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Die Mauer
 

Die Mauer

13. August 1961 bis 9. November 1989 von Frederick Taylor (buch)

Zum 50. Jahrestag des Mauerbaus im August 2011Beinahe dreißig Jahre stand die Mauer - sie spaltete ein Land, sie zerriss Familien, viele starben beim Versuch, sie zu überwinden. Frederick Taylor erzählt die Geschichte dieses Bauwerks, das nicht nur ein Symbol für den verlorenen ... weiterlesen
  • buch.de-Verkaufsrang:22.166
  • ISBN-10:3-570-55114-8
  • EAN:9783570551141
  • Erscheinungstermin:17.01.2011
  • Verlag:Pantheon
  • Einband:Taschenbuch
  • OriginaltitelThe Berlin Wall
  • Sprache:Deutsch
  • Seiten:576
  • Gewicht:699 g
  • Übersetzer:Klaus-Dieter Schmidt

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Kurzbeschreibung:

Zum 50. Jahrestag des Mauerbaus im August 2011


Beinahe dreißig Jahre stand die Mauer - sie spaltete ein Land, sie zerriss Familien, viele starben beim Versuch, sie zu überwinden. Frederick Taylor erzählt die Geschichte dieses Bauwerks, das nicht nur ein Symbol für den verlorenen Krieg und die daraus hervorgegangene Teilung Deutschlands, sondern auch ein Fanal der Unmenschlichkeit war. Ein eindringliches Buch über die Zeit des Kalten Kriegs und darüber, was der Eiserne Vorhang für das Leben der Menschen bedeutet hat.


»Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.« Der Zynismus dieses Satzes, den Walter Ulbricht wenige Wochen vor dem Mauerbau auf einer Pressekonferenz verkündete, wurde den Deutschen spätestens am 13. August 1961 bewusst. Am Morgen dieses Tages mussten die Bewohner Berlins feststellen, dass ihre Stadt über Nacht endgültig geteilt worden war. Soldaten der ostdeutschen Nationalen Volksarmee hatten die ersten Sperranlagen errichtet, die sich im Laufe der Zeit zum Symbol der deutschen Teilung, zur Berliner Mauer auswachsen sollten.


Frederick Taylor erzählt nun erstmals die vollständige Geschichte dieses unmenschlichen Bauwerks und lässt damit zugleich die deutsch-deutsche Nachkriegsgeschichte lebendig werden. Er rekonstruiert die Entscheidungen, die zum Mauerbau führten, beschreibt die Verzweiflung der plötzlich getrennten Familien ebenso wie die dramatischen Fluchtgeschichten, zu denen es an der Mauer immer wieder kam. Gestützt auf intensive Archivrecherchen und Augenzeugenberichte entwirft Taylor ein Panorama Berlins zur Zeit des Ost-West-Konflikts, als beide Teile Deutschlands auch immer ein Spielball im Kampf der Supermächte waren.


Pressestimmen:

»Die fesselnde, leidenschaftlich erzählte Geschichte des grausamsten Symbols des Kalten Kriegs.« (The New York Times)

Zusatzinformationen (Autorenportrait):

