"Dame, Turm und König" erzählt die abenteuerliche Geschichte von Amadore von Askenburn, einer jungen Frau, die eine abenteuerliche Odyssee erlebt, als sie aus der hessischen Burg Cronstein entführt wird. Sie muss sich auf die Reise begeben, um trotz der Irrungen und Wirrungen ihr Glück zu finden. Dabei schließt sie sich einer Räuberbande an, wird von einem Gaukler gerettet, und bei alldem hilft ihr, dass sie das Schachspiel wie keine Zweite beherrscht, denn so kann sie sogar furchtlos gegen den Sultan des Osmanischen Reiches antreten.
Katja Doubek hat ein großes farbenprächtiges Panorama vorgelegt - sie zeigt die Abenteuer einer jungen Frau zu Zeiten der letzten Kreuzzüge.
"Katja Doubek schreibt Bücher wie Hollywood Filme dreht." Frankfurter Rundschau
Amadore von Askenburn warf einen Blick auf ihren Enkel und .XJL versetzte der Wiege einen leichten Schubs. Fünf Kinder hatte sie geboren und großgezogen, sieben Enkelkinder hatten ihre Töchter und Schwiegertöchter zur Welt gebracht. Alle wohlgeraten, doch der Säugling, der neben ihr zufrieden im Schlaf gluckste, war ihr ganzer Stolz. Eines Tages würde er Herr auf Burg Cronstein sein, der Erstgeborene ihres Sohnes Morolf.Die Gräfin legte ihre Handarbeit zur Seite und erhob sich. Ihre Stickerei glitt zu Boden. Die alte Dame nahm den Stoff wieder auf und drapierte den schweren Wandbehang so, dass sie weiter daran arbeiten konnte. Seit Monaten war sie mit dem prächtigen Bild beschäftigt. Eine mühsame Tätigkeit, zumal sie das Motiv frei gestaltete. Jetzt fehlte nur noch ein kleines Stückchen am unteren Rand, bis das Kunstwerk den Speisesaal der Burg zieren würde. Abertausende von winzigen Stichen zeigten eine Szene, die sich für immer in ihr Gedächtnis gebrannt hatte.In der Mitte prangte ein großes Schachbrett. Es befand sich in einem Raum, der fremd und üppig ausgestattet war. Bunte Kissen dienten als Sitzgelegenheiten, die Wände waren mit Leuchtern und goldenen Beschlägen geschmückt. Im Hintergrund waren zwei Mohren zu sehen. Sie trugen silberne Tabletts mit Datteln und Tee. Vor der Tür stand ein groß gewachsener Mann. Auch seine Haut war dunkel, doch an seinem fließenden Kaftan sah man, dass er kein einfacher Sklave war. Er schaute besorgt auf das Schachbrett und die junge Frau, die mit Schwarz spielte. Sie saß auf einem purpurroten Kissen mit goldenem Rand. Ihr blaues Gewand brachte ihre blonden Locken vorteilhaft zur Geltung. In der Hand hielt sie einen Turm, der bedrohlich in der Nähe des weißen Königs schwebte. Die Anordnung der Figuren ließ erkennen, dass sie im Begriff war zu gewinnen.Ihr Gegenüber, ein vornehm gekleideter Sultan mit weißgoldenem Turban, stand vor dem Schachspiel und betrachtete es. Funkelnde Augen und die darüber zusammengezogenen Brauen spiegelten seinen Unmut. Seine linke Hand war zur Faust geballt.Amadore von Askenburn stach sich in den Finger. Ein kleiner Schrei entfuhr ihr und weckte ihren Enkel. Sie nahm den Jungen aus der Wiege und ging mit ihm zum Fenster.»Sieh nur, mein Engel, gleich wird es dunkel. Kein Wunder, dass ich mich gestochen habe. Meine alten Augen sehen ohnehin nicht mehr so gut, und bei diesem Licht schon gar nicht.«Sie blickte in den Burghof. Die Dämmerung legte sich wie eine blaue Decke über den jahrhundertealten Hof und die hohen Mauern, die ihn umgaben. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis die Tochter von Köchin Kathi zum Nachtessen rief.»Jetzt warten wir nur noch auf deinen Vater und deinen Großvater, sie müssten jeden Augenblick hier sein.