Kurzbeschreibung:
Nicht aus Neugier, sondern um Beweise für ihre noble Herkunft zu finden, durchsucht Anne Royle heimlich die privaten Räume des Earls of MacLaren. Der gefährlich attraktive Schwerenöter wünscht sich nichts weniger als eine Frau, aber der feenhaften Schönheit, die sich nachts in sein Schlafzimmer schleicht, kann er nicht widerstehen. Dumm nur, dass in diesem Moment seine Familie ins Zimmer stürmt und die schöne Unbekannte behauptet, seine Verlobte zu sein ...
Leseprobe:
Wie man sich unsichtbar macht
Berkeley Square, London April 1815
Anders als ihre deutlich lebhafteren Schwestern hatte die zurückhaltende Miss Anne Royle nur ein Talent - mit dem sich allerdings kaum etwas hermachen ließ. Sie wurde manchmal unsichtbar. Oh, nicht so wie in den Märchen, in denen man auf magische Weise einfach irgendwie verschwand. Nein, ihr Talent war wesentlich subtiler. Anne hatte die Fähigkeit, sich völlig unbemerkt durch das dichte Gedränge zu bewegen, das typisch war für die eleganten Bälle und Soireen der sogenannten besseren Londoner Gesellschaft.
Nicht zu Unrecht fühlte sie sich wie ein Geist, wenn sie auf einem solchen Fest war. Schließlich suchte nie jemand ihre Gesellschaft oder schenkte ihr auch nur die mindeste Aufmerksamkeit, wenn sie in seine Nähe kam. Nein, Anne konnte sogar direkt vor einer der erlauchten Herrschaften oder auch nur vor einem Pagen stehen, ohne von ihnen überhaupt zur Kenntnis genommen zu werden.
Manchmal war es so, als würde sie überhaupt nicht existieren.
Für gewöhnlich sah sie ihr vermeintliches Talent als den größten aller Flüche an. Heute jedoch nicht.
Erst vor einem Jahr hatten sie und ihre Schwestern Mary und Elizabeth ihre Trauerkleider aus schwarzem Kammgarn abgelegt und ihr winziges Dorf in Cornwall gegen die satinschimmernde Eleganz der Londoner Ballsäle getauscht.
Um passende Ehemänner für sie aufzutreiben, hatte ihre quirlige Mentorin Lady Upperton ihnen Einladungen zu unzähligen nervtötenden Bällen, Soireen und Musikabenden verschafft.
Anne war keine Närrin. Ihr war sofort klar gewesen, dass es ab und zu durchaus von Vorteil war, wenn man sich unter den erhobenen Nasen der Mitglieder der besseren Gesellschaft hindurchbewegen konnte, ohne dass dabei jemand Notiz von einem nahm.
So blieben ihr die Musterungen und die Tuscheleien, die Mary und Elizabeth wegen des Skandals um die mögliche königliche Abstammung der Royle'schen Drillinge oft über sich ergehen lassen mussten, größtenteils erspart.
Während Elizabeth und sie sich für das größte Fest der Saison kleideten und schmückten, hoffte Anne voll Inbrunst darauf, auch auf dieser Feier völlig unsichtbar zu sein.
Denn ihr Schicksal hing davon ab.
MacLaren House, Cockspur Street Drei Stunden später
»Oh, Anne, du übertreibst.« Lachend schwenkte Elizabeth ihren spitzengesäumten Fächer durch die Luft und wehrte die Behauptung ab wie ein stechendes, geflügeltes Insekt.
»Ich sage dir, ich kann durch die Menge gehen und die intimsten Gespräche belauschen. Niemand wird mich dabei bemerken.«
»Jetzt?« Elizabeth zog skeptisch eine Braue hoch. »Und niemand wird dich bemerken?«
»Niemand.«
»Papperlapapp. Selbst wenn du dich wie auf Samtpfoten bewegen würdest, wärst du ja wohl kaum zu übersehen.«
Anne stieß einen abgrundtiefen Seufzer aus. Weshalb gab sie den Versuch nicht einfach auf, Elizabeth die Sache zu erklären? Sie würde sie ja sowieso nie wirklich verstehen. Im Vergleich zu Elizabeths rothaariger Schönheit war Anne eine völlig unauffällige Erscheinung. Das war sicher die Erklärung für ihr ungewöhnliches Talent.
