Kurzbeschreibung:
Unterhaltung mit Humor, Gefühl und ein paar Tränen
Maeve ist es satt, dass alle denken, sie sei mit ihren 25 Jahren noch nicht richtig erwachsen. Sie wird es ihnen zeigen. Nichts wie rein in ihre heißgeliebte rote Schrottbeule, um in L. A. ihr Glück zu finden. Aber auf halber Strecke muss sie feststellen: Zweite Chancen sind nur gut, wenn man sie auch erkennt. Es gehört Mut dazu, zum Glück Ja zu sagen, wenn man dem Krebs ein Schnippchen geschlagen hat. Her mit ein wenig Nachhilfe im Leben und im Lieben!
Leseprobe:
Am Morgen deutete nichts darauf hin, dass mir eine Zukunft in einem ausgedienten Pappkarton unter einer Brücke der I-85 drohte. Es war Frühling geworden, und ich genoss meinen Drei-Meilen-Lauf. Anschließend sah ich mich in meiner Wohnung nach einer Beschäftigung um. Nichts, was irgendwie mit Arbeit verbunden war, wie zum Beispiel die Klamotten zusammenzufalten, die auf dem Bett herumlagen. Auch die Dankkarten - vielleicht würden sie sich ja von selbst schreiben und zu den Verwandten flattern, von denen ich zum College-Abschluss Geschenke bekommen hatte - ließ ich außer Acht.
»Hast du abgenommen?«, krächzte Oliver, mein Kakadu. Diese Frage stellte er mir mindestens einmal täglich. Ein gelungenes Projekt, auf das ich stolz sein konnte. Immerhin. Grinsend setzte ich mich an den Computer und spielte ein bisschen mit Facebook herum.
Zunächst landete ich in der Rubrik »Bereiste Städte«. Man konnte auf einer Weltkarte virtuelle Stecknadeln in alle exotischen Orte stecken, die man irgendwann besucht hatte. Das würde für jeden von uns ein kurzer Zeitvertreib werden. Es sei denn, Frying Pan Landing in North Carolina ging als exotisch durch. Ich hatte mich noch nie weit von meiner Heimatstadt Charlotte weggewagt. Wenn es eine Karte mit allen Colleges gegeben hätte, an denen ich einmal studiert hatte, wäre ich etwas länger beschäftigt gewesen. Von den unterschiedlichen Studienfächern ganz abgesehen. Dafür hätten die virtuellen Stecknadeln vermutlich nicht ausgereicht.
Eine E-Mail von Laura Mills unterbrach meine Gedankengänge. Laura hatte früher gegenüber gewohnt. Als ich acht war, war sie meine beste Freundin gewesen. Wir galten als unzertrennlich und rannten mit aufgeschlagenen Knien und sonnenverbrannten Nasen im Partnerlook herum. Als ich elf war, zog Laura mit ihrer Familie nach Texas, und ich sah sie nie wieder. Doch schon kurz nachdem ich Facebook für mich entdeckt hatte, schickte mir die elfjährige Laura in Gestalt einer mondän geschminkten Frau aus Los Angeles eine Freundschaftsanfrage. Ich hatte sie gleich zu meinen Freunden hinzugefügt und erfuhr seither viele aufregende Details über ihr Leben in Los Angeles. Oft wünschte ich, ich hätte das nötige Geld, um ihre so oft ausgesprochene Einladung anzunehmen.
Die Vorstellung war einfach zu schön: Lachend saß ich in einer coolen Capri-Hose und in Ballerinas mit Katherine Heigl in einem Golfwagen und winkte unseren Kumpeln Matt Damon und Will Smith lässig zu. Das waren natürlich nur Spinnereien. Aber wusste ich denn, was ich alles erreichen konnte, wenn ich in Kalifornien einen radikalen Neuanfang wagte? Laura war das beste Beispiel: Sie wohnte in einem Haus am Strand. Und sie hatte einen Job als erste Regieassistentin, was bedeutete, dass sie auf dem Gelände der Fox Studios alle möglichen Berühmtheiten traf und sich viele Filme schon ansehen konnte, bevor sie überhaupt in die Kinos kamen.
Die Realität holte mich in Form eines Fotos bei Facebook wieder ein: Einer meiner Verflossenen hatte den Arm um eine zierliche Rothaarige gelegt; beide lächelten glücklich in die Kamera. Er hatte sich von mir getrennt, als ich mein Studium an der University of North Carolina in Charlotte gleich im ersten Jahr abgebrochen hatte. Pech, dass seine Freundin unbedingt ein College-Girl sein musste. Seine Statusänderung in »verlobt« war eine echte Facebook-Bombe.
