Messeschnäppchen
Eigentlich ist John Pellam nur nach Maddox gefahren, um Bier und Chips für eine gemütliche Pokerrunde zu besorgen. Doch dann wird der Filmemacher aus Hollywood unvermutet Zeuge eines eiskalten Doppelmords. Und damit fangen seine Schwierigkeiten erst so richtig an: Die Staatsanwaltschaft setzt John mächtig unter Druck, weil sie glaubt, er könne den Auftraggeber des brutalen Verbrechens identifizieren. Und als John aus demselben Grund ins Visier der Mafia gerät, sieht er sich in einer scheinbar ausweglosen Klemme: Schweigen ist bestimmt nicht immer Gold, aber Reden wäre sein sicherer Tod ...
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... Eins
Alles, was er wollte, war ein Kasten Bier.
Aber es sah so aus, als müsste er ihn selbst besorgen.
"Ich kann wohl kaum einen Kasten Labatts hinten auf einer Yamaha transportieren", erklärte Stile.
"Schon in Ordnung", erwiderte Pellam ins Mobiltelefon.
"Wenn du einen Sechserpack willst, das würde gehen. Aber der Gepäckträger ist locker. Den bin ich dir ja wohl schuldig. Den Gepäckträger, meine ich. Tut mir Leid."
Das Motorrad gehörte der Filmgesellschaft, war aber Pellam zur Benutzung überlassen worden, der es wiederum Stile geliehen hatte. Stile war Stuntman. Pellam dachte lieber nicht darüber nach, was Stile getan hatte, um den Gepäckträger zu demolieren.
"Ist schon in Ordnung", wiederholte Pellam. "Ich werde selbst einen Kasten besorgen."
Er drückte auf die Austaste und holte seine braune Bomberjacke aus dem vorderen Schrank des Winnebago, während er überlegte, wo er den Getränkeladen gesehen hatte. Bis zum Riverfront Deli war es nicht weit, anders als das Datum seines nächsten Gehaltsschecks, so dass Pellam keine Lust hatte, 26,50 Dollar für einen Kasten zu bezahlen, auch wenn er von Kanada importiert und bis hierher transportiert worden war.
Er ging in die Kochnische seines Wohnwagens, rührte das Chili um und legte das Brot zum Aufbacken in den kleinen Herd. Er hatte überlegt, zur Abwechslung mal etwas anderes zu kochen. Niemand schien bemerkt zu haben, dass es immer Chili gab, wenn sich die Poker-Runde bei ihm traf. Mal servierte er es mit Hot Dogs, mal auf Reis, aber es war und blieb Chili. Und Austern-Cracker. Viel mehr konnte er nicht kochen.
Er überlegte, auf einen ganzen Kasten Bier zu verzichten und Stile noch einmal anzurufen und zu sagen: Ja, bring einfach ein Sechserpack mit. Aber er rechnete schnell nach und wusste, dass sie einen ganzen Kasten brauchten. Zu fünft würden sie sechs Stunden lang spielen, was bedeutete, dass sogar ein ganzer Kasten fast zu knapp war. Er würde, wenn es so weit war, den Mescal und den Wild Turkey rausrücken müssen.
Pellam trat nach draußen, schloss die Wohnwagentür ab und ging die Straße am grauen Missouri River entlang. Es war gerade erst dunkel geworden, ein trüber Wochentag im Herbst, und eigentlich müsste jetzt Stoßverkehr herrschen. Aber die Straße hob und senkte sich vor ihm, ohne dass irgendwo ein Auto zu sehen war. Er zog den Reißverschluss seiner Jacke bis oben hin zu. Pellam war groß und dünn. An diesem Abend trug er Jeans und ein Arbeiterhemd, das früher schwarz gewesen, jetzt aber grau gefleckt war. Die Absätze seiner Cowboy-Stiefel kratzten laut über den nassen Asphalt. Hätte er doch nur seine Lakers-Mütze oder seinen Stetson aufgesetzt. Vom Fluss wehte ein kalter Wind herüber, und mit ihm der Geruch nach Salz und Fisch. Pellams Augen brannten, und seine Ohren taten weh.