Frederick Taylor hat Neue Geschichte und Germanistik studiert und ist Fellow der Royal Historical Society. Die deutsche Geschichte kennt Taylor von mehreren Studienaufenthalten, die ihn bereits in den 1970er Jahren für längere Zeit in beide deutsche Staaten führten. Sein Buch über die Bombardierung Dresdens im Zweiten Weltkrieg »Dresden. Dienstag, 13. Februar 1945« (2004) wurde ein internationaler Bestseller.
Willkommen an der Mauer
Es war an einem Wochenende im August 1961. Ich hatte eine glückliche Kindheit hinter mir und mit meinen 13 Jahren ohne allzu viele unangenehme Zwischenfälle die Schwelle der Adoleszenz erreicht. Jetzt jedoch hing eine Wolke über dem Horizont. Meinem Vater ging es nicht gut, ganz und gar nicht. Das Rauchen - sein einziges Laster, soweit ich wusste - hatte ihn bereits einen Lungenflügel gekostet. Nach der Operation anderthalb Jahre zuvor schien er sich gut erholt zu haben, aber in diesem Sommer wirkte er wieder schwach und erschöpft und hütete oft das Bett. Ich ging häufig hinauf, um ihm Gesellschaft zu leisten. An diesem Tag sprachen wir über einen Artikel in der Sonntagszeitung. Deshalb erinnere ich mich daran, dass es ein Wochenende war. Bedeutsame, irgendwie unheilvolle Dinge gingen vor in der Welt.
Mein Vater hatte an jenem Abend einen schweren Herzanfall. Unsere Nachbarin, eine Krankenschwester, eilte herbei, und ich erhaschte durch die halb offene Schlafzimmertür einen Blick auf sie, wie sie auf seine Brust drückte, um ihn am Leben zu erhalten. Dann wurden wir nach unten geschickt. Der Arzt kam. Jemand schaltete den Fernseher ein, um uns zu beschäftigen. Flackernde Schwarz-Weiß-Bilder einer Großstadt. Wütende Menschen, Männer mit Gewehren und Stacheldraht. Vielleicht ein oder zwei Panzerspähwagen. Die Erinnerung ist etwas verschwommen, so wie die Bilder. Es ist lange her.
Ich weiß immer noch nicht, ob der Entschluss, dieses Buch zu schreiben, etwas mit diesem Abend zu tun hatte. Aber für mich wird die Berliner Mauer stets nicht nur mit dem Zustand der Welt von damals und heute verbunden sein, sondern auch mit einem starken Gefühl von Abschied und Trennung. Der Tag, an dem sie gebaut wurde, markierte für mich wie für viele Millionen andere Menschen das Ende eines Lebensabschnitts und den Beginn eines neuen, schwereren. Mein Problem an jenem Tag war jedoch weder ökonomischer noch geographischer oder politischer, sondern rein privater Natur, und es hatte nichts mit Berlin zu tun.
Mein Vater blieb noch einige Zeit im Obergeschoss. Ich sah ihn nur noch einmal, später am Abend, wieder durch eine halb offene Tür, diesmal diejenige zu meinem Schlafzimmer. Sanitäter trugen ihn auf einer Bahre über den Flur zur Treppe. Er war bei Bewusstsein und sah sich um. Er machte einen ernsten, aber gefassten Eindruck. Fast schien es, als sei er neugierig auf das, was mit ihm geschah.
Im Krankenhaus erlitt er einen weiteren - dieses Mal tödlichen - Herzinfarkt. Es war der 14. August 1961. Tags zuvor, am Sonntag, war eine Vorform der späteren Berliner Mauer errichtet worden, die eine Großstadt teilte und Menschen voneinander trennte, Freunde von Freunden, Eltern von ihren Kindern, Brüder und Schwestern von ihren Geschwistern. Gleichzeitig war es auch der Tag, an dem ich von meinem Vater getrennt wurde. Das Hindernis, das ihn von mir trennte, war düster, geheimnisvoll und vor allem dauerhaft. Die Berliner Mauer war dagegen in keiner Weise geheimnisvoll. Sie war real und brutal. Es sollte sich erst noch herausstellen, dass sie nicht dauerhaft war, aber das konnte damals noch niemand ahnen.
