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Drachenspiele

von Jan-Philipp Sendker (Buch)

  • ISBN:3-89667-388-2
  • EAN:9783896673886
  • Veröffentlichungsdatum:August 2009
  • Gewicht in g:689
  • Seiten:432
  • Stilrichtung:Roman

Kurzbeschreibung:

Ein akribisch recherchierter China-Roman, der sowohl das Verständnis für die fremde Kultur mehrt als auch große Gefühle weckt


Paul hat gelernt, mit dem Tod seines Sohnes zu leben. Geholfen hat ihm dabei Christine, die seine ganze Hoffnung für die Zukunft ist. Sie hatten geplant, auf der kleinen Insel Lamma vor Hongkong zusammenzuleben, doch Christine will davon nun nichts mehr wissen. Ein Wahrsager hat ihr und dem Mann, den sie liebt, eine düstere Zukunft vorausgesagt. Wie viele Chinesen ist Christine nicht religiös, jedoch sehr abergläubisch, und die Prophezeiung verunsichert sie zutiefst. Paul ist verstört und enttäuscht - er glaubt nicht an Schicksal oder die Macht der Sterne.


Als Christine von ihrem während der Kulturrevolution verschollenen Bruder Da Long einen Brief erhält, in dem er dringend ihre Hilfe erbittet, fühlt sie ihre dunklen Vorahnungen bestätigt. Sie überwindet ihre Angst und macht sich zusammen mit Paul auf die Reise zu Da Long in ein Dorf nahe Schanghai, in dem Menschen und Tiere auf rätselhafte Weise erkranken und sterben.


Paul, der rationale Westler, will der Sache auf den Grund gehen - und kommt dabei einem von höchster Stelle gedeckten Verbrechen auf die Spur. Immer tiefer verstrickt er sich in ein Land, das er zu kennen glaubte und das ihm zunehmend fremder wird. Wie sehr er sich und die Menschen, die ihn um Hilfe baten, dabei in Gefahr bringt, bemerkt er zu spät. Die Prophezeiung scheint sich zu erfüllen. Pauls alte Gewissheiten gelten nicht mehr.



Rezension:

"Ein Lesevergnügen und ein Muss für jeden, der sich für China interessiert und nicht nur Sachbücher liest." (DEUTSCHLANDRADIO KULTUR)

Leseprobe:

