Kurzbeschreibung:
In Rom verschwinden spurlos Mädchen
Rom 1701: »Wunderdetektiv« Prospero sitzt an einem Bericht zur Heiligsprechung. Die tote Frau muss nur noch exhumiert werden. Eine reine Formsache, denkt er, als ein Freund in sein Zimmer stürzt: Seine Schwester sei verschwunden. Sie ist das vierte junge Mädchen in kurzer Zeit. Mord oder Entführung? Und wie ist zu erklären, dass eine vermeintlich Heilige beim Öffnen des Sargs einen Pfahl in der Brust hat und zwei spitze, lange Zähne zeigt?
Niemand ermittelt so klug und feinsinnig wie Prospero Lambertini - späterer Papst Benedikt XIV.
Leseprobe:
Hinter diesen Taten steckte eindeutig der Teufel. Bestürzt sah Papst Benedikt XIV. von dem Dossier auf. Nur die Kerze auf dem Schreibtisch erhellte notdürftig die geheimen Akten.
Der Papst rieb sich die brennenden Augen. Dann fasste er seinen Entschluss. Niemals dürfte die Öffentlichkeit davon erfahren. Bei Bekanntwerden der Morde würde unter den Katholiken erst Unruhe, dann Angst auflodern und eine nicht mehr zu kontrollierende Hysterie auslösen. Freunde würden Freunde denunzieren, Nachbarn sich mit tödlichem Argwohn begegnen und Leichen geschändet werden. Denn das Böse breitete sich immer wie eine Seuche aus, die keinen verschonte.
Als Bischof der Bischöfe stand er in der Pflicht, die Menschen zu beschützen. Gleichzeitig beschlich ihn das lähmende Gefühl der Vergeblichkeit. Denn es war nicht das erste Mal in seinem Leben, dass er diesem Grauen begegnete, welches die Beauftragten der Kurie in den Schriftstücken so penibel dokumentiert hatten.
Warum musste das Verderben immer wieder nach den gleichen grausamen Mustern ablaufen? Konnte das Böse nicht ein für alle Mal aus der Welt geschafft werden? Benedikt XIV. blickte noch einmal auf den Bericht, der zuoberst lag. Er sah es genau vor sich, wie die Bauern, getrieben von Angst und Aberglauben, in ihrer Verzweiflung schließlich die Kapelle stürmten, den Sarg öffneten und die Leiche pfählten. Wäre es nicht sicherer gewesen, den Kadaver zu verbrennen? Aber wer konnte das schon mit Gewissheit sagen?
Seit Jahrtausenden dachten die Menschen unentwegt über die Natur des Bösen nach und besaßen dennoch so lächerlich geringe Kenntnisse darüber. Der Teufel kannte genau wie die römischen Narren zum Karneval viele Verkleidungen und für jeden Menschen das richtige Versprechen, um ihn zu verführen. Diese Erfahrung hatte er leider schon allzu oft gemacht, als er noch jung war und Prospero Lambertini hieß.
Er wehrte sich gegen den Gedanken, den er letztlich doch akzeptieren musste. Wenn das Böse ihn vor vielen Jahren schon einmal in dieser Maskerade angegriffen hatte, dann würde er nur in der Vergangenheit die Mittel finden, mit denen er den alten Feind besiegen konnte. Aber alles in ihm sträubte sich davor, in die versiegelte Hölle seiner Erinnerung zu steigen. Man sollte die Gespenster der Vergangenheit nicht wecken. Doch besaß er eine andere Möglichkeit? Wollte er den Menschen helfen, musste er sich die mühsam verdrängten Ereignisse ins Gedächtnis rufen, auch um den Preis, dass längst vernarbte Wunden wieder aufplatzten. Wie ein fremdes Leben erschien ihm die Zeit, als er mit dem Satan persönlich gerungen hatte. Damals war er bei weitem jünger gewesen und wusste noch nicht, wer sein Gegner war in diesem Kampf auf Leben und Tod ...
Das war sie doch für ein Glückskind! Mutter und Vater hatten ihr erlaubt, den Bruder in Rom zu besuchen. Ihre Freundinnen in Orvieto waren vor Neid geplatzt, als sie davon erfahren hatten.