Als ich Berlin fast auf den Tag genau vier Jahre später zum ersten Mal besuchte, hatte ich ganz gewiss den Eindruck, als würde die Mauer bis an mein Lebensende bestehen bleiben. Ich war 17 Jahre alt und stand ein Jahr vor meinem Schulabschluss. Im Jahr vor dem Tod meines Vaters hatte ich begonnen, Deutsch zu lernen, und jetzt war ich auf einer Klassenfahrt in der Stadt, die geteilt worden war, als er starb. Ich erinnerte mich an die Bilder aus jener Nacht im Jahr 1961, auch wenn sich die Stadt, als ich sie wirklich sah, ganz in Farbe präsentierte und keineswegs so verschattet und bedrückend wirkte wie ein Horrorfilm aus der Stummfilmzeit, wie ich sie mir seltsamerweise vorgestellt hatte. Stattdessen unterschied sie sich nicht allzu sehr von London. Es war allerdings ein London mit wesentlich mehr Bomben- und Granatenlöchern und mit einer quer durch die Stadt verlaufenden Zement- und Stacheldrahtsperre, die immer noch improvisiert und wacklig aussah.
Das Hotel, in dem wir untergebracht waren - es handelte sich wohl eher um eine Jugendherberge -, befand sich an einer Ecke des ehemals ziemlich prächtigen, dann aber weitgehend zerstörten und noch nicht wieder aufgebauten Askanischen Platzes im West-Berliner Bezirk Kreuzberg. Dem Hotel gegenüber stand die Ruine der Eingangsfront des Anhalter Bahnhofs; der Rest der einst größten Berliner Eisenbahnstation war dem großen amerikanischen Luftangriff am 3. Februar 1945 zum Opfer gefallen. 200 Meter weiter zog sich die Mauer hin, und der Checkpoint Charlie war bequem zu Fuß zu erreichen. In der Nähe des Hotels stand eine Holzplattform, auf die man über eine Treppe hinaufsteigen konnte, um einen Blick in den »Osten« zu werfen. Man sah damals allerdings hauptsächlich ramponierte und größtenteils ungenutzte Regierungsgebäude in der Leipziger und der Wilhelmstraße. Heute weiß ich, dass dies das »Regierungsviertel« war, mit Hermann Görings berühmtem Luftfahrtministerium als einem der herausragenden Bauwerke. Das in den dreißiger Jahren errichtete Gebäude sah schlimm aus, so leer und verwaist und vom Krieg gezeichnet. Zwischen den Pflastersteinen und auf den verkehrsfreien Straßen wuchs Unkraut.
Ich glaube, wir waren ungefähr ein Dutzend Jungen und Mädchen. Die Leitung lag bei unserem liebenswürdigen Deutschlehrer, Mr. Kitson, und bei einem fröhlichen jungen Studenten aus Österreich, der die Angewohnheit hatte, beim Gehen eine Melodie zu summen und hin und wieder einige Tanzschritte einzulegen. Wenn ich mich richtig entsinne, war es irgendeine geförderte politische Bildungsreise. Ich weiß noch, dass ich erstaunt war, wie wenig die Menschen dem Stereotyp des »Deutschen« aus den Kriegs- und Nazifilmen glichen. Man sah nur wenige Uniformen, dafür viel Freizeitkleidung; die Deutschen waren etwas blonder und rotgesichtiger als die meisten Briten, ansonsten aber erstaunlich, um nicht zu sagen enttäuschend normal. Und soweit ich es mit meinen immer noch begrenzten Deutschkenntnissen verstand, besaßen sie einen frechen, vorlauten Humor, nicht unähnlich dem der Cockneys in London. Wir wurden in ein echtes Berliner Kabarett geführt. Eine der Nummern war ein »Schulmädchen«-Lied, das von drei Schauspielerinnen in durchsichtigen Regenmänteln und hochhackigen Schuhen vorgetragen wurde, die angeblich in der Augsburger Straße arbeiteten. Ich verstand sogar einige der Witze, etwa den Wink, dass sie am meisten beschäftigt seien, wenn der Bundestag seine Sitzungen in Berlin abhielt. Dieser Witz wurde von den