Ich setzte eine finstere Miene auf, dann rieb ich mir die Stirn. Nichts war so unattraktiv wie eine Zornfalte zwischen den Augen, aber die Connellys neigten zu dieser Furche. Ich warf einen Blick auf die Uhr. Ein Mittel gegen schlechte Laune kannte ich, und Zeit hatte ich auch.
»Gute Reise. Vogel nicht vergessen«, kreischte Oliver, als ich ihn in den Käfig steckte.
»Beim nächsten Mal bist du dabei, Süßer«, versprach ich. Elsie, mein Auto, sprang nach viel gutem Zureden widerstrebend an. Elsie ist ein uralter Plymouth Road Runner, Baujahr 1970, sonnengelb mit einem schwarzen Streifen auf der Motorhaube und ziemlich pannenanfällig. Sie ist kein Sammlerstück, hat über 150 000 Meilen auf dem Buckel und schleppt sich mühsam durch ihr fortgeschrittenes Alter. Ich liebe sie.
»Ich weiß, Baby«, sagte ich, während ich den Knoten in der Schnur überprüfte, mit der die Beifahrertür festgebunden war. »Bald ist wieder Badetag.« Elsies mit Rostflecken übersäte Karosserie war ziemlich verdreckt.
Zwanzig Minuten später bummelte ich durch Nordstrom's. Target wäre zwar eher meine Preisklasse gewesen, aber bei Nordstrom's gab es die beste Schuhabteilung, und ich hatte einen Geschenkgutschein bei mir.
Schon aus zehn Metern Entfernung spürte ich den Ruck, der eine Frau durchfährt, wenn sie Stiefel zum ersten Mal sieht, die ihr bald gehören werden. Ich stürzte mich darauf wie eine Löwin auf eine Antilope. Gleichzeitig sah ich mich nach einem Verkäufer um.
»Größe acht, bitte.« Mit einem roten Wildlederstiefel winkte ich dem Verkäufer. Er erinnerte mich an einen Fisch.
Während er davonglitt, warf ich einen Blick auf das Preisschild. Ich kämpfte kurz mit mir. Vielleicht sollte ich der Versuchung widerstehen. Aber würde ich den Verzicht auf diese Traumstiefel nicht jahrelang bereuen? Würde mich nicht ewig das Gefühl verfolgen, dass ich die einmalige Chance vertan hatte, das perfekte Paar Stiefel mein Eigen zu nennen? Abgesehen davon konnte man einen Geschenkgutschein schlecht gegen Toilettenpapier einlösen.
»Heute ist Ihr Glückstag«, sagte der Schuhverkäufer, als er wiederkam. Er sah tatsächlich aus wie ein Heilbutt. »Sie kriegen noch einmal 20 Prozent Rabatt auf den Ausverkaufspreis.«
»Fantastisch.« Strahlend griff ich nach der Schachtel. Ein Gottesgeschenk.
Als ich fünfzehn Minuten später, vor Erregung bebend, an der Kasse wartete, zweifelte ich schon wieder an diesem Gottesgeschenk. Die Kasse ertrug meine tödlichen Blicke stoisch. Ein Kassierer, den ich damit durchbohren konnte, war nicht in Sicht. Ich warf einen Blick auf die Uhr. 15:50. Meine Schicht begann um 16:30 Uhr und von hier aus brauchte ich eine halbe Stunde bis zur Arbeit. Gerade noch glaubt man, eine endlose Pechsträhne sei vorbei, weil man das Glück hat, ein perfektes Stiefelpaar stark reduziert zu ergattern, da steht man bereits schwitzend an einer unbesetzten Kasse, und das Glück läuft lachend davon.
Nachdem der Verkäufer zurückgekommen war und ich endlich wieder im Auto saß, krallte ich beide Hände ums Lenkrad, als könne ich mit reiner Willenskraft den Verkehr zum Fließen bringen. Doch der Verkehr zeigte sich unbeeindruckt.
Autorenportrait:
Kerry Reichs studierte an der Duke University School of Law und am Institute of Public Policy. Sie arbeitete als Anwältin in Washington DC, bevor sie sich dem Schreiben zuwandte. Kerry war auf zwölf Hochzeiten, war selbst noch nie verheiratet und hat auch