Opus 99... und andere Fragmente aus der Geschichte der deutsch-russischen Familie Bruns

Versuch einer literarischen Annäherung

Autobiographien

Mein Onkel Victor Bruns war ein bescheidener Mann. In gewissem Maße galt für ihn, was Christa Wolf einmal an Lew Kopelew beschrieb. Wie dieser russische Dichter, so wirkte auch Victor Bruns in jedem Sinne des Wortes entwaffnend. Er besaß tiefen Sinn für Anstand und Menschlichkeit. Ich glaube, Onkel Victor vermochte es, die besten Seiten eines jeden zu wecken, der ihm nahe kam. In seinem über 90 Jahre währenden Leben errang er als talentierter Musiker und geistvoller Komponist einige internationale Bekanntheit. Das Fagott war sein Instrument. Sein 99. kompositorisches Werk, ein Oktett für Fagotte, blieb ein Fragment…
Opus 99 steht nun sinnbildlich für alle Fragmente, die mir aus der Geschichte meiner Familie zu finden gelang. Kleinere oder größere Erinnerungsteilchen. Aus ihnen suchte ich ein Mosaik zu fertigen. So gelang mir vom Ende her ein weiter Blick auf die Menschen, von denen ich her kam. Vielleicht entfaltet sich daraus eine Ahnung dessen, was ihre Zeit, ihr Glück und Leid ausmachten. Von Onkel Victor will ich berichten, von meinen Eltern, meinem Bruder und mir, aber auch von Menschen, deren Zeit sehr viel weiter zurückliegt. Manches ihrer Leben blieb unvollendet, wurde zerstört oder nahm Wendungen, die am Beginn ihrer Zeit unvorstellbar schienen. Das Fagottspiel meines Onkels Victor, sein musikalisches Werk, bedeutet im Konzert dieser langen Familiengeschichte nur einen Ton inmitten vieler. Gewiss ist er ein besonders schöner. Einer, den man nicht ungehört wissen will. Weil seine Stimme gefehlt hätte. Musik spielte im Leben der Bruns immer eine große Rolle, bis heute. Vielleicht gehört Musik ganz besonders zum Wesen von Menschen, die in Russland und Deutschland ihre Wurzeln haben, auch einst von Deutschen im russischen St. Petersburg. Vielleicht fördert russisch-deutsches Zusammenleben die Musikalität so sehr, dass sie ins Blut geht und so in die Gene nächster Generationen…
Ich wurde in Leningrad geboren! 24 Minuten vor meinem Bruder Andrej! Unsere Eltern und viele ihrer Verwandten – alle hatten in der Stadt an der Newa ihre Heimat. Seit 1940 lebe ich in Deutschland, bin Deutscher. Bis heute aber ist mir Russland – Heimat! Dieses sich unendlich weit erstreckende Land. Über siebzig Jahre nach meiner Ankunft in Deutschland scheint mir, ich ziehe meine Kraft auf geheime Weise immer noch aus diesen frühen Kindheitsjahren. Ich spüre, was Wurzeln sind: Das Land der Herkunft! Seine Menschen dort, die weiterhin meine Menschen sind. Im Urgrund der längst versunkenen Welt unserer Vorfahren findet sich Elend und Reichtum, Unbelesenheit und höchste Kultur, Musik, Lieder singen… All das gehört dazu. Angenommenes und Eigenes, Liebens- und Hassenswertes… Unglaublich filigran ist dieser „Wurzelballen". Aber natürlich zählt auch Deutschland dazu, meine zweite Heimat. Durch sie führt schließlich die weiteste Strecke meines Lebens, die Zeit meines Wirkens und die Jahre mit meiner eigenen Familie.
Deutschland ist ein gutes, schönes, kulturvolles Land, hätten es nicht unselige Ideologien wieder und wieder entstellt, wäre es auf vielerlei Weise nicht so zerfurcht von selbstentfesselten Kriegen und zugedröhnt vom sich modern wähnenden Marktgeschrei. Man möchte darin leben, man lebt darin, aber manchmal erscheint es mir eng.
Alles Leben wird Geschichte. Sie manifestiert, ja personifiziert sich vor allem in den Namen von Menschen ihrer Zeit. Ich glaube: Wenn wir jemanden nicht bei seinem Namen rufen können, bleibt uns Vergangenheit fremd, unerkennbar und blutleer. Suchend erkannte ich: Vom Leben vieler Menschen meiner Familie hinterließen die Jahre nur Fragmente der Erinnerung an ihre Gestalt, Gedanken, Erlebnisse und Erfahrungen. Wenige vergilbte Fotografien, eine handvoll Schriftstücke, dürftige Relikte ihres Alltages künden noch von ihnen. Einigen Verwandten war es vergönnt ein würdiges Werk in der Welt zu hinterlassen. Die meisten lebten ein ganz einfaches, unauffälliges Leben. Stationen der deutsch-russischen Familie Bruns offenbarten sich mir in Lebensbildern, die überdauerten. Jedes erzählte vom stummen oder lauten Aufeinandertreffen von Macht und Individuum. Aus der Tiefe oder von den Rändern ihrer Zeit fügten sich die Fragmente ihres Lebens noch einmal zusammen. Beim Beschäftigen mit den mir bekannten oder unbekannten Frauen und Männern unserer Familie Bruns war es fast, als riefe ich nach ihnen und bat sie darum, mir zu erzählen, was war… Mancher dieser Gerufenen ging vielleicht durch seine Zeit, wie jener Mann in dem Film „Nostalghia" von Andrej Tarkowski: Jemand, der mit einer Kerze durch den Sturm geht – bemüht ihre Flamme nicht ausgehen zu lassen. Vielleicht hoffte der eine oder andere, dessen Namen in dieses Buch zu bringen gelang, dass seine Geschichte irgendwann, irgendwie noch einmal aufklingen möge: Menschen wie Anna Alexandrowna Kobylina und Pjötr Petrowitsch Moskalskij, Margarita Petrowna Terechovko und Wasilij Wasiljewitsch Terechovko, Soja Wasiljewna Bruns, Erich, Victor und Friedrich Victorovitsch Bruns, Margarita Michailowna Oleneva, Olga Leonidowna Zabotkina, Andreas Erichowitsch Bruns. Jeder lebte sein Stück Zeitgeschichte. Sie alle gehören in das Gezweig meiner deutschen und russischen Wurzeln. Bis in ihre tiefsten Lebensbereiche hinein wirkten politische Umwälzungen, Revolutionen, Kriege und Katastrophen. Für manche blieben Glück, Gesundheit, Wohlergehen und Frieden nur ein unerfüllter Traum – ein frommer Wunsch.
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Beschreibung

Produktdetails


Einband Klappenbroschur
Seitenzahl 260
Erscheinungsdatum 05.01.2014
Serie Autobiographien 47
Sprache Deutsch
ISBN 978-3-86465-034-5
Verlag Trafo Verlagsgruppe
Maße (L/B/H) 211/128/22 mm
Gewicht 343
Abbildungen mit 70 Fotos und Abbildungen
Auflage 1
Buch (Klappenbroschur)
18,80
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