Er ging schnell. Er befürchtete, dass Danny, der Drehbuchautor des Films, der gerade gedreht wurde, zu früh kommen könnte. Pellam hatte neulich einen fünf Kilo schweren Wels in der Badewanne von Dannys Hotelzimmer zurückgelassen, und Danny hatte gedroht, zur Vergeltung die Winnebago-Tür zuzuschweißen.
Der vierte Poker-Spieler war aus San Diego und ein Helfer des Kameramanns, der immer noch aussah wie der Matrose von der Handelsmarine, was er früher tatsächlich einmal gewesen war. Auch die Tätowierungen fehlten nicht. Der Fünfte im Bunde war ein Anwalt aus St. Louis, ein Kerl mit Adlernase und Hängebacken. Die Filmgesellschaft in L.A. hatte ihn engagiert, um vor Ort die Eigentumsrechte und Verträge mit den Ortsansässigen auszuhandeln. Er redete ununterbrochen über die Politik in Washington, als hätte er sich als Präsidentschaftskandidat beworben, wäre aber abgelehnt worden, weil er der einzige ehrliche Kandidat im Rennen war. Sein Gequassel war eine Qual, aber beim Pokern war er einfach klasse - er setzte hoch und wusste zu verlieren.
Die Hände in den Taschen, bog Pellam in die Adams Street ein und entfernte sich vom Fluss, während er das gespenstische, verlassene Gebäude aus rotem Backstein von Maddox Ironworks betrachtete.
Ganz schön feuchte Luft, dachte er. Könnte noch regnen.
Würde der Zeitplan für die Dreharbeiten in dieser verdammten Stadt sehr überzogen werden?
Würde das Chili anbrennen, oder hatte er die Flamme heruntergedreht?
Und über allem schwebte der Gedanke an einen Kasten Bier.
"In Ordnung, Gaudia geht die Third Street runter, okay? Er arbeitet meistens bis sechs oder halb sieben, aber heute Abend geht er mit einer Frau was trinken, ich weiß aber nicht, mit welcher."
"Warum ist er in Maddox?", wollte Philip Lombro von Ralph Bales wissen.
"Das habe ich doch gerade gesagt. Er geht ins Jolly Rogue, um da was zu trinken. Kennst du das Jolly Rogue? Dann geht er ins Callaghan, ein Steak essen."
Während Philip Lombro zuhörte, senkte er den Kopf und berührte seine Wange mit zwei zu einem V gespreizten Fingern. Sein Gesicht hatte schon viel Sonne gesehen, aber bronzefarben war es deswegen noch lange nicht; Lombros Gesichtsfarbe tendierte eher in Richtung Silber oder Platin, was zu seiner weißen Haarpracht passte, die sorgfältig in Form gesprüht war. "Was ist mit Gaudias Leibwächter?", fragte er.
"Er wird nicht mitkommen. Gaudia glaubt, Maddox sei ein sicheres Pflaster. Gut, er hat also für halb acht reserviert. Es sind fünf Minuten zu Fuß - ich hab's überprüft -, und sie werden um Viertel nach sieben losgehen."
Ralph Bales saß auf dem Vordersitz des marineblauen Lincoln und schaute geradeaus, während er mit Lombro sprach. Ralph Bales war neununddreißig, muskulös und überall behaart außer auf dem Kopf. Sein Gesicht war unverhältnismäßig dick, als würde er eine Latexmaske für Spezialeffekte tragen. Er war nicht hässlich, hatte aber ein Mondgesicht. An diesem Abend trug er ein schwarz-rot gestreiftes Rugby-Hemd, blaue Jeans und eine Lederjacke. "Er ist auf der Third, ja? Von dort geht eine Gasse Richtung Westen. Da ist es richtig dunkel. Stevie wird da sein und den Stadtstreicher mimen."
"Stadtstreicher? In Maddox gibt es keine Stadtstreicher." "Dann eben einen Gammler. Gammler gibt's in Maddox", entgegnete Ralph Bales. "In Ordnung."
"Er hat eine kleine Beretta, eine .22, bei der ein Schalldämpfer nicht nötig ist. Ich habe die Ruger. Stevie ruft ihn, er bleibt stehen und dreht sich um.