich gelassen, hinter sich lassen müssen, weil die Leben, die er gelebt hat, nicht kompatibel sind. Sie schließen sich gegenseitig aus, da sie jeweils eigenen Regeln gehorchen. Jedes Leben hat seine eigene Wahrheit, seine eigenen Übertreibungen, Fehltritte.
Der bullige Körper, das wie aus Stein gemeißelte Ego passen nicht recht zum Schauspieler, der auf nichts festgelegt sein darf, und der Schauspieler, dieser wandlungsfähige Charakter, passt nicht zu einem politischen Amt, in dem Prinzipientreue verlangt wird. In dem einen Leben, das er in Hollywood gelebt hat, kommt man nur voran, wenn man provoziert, in dem anderen, wenn man politisch korrekt ist.
Es gehört zu seinem Überlebensprinzip, dass er einiges vergisst und, soweit möglich, nicht mehr darüber spricht. Als Bodybuilder redete er freizügig über Sex, um seinen Sport zu vermarkten, er brüstete sich öffentlich mit Frauengeschichten, ja mit Gruppensex, um Aufmerksamkeit zu erregen. Als Politiker kommen ihm diese Geschichten in die Quere.
Weil er sich stets neu erfinden musste, hat er auch viele Freunde auf der Strecke gelassen. Er attackierte durchaus die Welten, aus denen er kam, widersetzte sich den Mentoren, die ihn weiterbrachten, wie jemand, der einen Tatort verlässt und keine Spuren hinterlassen möchte. Rolf Putziger zum Beispiel, der deutsche Fitnessstudiobesitzer, der ihn von Österreich nach München holte, Joe Weider, der Bodybuilding-Promoter in Amerika, George Butler, Fotograf und Pumping-Iron-Regisseur, Dino de Laurentiis, der die Conan-Filme mit Schwarzenegger drehte und ihm damit zu Weltruhm verhalf - sie alle glaubten, ein Recht auf ihn und seinen Erfolg zu haben und mit ihm ganz nach oben zu kommen. Aber er wollte unabhängig bleiben, seinen eigenen Weg gehen.
Es gibt einen weiteren Grund, weshalb Schwarzenegger ein ambivalentes Verhältnis zu seiner Vergangenheit hat. Anfang der neunziger Jahre, als Schwarzenegger schon ein Superstar war, besuchte ihn sein langjähriger Freund und Fotograf George Butler und kündigte an, dass er ein Buch über ihn schreiben wolle. Butler stellte eine Kiste auf den Tisch, mit Fotos aus den Body- builderjahren, und Schwarzenegger, auf dem Sprung ins Wochenende, schaute sie kurz durch. Nach einer kurzen Pause bemerkte er: »George, ich sag dir mal was: Man ist erst wirklich man selbst, wenn man reich ist. Diese Bilder sind aus einer Zeit, in der ich erst noch reich wurde. Diese Fotos, das bin nicht wirklich ich.«
Er will immer anders sein als alle anderen, will sich nie anpassen an die Welt, die ihn umgibt, und deswegen schafft er sich eine Umwelt, die sich an ihn anpasst, nicht umgekehrt. Er hat einen Kokon gegen die Normalität gesponnen, auch dafür braucht er seine Freunde.
Sie schauen Fernsehen zusammen, sie rauchen zusammen, sie reisen zusammen. Als Schwarzenegger im März 2009 nach Deutschland fliegt, um die Computermesse »Cebit« in Hannover zu eröffnen, nimmt er Moeller mit. Sie sitzen nebeneinander und lesen die Zeitschrift »GQ«, wie Zwillinge oder eben echte Kumpels, und Schwarzenegger lacht Moeller aus, als der schon kurz nach dem Start zu schnarchen beginnt.
Ralf Moeller ist als Bodybuilder und Filmschauspieler nicht so erfolgreich wie Schwarzenegger, aber zwölf Jahre jünger und deshalb zumindest im Fitnessstudio ein ebenbürtiger Partner. Moeller sagt nie ein schlechtes Wort über Schwarzenegger. Moeller ist die Nummer zwei in der Harley-Gang. Er sitzt im Restaurant direkt neben Schwarzenegger, und wenn es ans Bezahlen geht, ist er es, der ruft: »Leute, Geld raus! Der Gouverneur soll nicht wieder alles alleine bezahlen!« Er nennt ihn wirklich so. Moeller nennt seinen Freund den »Gouverneur«.
Schwarzenegger war schon Moellers Vorbild, als dieser noch ein Halbstarker in Recklinghausen war. Er ist 1,96 Meter groß, größer als Arnold, aber ihm fehlten damals die Muskeln. Er versuchte es erst mit Schwimmen, dann mit Boxen, und schließlich, als er 17 Jahre alt war, entschloss er sich, Bodybuilder zu werden.
Sechs Jahre arbeitete er an sich, sein Fleiß wurde Fleisch, und endlich stand er zum ersten Mal vor Arnold Schwarzenegger. Schwarzenegger hatte gerade Conan der Barbar gedreht und war 1982 in Essen auf Werbetour.