Leseprobe:
Als die Hektik der Bewegung zu viel wurde, schaute sie nach vorn und heftete ihren Blick auf einen bestimmten Baum. Sie beobachtete, wie er langsam näher kam, vorbeihuschte und dann allmählich hinter ihr verschwand.
War das Leben auch so? Man konnte zwar in die Zukunft schauen oder zurück in die Vergangenheit, aber die Gegenwart veränderte sich zu schnell, um sie zu erfassen. Zumindest manchmal - heute jedoch fuhren sie über einen endlosen, zweispurigen Highway durch die bewaldeten Hügel von Connecticut.
»Warum hast du uns nicht gesagt, dass Opa Serensen in Wirklichkeit in Indien lebt?«, beklagte sich Seth.
Ihr Bruder war elf und würde bald in die sechste Klasse kommen. Er hatte keine Lust mehr, noch länger Video zu spielen - ein unwiderlegbarer Beweis für die wahrhaft epischen Ausmaße dieser Autofahrt.
Mom drehte sich zu den Rücksitzen um. »Es ist jetzt nicht mehr weit. Genieß die Landschaft.«
»Ich hab Hunger«, sagte Seth.
Mom stöberte in einer Einkaufstasche voller Snacks. »Erdnussbutter und Cracker?«
Seth griff nach den Crackern. Dad saß am Steuer und wollte Schokomandeln. Letztes Jahr zu Weihnachten war er zu dem Schluss gekommen, dass Schokomandeln seine Lieblingssüßigkeiten waren und dass er das ganze Jahr über immer welche greifbar haben sollte. Nach fast sechs Monaten hielt er seinem Entschluss immer noch die Treue.
»Möchtest du auch etwas, Kendra?«
»Nein danke.«
Kendra richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf die vorbeijagenden Bäume. Ihre Eltern wollten mit allen Tanten und Onkeln mütterlicherseits zu einer siebzehntägigen Skandinavienkreuzfahrt aufbrechen, und keiner von ihnen musste etwas bezahlen. Aber nicht weil sie in einem Preisausschreiben gewonnen hatten. Sie machten eine Kreuzfahrt, weil Kendras Großeltern gestorben waren. Oma und Opa Larsen hatten Verwandte in South Carolina besucht, die dort in einem Wohnwagen lebten. Der eingebaute Gasofen hatte ein Leck bekommen, und sie waren alle im Schlaf erstickt. Schon lange vorher hatten Oma und Opa Larsen bestimmt, dass im Falle ihres Todes all ihre Kinder und Schwiegerkinder von einer zu diesem Zweck von ihnen hinterlegten Summe eine Skandinavienkreuzfahrt machen sollten.
Enkelkinder waren nicht eingeladen.
»Wird es nicht langweilig, wenn man siebzehn Tage auf einem Boot festsitzt?«, fragte Kendra.
Dad sah sie im Rückspiegel an. »Das Essen soll unglaublich gut sein. Schnecken, Fischeier und alles, was dazugehört.«
»Wir sind nicht übermäßig erpicht auf diese Kreuzfahrt«, sagte Mom traurig. »Ich glaube nicht, dass deine Großeltern einen Unfalltod im Sinn hatten, als sie diese Bitte formulierten. Aber wir werden das Beste daraus machen.«
»Das Schiff läuft unterwegs Häfen an«, meinte Dad und lenkte das Gespräch bewusst in eine andere Richtung. »Man kann immer wieder von Bord gehen.«
»Wird diese Autofahrt auch siebzehn Tage dauern?«, fragte Seth.
»Wir sind fast da«, antwortete Dad.
»Müssen wir denn wirklich bei Oma und Opa Serensen bleiben?«, meinte Kendra.
»Es wird euch Spaß machen«, erwiderte Dad. »Ihr solltet euch geehrt fühlen. Sie laden fast nie jemanden zu sich ein.«
»Genau. Wir kennen sie kaum. Sie sind Eremiten.«
»Nun, sie sind meine Eltern«, sagte Dad. »Und irgendwie habe ich überlebt.«
Die Straße schlängelte sich jetzt nicht mehr durch bewaldete Hügel, und sie fuhren durch eine Stadt. Vor einer Ampel hielten sie an, und Kendra beobachtete eine übergewichtige Frau, die ihren Minivan volltankte. Die Windschutzscheibe ihres Wagens war schmutzig, aber die Frau schien nicht die Absicht zu haben, sie zu waschen.