Zuschauern am lautesten belacht. Berliner sind nicht gerade für Respekt bekannt.
Bevor wir die obligatorische Reise durch den »Eisernen Vorhang« nach Ost-Berlin unternahmen, mussten wir uns auf der Westseite zu Kaffee und Keksen einen Vortrag anhören. Gehalten wurde er von einem jungen Mann, den ich zuerst für einen Amerikaner hielt - Bürstenhaarschnitt, Button-Down-Kragen, Hornbrille -, der sich aber trotz seines stark amerikanisierten Englisch als West-Berliner herausstellte. Er erklärte uns, was wir schon wenige Minuten, nachdem wir unsere Unterkunft erreicht hatten und zu einem Spaziergang die Straße entlang aufgebrochen waren, erkannt hatten: dass die Mauer ein monströses Bauwerk sei, das Menschen errichtet hätten, die Freiheit nicht nur als entbehrlich, sondern auch als gefährlich ansähen.
Als wir schließlich eines Morgens die Grenze überschritten, fühlte ich mich sogar ein bisschen heimisch. Ich erinnerte mich, dass mein Vater, der im Krieg in der nordafrikanischen Wüste gekämpft hatte, die dortigen Deutschen stets gemocht und geachtet hatte, obwohl sie Feinde waren. Ihr Befehlshaber, General Rommel, war jemand, den er gern auf unserer Seite gesehen hätte. Die Deutschen in El Alamein und anderen Küstenorten waren nicht die unheimlichen Gestapo- und SS-Männer gewesen, die die furchtbaren Gräuel an der Ostfront und in den besetzten Ländern begingen, sondern die normalen Soldaten des Afrikakorps. Für mich sahen die meisten West-Berliner wie die Durchschnittsdeutschen aus, an die sich mein Vater erinnert hatte.
Den ersten Schock löste dann das Aussehen und Auftreten der uniformierten Beamten am Grenzübergang aus. Mit versteinerter Miene starrten sie auf das Foto in meinem Pass, dann auf mich, dann wieder auf das Foto und scheinbar endlos so weiter. In einem Deutsch, das ich nicht verstand, wurden Befehle gebrüllt; heute weiß ich, dass es Sächsisch war. Noch während wir erfolglos versuchten, locker schlendernd an den letzten Wachposten vorbeizugehen und das triste, reklamefreie Ost-Berlin zu betreten, musste ich mich zwingen, mich nicht umzudrehen, um zu überprüfen, ob sie uns immer noch anstarrten. Überall waren Uniformen. Sie ähnelten in der Tat denjenigen der Nazischergen in den Kriegsfilmen. Als wir wenig später Unter den Linden haltmachten, um die klassizistische
Neue Wache zu betrachten, vollführten die Wachsoldaten irgendein Ritual - im Stechschritt und in Schaftstiefeln! Und auf den Köpfen trugen sie eine seltsame Mischung aus dem Kohleneimerhelm der Wehrmacht und dem klassischen Helmmodell 40 der Roten Armee.
Dann begann die historische Besichtigungstour. Die Ostdeutschen hatten mit einem Respekt, den ich naiverweise von Kommunisten nicht erwartet hätte, damit begonnen, einige der schönen klassizistischen Bauten zu restaurieren. Als dann der Nachmittag in den Abend überging, drängte sich unser Haufen durch die Tür eines Neubaus am Alexanderplatz. Dort begegneten wir einem Mann von Ende dreißig, Anfang vierzig in ostdeutscher Armeeuniform mit großen, verzierten Epauletten, die auf 20 Meter Entfernung seinen hohen Rang signalisierten, und den obligaten Schaftstiefeln. Er fixierte mich mit dem stahlharten Blick seiner hellen Augen und ließ nach einem Knurren eine Tirade vom Stapel, die zu verstehen mein Deutsch gerade gut genug war: Ich sei ein dekadenter Jungspund mit zu vielen Haaren, dem der Respekt vor der Uniform fehle. Wenn ich in seinem Land wäre, wüsste