« Die alte Gräfin küsste ihren Enkel auf die Nase.Wie immer im Frühling ritten ihr Mann und Morolf täglich auf das große Feld unterhalb der Burg und bereiteten sich auf das bevorstehende Osterturnier vor. Die Pferde, träge vom Winter, mussten bewegt, die Waffen gereinigt und überprüft werden. Morolf war ein ausgezeichneter Reiter, seinem Vater in Geschick und Geschwindigkeit längst überlegen. Doch der Burgherr war zum Ärger seiner Gemahlin trotz seines fortgeschrittenen Alters fest entschlossen, sich auch in diesem Jahr mit Lanze und Schwert zu messen.»Eines Tages wirst auch du ein Turnier reiten und versuchen, den Preis zu erringen. Gut, dass ich das nicht mehr erlebe. Dieses Stechen und Hauen. Ich könnte es nicht ertragen, dich verletzt zu sehen.« Amadore von Askenburn legte das Kind zurück in die Wiege, deckte es zu und flüsterte:»Wenn du älter bist, erzählt dir Großvater sicher von dem berühmten Turnier auf der Königsburg. Es ist schon sehr lange her, aber dort fing alles an ... Im Palas, dem großen Saal der festlich geschmückten Königsburg, ging Hausherrin Sigune unruhig auf und ab. »Wo kann er nur sein?« Zornig blickte sie in den Hof. Sie ärgerte sich über ihren Mann, der immer wieder für Stunden verschwand. Mehrmals hatte Sigune dem Grafen heftige Vorhaltungen gemacht.»Zank mich nicht aus, das macht dich hässlich«, antwortete Wittich von Bolanden dann und verließ das Zimmer.»Geh und such ihn! Du musst doch wissen, wo er ist. Durchstöbere jeden Winkel, und komm mir erst wieder unter die Augen, wenn du ihn gefunden hast.« Sigune strich dem Knappen ihres Mannes über die Wange.Vor gut einem Jahr war Odo von Sternberg in den Dienst des Grafen getreten. Ein großes Glück für einen Jungen, der seinen Vater nicht kannte und in der Obhut seiner Mutter aufgewachsen war.Die schöne Katharina von Sternberg hatte auf der Königsburg als Kammermädchen der Hausherrin begonnen. Von Ehrgeiz getrieben, gelang es ihr bald, das besondere Wohlwollen der Gräfin zu erlangen. Sie genoss Sigunes uneingeschränktes Vertrauen.Drei Töchter hatte Sigune zur Welt gebracht. Bei jeder Entbindung war es Katharina gewesen, die ihr den Schweiß von der Stirn tupfte und der Kreißenden half, die schmerzhaften Stunden zu überstehen.»Was für ein Glück, dass ich dich an meiner Seite habe. Was würde ich ohne dich tun?« Sigune von Bolanden liebte Katharina wie eine Schwester, und so war es für sie eine Selbstverständlichkeit, der Freundin beizustehen, als diese eines Tages schwanger wurde und den Namen des Kindsvaters nicht preisgeben wollte. »Sie wird hier auf der Burg niederkommen, und ihr Kind kann mit unseren aufwachsen und erzogen werden«, hatte Sigune seinerzeit ihrem Mann mitgeteilt. Der sonst so gestrenge Wittich brachte keinerlei Einwände vor.»Wenn dir so viel an ihr liegt, meine Liebe. Ein Mäulchen mehr werden wir schon zu stopfen wissen.« Wittich von Bolanden mischte sich nie in die Angelegenheiten seiner Frau und hatte nicht die Absicht, daran etwas zu ändern.Odo war von Anfang an der Liebling des Gesindes. Neugierig schaute er aus seinen großen, braunen Augen in die Welt und eroberte die Herzen im Sturm. Mit den Grafentöchtern lernte er laufen, hörte die Predigten des Pfarrers in der kleinen Burgkapelle und beobachtete die Stallknechte, wenn sie die Pferde versorgten.Als die Zeit reif war, bot Wittich seiner Frau an, den Jungen zu seinem Knappen zu machen.
Katja Doubek, geb. 1958, studierte Psychologie, Germanistik, Philosophie und Geschichte, ist heute als Psychotherapeutin tätig und verfaßte zahlreiche Sachbücher. Sie ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in Wiesbaden und Sperlonga/Italien.§
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