Dabei hob sie sich von ihrer Körpergröße her deutlich von den überwiegend kleinen, zarten Damen der gehobeneren Kreise ab. Sie war fast so groß wie jeder Mann. Doch sie hatte weder volles, schwarzes Haar wie ihre ältere Schwester Mary, noch schimmernd kupferrote Locken wie die ein paar Minuten jüngere Elizabeth.
Nein, das Haar, das ihr in einer Masse kleiner Ringellöckchen um die Wangen fiel, war derart hell, dass es beinahe farblos wirkte.
Ihr Gesicht war zart und nicht weiter bemerkenswert und ihre Haut so weiß wie Elfenbein.
Anne war sich beinahe sicher, dass sie in dem cremefarbenen Kleid, das sie an diesem Abend trug, mit ihrem weizenblonden Schopf und ihrem hellen Teint praktisch mit den weißen Wänden des Salons verschmolz.
Hm. Vielleicht sollte sie diese Theorie mal ausprobieren, überlegte sie. Vielleicht würde dieser neue Trick, falls sie in zwei Stunden überstürzt verschwinden müsste, ihre Rettung sein.
Und bestimmt wäre es gut, ihre Fähigkeit, sich unsichtbar zu machen, noch einmal zu testen, ehe ... nun, bevor es an die Arbeit ging.
»Elizabeth, ich schwöre dir, ich könnte durch dieses Zimmer gleiten und den Leuten ihre vollen Gläser aus den Händen nehmen, ohne dass sie merken, wie ihnen geschieht.«
»Das könntest du ganz sicher nicht. Du nimmst mich doch nur auf den Arm. Das hast du schließlich schon immer gern getan. Nur dass ich nicht länger die naive, gutgläubige kleine Schwester bin, die du veralbern kannst.« Sie stieß ein leises Kichern aus.
»Und trotzdem zweifelst du an mir. Wann wirst du jemals lernen, Spaß und Ernst zu unterscheiden, Schwesterherz?« Anne drückte ihr entschlossen ihren eigenen Fächer in die Hand. »Ich muss beide Hände freihaben. Und jetzt sieh zu und staune, kleine Zweiflerin.«
Laird Allan öffnete die Flügeltür, die vom Garten ins Haus führte, legte eine Hand auf das wohlgeformte Hinterteil seiner Begleiterin und zog sie mit sich in den dunklen Gang.
Nur eine flackernde Kerze brannte in dem dunklen Korridor, die dem zusätzlichen Personal, das für den abendlichen Ball angeheuert worden war, den Weg in Richtung Küche wies. Dem neu ernannten Earl jedoch kam die spärliche Beleuchtung durchaus zupass.
»Wann darf ich Sie wiedersehen, Lady ... äh ... Mylady?«
»Meine Güte, MacLaren, Sie wissen nicht einmal meinen Namen?« Die Frau strich die Flügelärmel ihres Kleides über ihren seidig weichen Schultern glatt und rückte ihre vollen Brüste schamlos unter ihrem Oberteil zurecht.
Laird setzte ein ausdrucksloses Lächeln auf und ging auf ihren übertrieben schmollenden Gesichtsausdruck mit einem ebenso übertriebenen Seufzer ein.
»Dafür hat sich mir alles andere von Ihnen überdeutlich eingeprägt. Ich habe zu tief ins Glas geschaut, um dem Nebel in meinem Kopf Ihren Namen zu entlocken, obwohl ich keinen Zweifel daran habe, dass er ebenso bezaubernd ist wie Sie selbst. Sie werden mir doch verzeihen?«
Sie stieß ein leises Lachen aus. »Keine Angst, mein hübscher Spielgefährte.« Sie kniff ihm zärtlich in die Wange und gab grinsend zu: »Offen gestanden, bin ich nicht im Mindesten beleidigt. Ganz im Gegenteil, mein Lieber. Ich bin sogar erleichtert. Wenn Sie sich nicht an meinen Namen erinnern können, ist es umso unwahrscheinlicher, dass mein Mann etwas erfahren wird von unserem kleinen Tete-a-Tete in Ihrem hübschen Garten.«
»Ihr Mann?« Verflixt und zugenäht. Das passierte ihm jetzt bereits zum zweiten Mal.
Autorenportrait:
Kathryn Caskie interessiert sich schon seit Langem für Geschichte, und sie liebt historische Gegenstände. Daher war niemand in ihrer Familie überrascht, als sie ihre Karriere im Bereich Medien und Marketing an den Nagel hängte, um sich ganz dem Schreiben