Ich bin in die Hölle geraten. Ohne mein Zutun. Ohne Schuld. Ich muss mich verlaufen haben, eine andere Erklärung gibt es nicht. Im Irrgarten des Lebens versehentlich an einer Stelle den falschen Weg genommen, ohne es zu bemerken. Einmal nicht Achtgegeben. An einer Gabelung links statt rechts gegangen. Oder umgekehrt. Ich habe kein Schild gesehen, nichts, das mir Warnung hätte sein können. Ich bin einfach gelaufen, ohne innezuhalten. So wie immer in meinem Leben. Weiter. Immer weiter.
Viele Menschen haben diesen Weg vor mir genommen, ich hätte ihre Spuren sehen müssen auf diesen langen, ausgetrampelten Pfaden Richtung Inferno. Ich hätte ihre Rufe hören können. Ich hätte den Gestank riechen können. Hätte. Was sehen, hören, riechen wir schon? Nur das, was wir wollen.
Ich bin nicht allein hier. Die Hölle ist ein dicht besiedelter Ort. Ein Trost ist das nicht.
Das Leben weicht aus mir, mit jedem Atemzug wird es weniger. Wie ein altes Gemäuer, das abgetragen wird. Stein um Stein. Jeden Tag fehlt ein Stück mehr.
Mein Körper ist zu einer Höhle geworden. Finster ist es dort, so finster, dass kein Lichtstrahl mich erreicht. Und kalt. Und feucht. Ich friere in der Nacht und mich friert am Tage.
Die äußere Welt ist vor meinen Augen erloschen. Zunächst schwanden die Farben, das Haus, die Felder, das Dorf. Ein Leben in Schwarzweiß. Alles sah aus wie in den alten Filmen, die wir uns so gern angeschaut haben. Dann zerfielen die Konturen, alles um mich herum verschwamm: die Welt durch eine Wand aus Wasser besehen. Kurz darauf brach die Finsternis herein.
Ich schmecke nichts.
Ich rieche nichts.
Von der Ordnung und der Schönheit, die mich einst umgaben, ist nichts geblieben. Außer dir und der Musik. Ihr haltet mich am Leben. Dich vernehme und sehe ich den ganzen Tag. Dein Bild ist mir für immer in die Seele gebrannt. Deine zarten Hände mit den langen, schlanken Fingern. Deine lachenden Augen. Deine Lippen. Wie du tiefgebeugt über einer Schüssel Reis sitzt. Ohne dich würde ich diese Pein keine Stunde länger ertragen.
Auch Partituren tauchen in der Dunkelheit vor meinen Augen auf. Ich sehe sie ganz deutlich, fünf dünne, tintenschwarze Linien auf einem blütenweißen Blatt Papier. Kleine schwarze Punkte mit Strichen daran. Wie Kaulquappen in einem Teich. Allegro. Moderato. Adagio. Ich höre jede Note, die hohen und die tiefen, die langsamen und die schnellen. Ich höre den Anschlag des kleinen Hämmerchens auf der Saite. Ich höre den zartesten Strich des Bogens auf der Violine. Fugen. Etüden. Sonaten. Ich höre Orchester. Die Streicher, die Bläser, die Trommler. Ich höre ganze Opern. Mimi, Alfredo, Figaro, die Königin der Nacht sind meine treuen Gefährten. Ich habe sie erst spät entdecken dürfen und deshalb nie genug bekommen können. Die Gier der Hungernden. Verzeih mir. Ich habe Musik im Kopf. Sie lindert die Schmerzen. Sie verscheucht düstere Gedanken, so wie der Wind an einem Herbsttag die Wolken vor sich hertreibt. Ich habe fast alles verloren, aber die Musik, die kann mir niemand nehmen.
KANNST DU MICH HÖREN, LIEBSTE?
Aber ja. Ich kann mich nicht bewegen, ich kann dir nicht die Hand reichen, wenn ich es möchte, ich kann dir nicht den Kopf zuwenden, ich kann dir nicht danken, aber ich kann dich hören. Jeden Schritt. Jeden Seufzer. Jeden Ton. Jeden Atemzug. Wenn du mit dem Geschirr klapperst. Den Boden fegst. Stühle rückst. Die Schale mit meinen Exkrementen in die Toilette entleerst. Wenn du dich neben mich legst und mir etwas von deiner Wärme gibst. Mich weniger friert. Wie früher. Das sind die Momente, in denen auch ein Leben wie dieses lebenswert ist.
HÖRST DU MICH? WO BIST DU NUR?
Ich wünsche mir nichts sehnlicher, als dir antworten zu können. Es geht nicht. Ich bin gefangen in diesem nutzlosen Körper. Ich mag mit meinen Fäusten in diesem Verlies mit aller Macht gegen die Wände trommeln, ich könnte schreien, so laut ich will, mich hört hier unten niemand. Iiiicccchhhh llllliiiiiieeeeebbbbbbeeeeee dddddiiiiiiicccccchhhhh. Es ist nicht lange
her, da habe ich versucht, noch einmal die Lippen so zu formen, die Zunge zum Gaumen geführt, hinter die Zähne gelegt, die Luft herausgepresst. Drei Worte noch. Nur drei. Du hast sie nicht mehr verstanden. Du bist mit deinem Ohr ganz nah an meinen Mund gekommen und batest mich zu wiederholen, was ich gesagt habe. Sssssscccccchhhhhh Sssssscccccchhhhhh Sssssscccccchhhhhh. Mehr wollte mir nicht gelingen, egal, wie oft ich es noch versuchte. Ich war ein Sssssscccccchhhhh geworden. Für ein paar Stunden nur. Dann hat mich die Lautlosigkeit endgültig gefangen genommen und abgeführt. Geblieben ist das Gurgeln, Röcheln und Grunzen, das ich zuweilen von mir gebe. Was für eine Qual für mich, die die menschliche Stimme so liebt.
Jetzt liegt mir die Zunge nutzlos im Mund wie ein alter verfaulter Dumpling. Die Lippen sind taub. Aber ich spüre deinen warmen Atem auf meiner Wange, wenn du mich am Abend vorsichtig küsst. Der unverwechselbare Atem meines alten, geliebten Mannes. Der Atem unseres gelebten Lebens.
Am schlimmsten sind die Nächte, auch wenn ich längst von Dunkelheit umgeben bin. Es ist die äußere Stille, die ich schlecht ertrage. Das Haus, das Dorf, sie klingen plötzlich nicht mehr.
In der Ferne höre ich vereinzelt einen Lastwagen. Hin und wieder bellt ein Hund. Die Katzen sind schon lange tot. In den Stunden nach Mitternacht ist es nur noch dein Luftholen, was mich mit dem Rest der Welt verbindet.
Sie wollen dir einreden, ich sei nur noch eine leere Hülle. Eine alte, faltige, seelenlose Puppe. Sie lassen sich vom äußeren Erscheinen der Dinge blenden. Wie so oft. Wie so viele. Sie tragen Uniformen, weiße Kittel, ich weiß es, auch wenn ich sie nicht sehe. Ich erkenne sie an ihren Stimmen. Die Stimmen von Uniformträgern, egal welcher Couleur, klingen immer gleich. Sie wissen. Sie sind sich sicher. Alle Tests beweisen. Hoffnungslos. Sie haben keine Ahnung, wovon sie reden. Ich höre kein Beben in ihren Stimmen. Hoffnungslos. Kein Mensch, der dieses Wort gelassen ausspricht, weiß, was er sagt.

Autorenportrait:

Jan-Philipp Sendker, geboren 1960 in Hamburg, war von 1990 bis 1995 Amerika- und von 1995 bis 1999 Asien-Korrespondent des »Stern«. Nach einem weiteren Amerika-Aufenthalt kehrte er nach Deutschland zurück und arbeitete als Autor für den »Stern«. Er lebt m

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