er, was er mit mir tun würde, o ja, er würde wissen, wie man einen Mann aus mir macht. Der Mann war zwar offensichtlich betrunken, dennoch verfehlte sein militärisches Gebaren seine Wirkung nicht. Ostdeutschland, begriff ich, mochte vorgeben, ein Arbeiterparadies zu sein, doch von den kostenlosen Krippenplätzen, den billigen Wohnungen und den lebenslangen Arbeitsstellen einmal abgesehen, ging es letzten Endes um Macht. Unbegrenzte, ungezügelte Macht. Jene Art von Macht, die eine Mauer bauen konnte, durch die 17 Millionen Menschen eingesperrt wurden, 17 Millionen Menschen, denen Figuren wie der betrunkene Offizier sagen konnten, was sie zu tun und zu lassen hatten, und die keine andere Wahl hatten, als strammzustehen und die Befehle entgegenzunehmen. Seit dem 13. August 1961 gab es keinen anderen Ort mehr, an den sie gehen konnten.
Wir kamen unversehrt davon. Ich glaube, Mr. Kitson hatte einige diplomatische Erfahrungen gesammelt, als er unmittelbar nach dem Krieg beim Militär in Deutschland diente. Als wir schließlich gegen Mitternacht - damals die Sperrstunde, zu der das Tagesvisum für ausländische Ost-Berlin-Besucher auslief - den Grenzübergang in umgekehrter Richtung hinter uns gebracht hatten, seufzten wir alle erleichtert auf.
Als Student der deutschen Sprache und Geschichte unternahm ich zwei weitere Reisen nach Berlin. 1972/73 wollte ich dann länger im Osten bleiben. Ich recherchierte für eine Dissertation über die äußerste Rechte in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg, und während sich viele Quellen aus der Zeit nach 1918 in Westdeutschland befanden, war das Material aus dem Kaiserreich durch die Wirren des Krieges zum größten Teil in ostdeutschen Archiven gelandet. Ich musste also für Wochen, wenn nicht Monate »rüber«.
Gelegentlich einen Tagesausflug nach Ost-Berlin zu unternehmen, wie es viele Ausländer taten, war leicht. Aber die Berliner Stadtgrenze zu überqueren und den geheiligten Boden der eigentlichen DDR zu betreten war eine andere Sache. Das bürokratische Verfahren, das ich durchlaufen musste, um die Aufenthaltserlaubnis zu erhalten, die ich brauchte, um die Archive im Osten zu besuchen, war nervenaufreibend. Ich kam in West Berlin beim Freund eines Freundes unter und pilgerte, wie mir schien, endlos - obwohl es nur zwei- oder dreimal gewesen sein dürfte - über den Grenzübergang in der Friedrichstraße zum Polizeipräsidium am Alexanderplatz. Dort reihte ich mich in eine Warteschlange ein und erfuhr die volle Wucht der Abneigung und des Misstrauens, die der »Arbeiter-und-Bauern-Staat« gegen Menschen hegte, die ihn besuchen wollten. Einmal stand ich hinter einem langgliedrigen, lächelnden Südamerikaner, der nach Prag wollte und um die Genehmigung bat, sein Fahrrad auf der Fahrt durch die Deutsche Demokratische Republik mitnehmen zu dürfen. Ha! Wo kommen wir denn da hin! Warum wollte er das? Der Gesichtsausdruck des ostdeutschen Beamten sagte: Spion, du musst ein Spion sein. Antrag abgelehnt!
Mir gegenüber waren die bürokratischen Torwächter um keinen Deut freundlicher. Aber ich hatte die nötigen Vorarbeiten erledigt, und so erhielt ich schließlich die Erlaubnis für einen dreiwöchigen Aufenthalt in Potsdam. Dafür musste ich eine für einen Studenten riesige Summe in harter Währung in überall sonst wertlose Ostmark eintauschen. Außerdem musste ich in einer von den ostdeutschen Behörden ausgesuchten Pension absteigen, die - ebenfalls in harter Währung und zu einem exorbitanten Kurs - im Voraus zu bezahlen war.