Kaum in der Ewigen Stadt angekommen, bestürmte Cäcilia den Bruder, sie zum Römischen Karneval mitzunehmen. "Zum Karneval? Ich? Niemals!", rief er aus, als verlangte man von ihm, seine Ehre zu brechen. Entschieden schüttelte er den Kopf. "Warst du denn schon einmal dort?" "Ich muss nicht in die Hölle hinabsteigen, um zu wissen, dass es dort heiß ist und die armen Seelen der Sünder gepeinigt werden."
"Aber Bruder, es ist nicht die Hölle, es ist ein Volksfest. Wie kann es ein Werk des Teufels sein, wenn der gütige Herr Papst es genehmigt hat?"
Sie kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass der Karneval für ihn allenfalls eine Notiz in einer Chronik oder den Gegenstand eines gelehrten Kommentars in einem Traktat abgab. Er war und blieb ein Büchermensch. Deshalb setzte sie geschickt auf die Kraft der Verführung und schlug ihm vor, in die Maske des Philosophen Platon zu schlüpfen. Die Chance, einmal der größte Philosoph des Altertums zu sein, wenn auch nur für ein paar Stunden, war für den Bibliothekar der Vaticana am Ende einfach zu verlockend. Er trank und aß zwar mäßig und interessierte sich weder für Frauen noch für Männer. Aber deshalb war er nicht ohne Verlangen, und wenn dieses auch rein geistiger Natur war, so loderte es dennoch nicht weniger verzehrend in seinen
Adern. Der alte Grieche Platon galt als der Gott der Philosophen schlechthin. In der Verkleidung durfte der kleine Bibliothekar sich für ein paar kostbare Stunden zum Herren der Denker aufschwingen. Cäcilia wusste, dass er dieser Vorstellung nicht würde widerstehen können. Sie selbst hingegen streifte mit der Art von Bescheidenheit, die schon an Koketterie grenzt, das unförmige Narrenkostüm des Pulcinells über wie so viele andere auch. Der um ihren jungen Körper schlackernde Stoff verlieh ihr einen unwiderstehlichen Charme, den Reiz des Knabenhaften.
Gegen Mittag trieb es die Geschwister zum Corso. Sie tauchten in die bunte Welt der Narren und Spitzbuben ein, in das römischste aller Feste, den Karneval, in dem kein Papst, kein Vikar der Stadt und keine Heilige Inquisition existierten, nur Menschen, die ihre Fantasien lebten.
Der Februar gab sich in diesem Jahr kühler als normalerweise, und das tiefe Blau des römischen Himmels war von einer eisigen Blässe überzogen. Das Firmament wirkte unter dem Firnis des Raureifs unbeseelt wie die starren Züge der Masken und die bunten Kostüme wie lackiert in der kalten, klaren Luft. Auf den Straßen, Gassen und Plätzen der Stadtteile Regola, Parione, Ponte, Pigna, San Eustachio, San Angelo und Trevi galten in den kommenden drei Tagen ausschließlich die Gesetze der Narren. Obwohl für gewöhnlich in diesen drei Tage mehr Menschen verletzt und beraubt wurden oder den Tod fanden als zu anderen Zeiten - oder vielleicht sogar deshalb -, liebte das Volk von Rom, der Poppolo, das Fest und feierte es in derber Ausgelassenheit. Einmal im Jahr zumindest schienen alle Menschen gleich zu sein. Ihre Wünsche hatten durch die Verkleidung Gestalt angenommen und posierten nun für alle sichtbar auf den Straßen wie auf einer riesigen Theaterbühne. Die Grundlage des Vergnügens bestand in der Anonymität. Jeder war vollkommen das, was er vorgab zu sein.
Die Geschwister kämpften sich zum Corso durch, um das traditionelle Pferderennen mitzuerleben. Je näher sie der Rennstrecke kamen, umso dichter wurde das bunte Flickengewand der Leiber. Der Geruch von Schweiß, Fusel, Urin und Schminke hing in der Luft.
Autorenportrait:
Nicholas Lessing studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie. Nach seiner Promotion war er Regieassistent, Dramaturg und Regisseur, ehe er für Theater und Rundfunk schrieb und als Übersetzer aus dem Russischen arbeitete. Für das Fernsehen war er als