Kendra schaute nach vorn. Die Windschutzscheibe des SUV war ebenfalls verdreckt und von toten Insekten verschmiert, obwohl Dad sie bei ihrem letzten Tankstopp saubergewischt hatte. Sie waren heute den ganzen Weg von Rochester bis hierher gefahren.
Kendra wusste, dass Oma und Opa Serensen sie nicht eingeladen hatten. Sie hatte mitgehört, wie Mom Opa Serensen gebeten hatte, die Kinder bei sich aufzunehmen. Das war bei der Beerdigung gewesen.
Kendra lief ein Schauer über den Rücken, als sie an die Beerdigung dachte. Während der Totenwache waren Oma und Opa Larsen noch einmal in ihren Särgen ausgestellt worden. Es hatte Kendra nicht gefallen, Opa Larsen mit Make-up zu sehen. Welcher Wahnsinnige hatte befunden, dass man, wenn Menschen starben, einen Präparator engagieren sollte, der sie für einen letzten Auftritt zurechtmachte? Sie hätte die beiden lieber lebend in Erinnerung behalten als in dieser grotesken Zurschaustellung im Sonntagsstaat. Die Larsens waren ihre Großeltern, ein Teil ihres Lebens. Sie hatten oft die Ferien miteinander verbracht.
Kendra konnte sich kaum daran erinnern, Zeit mit Oma und Opa Serensen verbracht zu haben. Etwa gleichzeitig mit der Heirat ihrer Eltern hatten sie einen Besitz in Connecticut geerbt. Die Serensens hatten sie nie dorthin zu Besuch eingeladen, und nur selten waren sie selbst nach Rochester gekommen. Wenn sie kamen, dann für gewöhnlich einzeln, nur zweimal waren sie zusammen da gewesen. Die Serensens waren nett, aber ihre Besuche waren zu selten und zu kurz gewesen für eine echte Bindung. Kendra wusste, dass Oma an irgendeinem College Geschichte unterrichtet hatte und dass Opa viel herumgekommen war und ein kleines Importgeschäft betrieb. Das war so ziemlich alles.
Alle waren überrascht, als Opa Serensen bei der Beerdigung auftauchte. Seit sie das letzte Mal einer der Serensens besucht hatte, waren achtzehn Monate vergangen. Opa hatte seine Frau entschuldigt, die nicht zu der Beerdigung kommen konnte, weil sie sich krank fühlte. Es schien immer irgendeine Ausrede zu geben. Manchmal fragte sich Kendra, ob sie vielleicht heimlich geschieden waren.
Als die Totenwache ihrem Ende entgegenging, hatte Kendra mit angehört, wie Mom Opa Serensen zu beschwatzen versuchte, auf die Kinder aufzupassen. Sie standen in einem Flur, und gleich um die Ecke war der Raum mit den offenen Särgen. Kendra trat auf den Flur und hörte sie reden, da blieb sie stehen und lauschte.
»Warum können sie nicht bei Marci bleiben?«
»Normalerweise würden wir es ja so machen, aber Marci kommt mit auf die Kreuzfahrt.«
Kendra spähte um die Ecke. Opa Serensen trug eine Fliege und ein braunes Jackett mit Flicken auf den Ellbogen.
»Wohin gehen denn Marcis Kinder?«
»Zu ihren Schwiegereltern.«
»Was ist mit einem Babysitter?«
»Zweieinhalb Wochen sind eine lange Zeit für einen Babysitter. Hattest du nicht einmal erwähnt, dass du sie zu dir einzuladen wolltest?«
Beschreibung:
Hinreißende All-Age-Fantasy voller Magie, geheimnisvoller Fabelwesen und rasanter Abenteuer
Kendra und Seth sollen die Ferien bei ihren Großeltern verbringen – eine Idee, die die Geschwister anfangs nicht sonderlich begeistert. Sie können ja auch nicht ahnen, dass ihr Großvater der Hüter von Fabelheim ist, einem der weltweit letzten Refugien für vom Aussterben bedrohte magische Kreaturen. Doch als sie sich plötzlich inmitten von Trollen, Satyren, Hexen und Feen wiederfinden, beginnen ihnen die Ferien so richtig Spaß zu machen – zumindest so lange, bis sie erkennen, dass im bezaubernd schönen Fabelheim auch schreckliche Wesen und dunkle Gefahren lauern …
Autorenportrait:
Brandon Mull hat schon von Kindheit an geträumt, eines Tages ein erfolgreicher Autor zu sein - ein Traum, der sich mit der Veröffentlichung des ersten Fabelheim-Romans erfüllt hat. Bereits sechs Monate nach Erscheinen der amerikanischen Ausgabe von "Fabel