Potsdam ist nur durch die Havel vom West-Berliner Stadtteil Wannsee getrennt. Hätte es eine offene Brücke gegeben, hätte ich zu Fuß ins Archiv gehen können. Stattdessen musste ich über den Bahnhof Friedrichstraße einreisen und dann eine zweistündige Fahrt unternehmen, zuerst an die Grenze von Ost-Berlin und von dort mit einem anderen Zug um die halbe Stadt herum nach Potsdam, immer die Genehmigung griffbereit, die es mir als westlichem Ausländer erlaubte, mich auf dem Territorium der DDR aufzuhalten. Das Archiv lag direkt an der Havel. Mittags, wenn ich meine Aktenarbeit unterbrach, ging ich in den wunderschönen Park hinunter, der sich am Flussufer entlang erstreckte. Es war ein idyllischer Ort, abgesehen von den Warnschildern, den bewaffneten Grenzwachen, die in Barkassen auf dem Wasser patrouillierten, und dem Stacheldraht, der die nahe gelegene Glienicker Brücke schmückte, die seit dem 13. August 1961 geschlossen war - außer bekanntlich für den Agentenaustausch zwischen Ost und West. Sogar in der DDR, dem Land der Vorschriften, gab es stets eine Ausnahme.
Die lauernde Macht war gleichwohl immer zu spüren. Während eines weiteren längeren Besuchs in Ostdeutschland recherchierte ich im zweiten bedeutenden Archiv der DDR in Merseburg, 190 Kilometer südwestlich von Berlin. In jenem Sommer forschten dort auch einige andere westliche Studenten, und natürlich verbrachten wir viel Zeit zusammen. Wir aßen die einfachen Gerichte in den tristen örtlichen Wirtshäusern - außerhalb des Schaufensters Berlin wurden die Dinge rasch schlechter -, tranken zu viel billiges Bier und unterhielten uns mit den Einheimischen. Unsere Trinkkumpane waren häufig Arbeiter aus dem großen Chemiekomplex in Leuna, dem größten Arbeitgeber der Gegend. Sie sprachen offen über die verheerende Luftverschmutzung, die Arroganz der Unternehmensleitung und die Skrupellosigkeit bei der Erfüllung von Normen und Quoten, ein Kampf um Ergebnisse, der ebenso unbarmherzig war wie in der kapitalistischen Wirtschaft. Unabhängige Gewerkschaften, Enthüllungsjournalismus oder die anderen Gegengewichte, die es in pluralistischen Gesellschaften trotz aller sonstigen Mängel gab, fehlten in der DDR.
Sosehr die Ostdeutschen darauf erpicht waren, mit einem zu reden, so auffallend war bei den meisten dieser leicht verkniffene Blick, mit dem sie sich ständig umsahen. Sie vergewisserten sich, dass niemand zuhörte, dann begannen sie zu sprechen, für gewöhnlich, um sich über die schlechte Qualität der Dinge, die sie in den Geschäften kaufen konnten, zu beklagen, weil alles Anständige in den Export ging, um Devisen ins Land zu holen. Die »große« Politik wurde selten erwähnt. Dann wieder dieser Blick in die Umgebung, ein Blick von Menschen, die in einem kleinen Land in der Falle saßen, ohne einen Ausweg zu haben, in einem Land, in dem jede Unmutsäußerung und schon mildes Fernweh als Verrat angesehen werden konnten.
Natürlich gab es auch jene, denen das Leben in der DDR gut bekam, sehr gut sogar. Auch das konnte ich während meines Besuchs in Merseburg beobachten. Man erwartete von uns, dass wir den Bezirk, für den unsere Visen galten, nicht verließen, doch als aufmüpfige westliche junge Menschen der siebziger Jahre vergaßen wir diese Vorschrift, sobald das Wochenende kam. An einem solchen drängten wir uns in einen Zug und unternahmen verbotenerweise einen Tagesausflug in die deutsche Kulturhauptstadt Weimar, die einstige Wirkungsstätte von Goethe und Schiller. Wir hatten Glück. Es waren ziemlich viele Touristen dort, sodass wir nicht auffielen. Und Gott sei Dank kontrollierte niemand unsere Papiere. Bevor wir an jenem Sonntagabend nach Merseburg zurückfuhren, statteten wir, wie es westliche Besucher nun einmal, ohne weiter darüber nachzudenken, taten, der besten Herberge am Ort, dem Hotel Elephant, einen Besuch ab und gingen in den Keller hinunter, um zu Abend zu essen.
Dort trafen wir die üblichen lustlosen Kellner der »volkseigenen« Gastronomie an, die offenbar speziell dafür ausgebildet waren, den Gästen nicht in die Augen zu sehen. Es dauerte eine ganze Weile, bis unsere Getränke kamen, und sogar noch länger, bis unser Essen serviert wurde. Im Lauf der Zeit weckte eine in einer Ecke sitzende Gruppe nicht eben vornehmer Männer mittleren Alters unsere Aufmerksamkeit. Sie hatten die Krawatten gelockert, die Jacketts über die Stuhllehnen gehängt und waren ziemlich laut. Aber die Kellner reagierten wie ein geölter Blitz auf jeden ihrer Wünsche, auf jedes Schnippen ihrer nikotingelben Finger und quittierten jede banale Bemerkung mit einem Lächeln. Sie katzbuckelten regelrecht vor ihnen. Wie kam das? Als ich an der Gruppe vorbei zur Toilette ging, erkannte ich den Grund. Ich entdeckte zuerst an einem und dann an einem anderen Jackett das kleine Parteiabzeichen. Die Männer waren die örtlichen SED-Bonzen. Jahre später fiel mir die Ähnlichkeit dieses Tableaus mit jener Szene in Martin Scorseses Spielfilm Goodfellas auf, in der ein Mafiagangster in einem Restaurant erscheint und den anderen Anwesenden klar wird, dass man ihn in den inneren Kreis der »Familie« aufgenommen hat, und plötzlich ist er der König.
Wie die meisten Mafiabanden entstand die kommunistische, weil sie den Unterdrückten am Anfang Hoffnung und Schutz versprach. In gewisser Weise erfüllte sie ihr Versprechen auch, freilich zu einem enormen Preis an Freiheit und Vergnügen. Und wie jede andere Mafia wagte sie es nicht, ihrem Schützling eine Wahlmöglichkeit zu lassen, nachdem sie ihre Herrschaft gefestigt hatte. Wer weiß, vielleicht haben sich die sizilianischen Paten - auch ohne die ideologische Unterstützung des Marxismus-Leninismus - ebenfalls eingeredet, die von ihnen ausgeübte Unterdrückung sei zum Besten des Volkes. Die Kombination von hohem moralischen Ton und niedriger Unterdrückung war gewiss nichts Neues.
Willkommen an der Mauer. Dieses Buch hofft ein wenig erklären zu können, wie diese geschlossene Welt zuerst durch Sand und Blut und dann durch Stacheldraht und Beton entstand, wieso sie ein halbes Menschenleben lang eine, wenn auch im Kern verrottete, Blüte erleben konnte und wie sie in einer aufregenden Nacht auf unvorhergesehene und unvorhersehbare Weise zu Ende ging.
Frederick Taylor hat Neue Geschichte und Germanistik studiert und ist Fellow der Royal Historical Society. Die deutsche Geschichte kennt Taylor von mehreren Studienaufenthalten, die ihn bereits in den 1970er Jahren für längere Zeit in beide deutsche Staaten führten. Sein Buch über die Bombardierung Dresdens im Zweiten Weltkrieg »Dresden. Dienstag, 13. Februar 1945« (2004) wurde ein internationaler Bestseller.
Frederick Taylor:
Frederick Taylor studierte Geschichte- und Literatur in Oxford und München. Bereits während des Kalten Krieges mit beiden Teilen Deutschlands intim vertraut, wurde er Verleger und Autor mehrerer Romane mit Schauplatz Deutschland und veröffentlichte eine englische Ausgabe der Goebbels-Tagebücher.

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